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Für die Familie zahlt sie gerne drauf

Familie und Beruf zu vereinen, kostet viel Energie. Doch für Susanne Simon ist es vor allem eines: fantastisch.
Von Kim Emmerich

Susanne Simon, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Innovations- und Gründerzentrum für Biotechnologie (IZB) in München
Susanne Simon, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Innovations- und Gründerzentrum für Biotechnologie (IZB) in München Foto: Dominik Gierke

München.Den perfekten Zeitpunkt für Kinder gibt es nicht! Das zumindest findet Susanne Simon, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Innovations- und Gründerzentrum für Biotechnologie (IZB) in München. Dennoch sei es möglich - sogar fantastisch - Familie und Beruf zu vereinen. Die 56-Jährige hat zwei Kinder im Alter von 12 und 16 Jahren. Im Gespräch mit der Mittelbayerischen erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Sie sind beruflich erfolgreich und Mutter zweier Kinder. Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?

Ich stehe gegen 5:30 Uhr auf, wecke die Kinder, mache mich fertig, bereite das Frühstück und bin zwischen halb 8 und 8 im IZB. Dann arbeite ich meistens bis 13 oder 14 Uhr, fahre nach Hause, kümmere mich ums Mittagessen und verbringe Zeit mit meinen Kindern. Anschließend arbeite ich meistens noch circa zwei bis drei Stunden und dann kommt es drauf an, was ansteht, zum Beispiel Arzttermine oder Besorgungen.

Das klingt nach einem durchgetakteten Tag. Wann wurde bei Ihnen die Familienplanung konkret?

Als ich von Düsseldorf zurück nach München kam, habe ich meinen Mann kennengelernt. Nach zwei Jahren haben wir geheiratet und ich habe mein erstes Kind bekommen und ein Jahr Pause gemacht. Damals haben alle Kolleginnen zu mir gesagt: „Du bist die erste von uns, die schwanger wird, du musst das gut machen, damit wir auch Kinder kriegen und in Teilzeit arbeiten können.“ (lacht) Ich habe damals mit 20 Stunden wieder angefangen und ein Drittel davon konnte ich zuhause arbeiten. Da war der Tag natürlich extrem durchstrukturiert. Kaum hatte meine Tochter die Augen zu, saß ich schon am Schreibtisch und habe gearbeitet. Im IZB habe ich auch mit 20 Stunden pro Woche angefangen und arbeite mittlerweile offiziell 32 Stunden pro Woche, allerdings mit vielen Überstunden. Die kriege ich aber natürlich bezahlt oder ich kann sie als Urlaub nehmen.

Gab es Momente im Leben Ihrer Kinder, die Sie aufgrund von Arbeit verpasst haben?

Nein, das kann man nicht sagen. Ich war immer dabei, das war wirklich sehr schön.

„Ich wollte immer Kinder haben. Für mich stand die Karriere nicht an oberster Stelle.“

Susanne Simon

Haben Sie, bevor Sie eine Familie gegründet haben, darüber nachgedacht, dass Kinder Ihre Karriere verlangsam könnten?

Ja, das ist einem immer klar. Das war für mich aber nie relevant. Ich wollte immer Kinder haben. Für mich stand die Karriere nicht an oberster Stelle. Das Arbeiten an sich ist toll und macht mir wahnsinnig viel Spaß. Es ist fantastisch, Familie und Beruf zu vereinen. Die digitalen Medien haben in der Hinsicht vieles leichter gemacht. Deswegen ist es auch für die Frauen heute viel leichter geworden, im Home Office zu arbeiten.

Das ist sicher branchenabhängig. Eine Ärztin kann nicht von zuhause aus arbeiten.

Das ist richtig, vom Berufsbild ist es natürlich abhängig. Viele Mütter fangen einfach sehr früh an zu arbeiten, wir schlafen ja nicht aus. Ich gehe auch nie montags zur Arbeit und schaue, welche Mails ich habe. Die habe ich alle schon am Wochenende gelesen und bearbeitet. Man lernt, sehr effizient zu arbeiten.

Manche Paare teilen sich die Betreuung auf, wenn die Kinder noch sehr klein sind. War Ihr Mann auch daheim, solange die Kinder klein waren?

Nein. Der hat Vollzeit gearbeitet, die ganze Zeit.

War es mal ein Thema, dass ihr Mann daheim bleibt und Sie wieder arbeiten gehen?

Das ist schwierig. Mein Mann ist selbständiger Rechtsanwalt. Einer ist eben Hauptverdiener und der andere ist Zuverdiener. Als Frau in Teilzeit verdienen Sie natürlich nie so viel, wie wenn Sie ganztags arbeiten. Man gibt da natürlich schon viel ab. Und wenn die Kinder noch klein sind, hängen sie auch sehr an der Mutter.

Würden Sie sagen, in unserer jetzigen Gesellschaft ist es für die Frau tendenziell schwieriger, Karriere zu machen als für den Mann? Bedingt auch dadurch, dass Männer oft mehr verdienen?

So, wie sie jetzt ist, ja, aber das liegt nicht nur an Mann und Frau. Wir leben zum Beispiel in München, einer der teuersten Städte. Da kann man nicht einfach sagen: „Das kostet ja alles nix.“ Ich finde, dass Frauen, die halbtags arbeiten, genauso gut arbeiten wie jemand, der ganztags arbeitet. Die Wertschätzung dafür ist aber in der Gesellschaft noch nicht so ausgeprägt. Mein Chef lässt mir da zum Glück sehr viel Freiheit. Da braucht man auch Vorgesetzte, die das sehen und fördern.

Apropos Unterstützung und Förderung. Waren Ihre Kinder als sie klein waren in einer Betreuung?

Ich hatte ein bisschen die Luxus-Version. Meine Mutter und meine Schwiegermutter haben beide auf die Kinder aufgepasst.

Da haben sich Ihre Kinder bestimmt gefreut, so viel Zeit mit den Großeltern verbringen zu können. Da die Betreuung bei Ihnen anscheinend kein großes Problem war. Was waren sonst Herausforderungen für Sie, Kinder und Karriere zu vereinbaren?

Das ist schwierig, bei mir ist es wirklich von Anfang an gut gelaufen. Wenn die Kinder krank sind, hat man manchmal ein schlechtes Gewissen. Ich habe aufgrund von Krankheit meiner Kinder oder eigener Krankheit noch nie eine Stunde weniger gearbeitet. Meistens arbeitet man dann sogar doppelt so viel, weil man ein schlechtes Gewissen hat.

Dieses Phänomen kennen vermutlich viele. Einige Menschen, die Eltern werden wollen, fragen sich, ob es den perfekten Zeitpunkt für Kinder gibt. Wie sehen Sie das?

(lacht) Nein, den gibt es nicht. Das kann man nicht planen, das ist einfach das Leben. Es muss ja erstmal der richtige Partner da sein, denn Kinder verändern natürlich eine Beziehung. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Urlaub mit Kind, drei Wochen auf Sardinien. Da dachte ich „super toll“, aber es war einfach nicht wie immer. Ein Freund von mir hat immer gesagt „Urlaub mit Kindern ist wie Zuhause nur mit erschwerten Bedingungen.“ Aber ich sage mal so, vorher ein bisschen gereist zu sein, etwas erlebt zu haben und im Beruf „gesettled“ zu sein, macht es einem natürlich leichter, später wiedereinzusteigen. Mir hat es später auch nichts ausgemacht, ein paar Jahre abends nicht wegzugehen. Ich bin in meiner Studienzeit und danach viel gereist, habe ein Praktikum in Hongkong gemacht.

„Man muss auch fragen: Was kostet eine Familie? Man zahlt ja eigentlich nur drauf.“

Susanne Simon

Was würden Sie sich an staatlicher Unterstützung für Mütter wünschen?

Man könnte mal eine PR-Kampagne machen zur Frage ‚Was leisten eigentlich Frauen in unserer Gesellschaft, die Kinder haben?‘ Letztendlich sorgen wir dafür, dass unser Generationenprogramm aufrechterhalten wird. Man muss auch fragen: Was kostet eine Familie? Man zahlt ja eigentlich nur drauf. Sie brauchen eine größere Wohnung, ein größeres Auto, müssen in der teuersten Zeit reisen. Aus wirtschaftlicher Sicht kann man keine Familie gründen, das macht man nur aus emotionaler Sicht. Steuerlich müsste man Familien schon besser stellen finde ich. Es müsste irgendeinen Ausgleich geben. Man leistet ja einen Beitrag zur Gesellschaft.

Diesen Beitrag kann man in Geld gar nicht bemessen.

Den kann man nicht bemessen in Geld. Man gibt Leben weiter und wirtschaftlich ist es natürlich ein Investment in die Zukunft. Man erzieht Kinder auch. Das kostet Zeit und Kraft. Sie sind Psychologe, Nachhilfelehrer, Haushaltshilfe und Köchin in einem. Ich glaube grundsätzlich ist man sicher zufriedener, wenn man beides hat, Familie und Arbeit. Ich finde es auch toll, wenn Frauen zuhause bei ihren Kindern bleiben. Das ist eine riesige Leistung. Aber da kommt keiner und sagt: „Du hast aber toll aufgeräumt.“ Kinder aufzuziehen ist so kräftezehrend, das müsste stärker honoriert werden.

Gibt es denn einen Tipp, den sie jungen Frauen für die Vereinbarkeit von Kind und Karriere mit auf den Weg geben können?

Ich denke, dass es wichtig ist, sich den Job rauszusuchen, der einem wirklich Spaß macht. Dann ist man auch gut in dem Job und es findet sich ein Weg, weil die Leute Sie dann auch unbedingt haben wollen.

Die aktuelle Corona-Situation stellt insbesondere Familien mit kleineren beziehungsweise schulpflichtigen Kindern vor große Herausforderungen. Die Kinder müssen betreut werden, eventuell muss man sogar die Rolle des Lehrers übernehmen. Gleichzeitig wird erwartet, dass man im Home-Office weiter seinen Job macht. Sie und Ihr Mann sind beide berufstätig. Wie gehen Sie mit der Situation um?

Ich bin zurzeit im Wechsel im Homeoffice und im Büro tätig. Für mich ist das keine große Umstellung. Die umfangreichen Arbeitsaufträge, die täglich für jedes Fach von den LehrerInnen versendet werden, sind eine große Herausforderung für die SchülerInnen. Es ist keine Frage, dass wir unsere Kinder unterstützen und motivieren, am Ball zu bleiben. Mein Mann kann natürlich nicht zuhause bleiben, unterstützt meinen Sohn jedoch am Abend und am Wochenende in Französisch. Multitasking-Fähigkeiten sind bei dem neuen Großprojekt „Homeschooling“ bei allen Eltern gefragt. War es schon bisher ein Kraftakt, Familie und Job unter einen Hut zu bringen, laufen wir Mütter derzeit auf Hochtouren.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), sagte bei Anne Will, Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung erfahren. Der erreichte Fortschritt bei der Gleichberechtigung werde um drei Jahrzehnte zurückgeworfen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Hier muss man unterscheiden, ob Frauen in Office-Berufen arbeiten oder vor Ort am Arbeitsplatz sein müssen. Die erste Gruppe kann das mit viel Anstrengung bewältigen. Die zweite Gruppe steht tatsächlich vor der Herausforderung, zwischen Arbeit und Homeschooling bzw. Betreuung zu wählen. Sollte die Krise noch Monate andauern, wird das zu einem echten gesellschaftlichen Problem. Derzeit haben wohl alle Mütter das Gefühlt, nur noch in häuslicher Arbeit gefangen zu sein. Allerdings sehe ich in meinem Umfeld, dass auch viele Väter im Homeoffice arbeiten und versuchen, sich den Betreuungs-Part mit den Müttern, soweit möglich, zu teilen.

Was wünschen Sie sich von staatlicher Seite an Unterstützung?

Im Prinzip wünsche ich mir, dass Familien steuerlich mehr begünstigt werden. In der derzeitigen Krise zeigt sich, was Eltern grundsätzlich leisten.

Wir erziehen die Generation von morgen und leisten damit einen großen Beitrag für die Gesellschaft. Zudem sollten Kindergärten und Schulen modernisiert werden, nicht nur was die digitale Ausstattung betrifft, sondern vor allem hinsichtlich der baulichen Infrastruktur

Außerdem wünsche ich mir, dass LehrerInnen, KindergärtnerInnen und PflegerInnen zum einen die Anerkennung in der Gesellschaft erfahren, die sie verdienen und zum anderen die beiden letztgenannten auch aufgrund ihrer wichtigen Tätigkeiten besser bezahlt werden. Jedem Manager empfehle ich, einmal eine Woche in einem Kindergarten zu arbeiten. Allein die Erfahrung, 20 Kinder dabei zu betreuen, sich bei Matchwetter anzuziehen, wird eine lehrreiche Erfahrung sein.

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