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Meinung

Kindsein ist kein Kinderspiel

Eine Kindheit ist glücklich, wenn sich Kinder frei entwickeln dürfen. Dazu braucht es Toleranz und Gelassenheit.
Von Kathrin Robinson

Das freie, zweckfreie Spiel ist für die Entwicklung von Kindern wichtig. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Das freie, zweckfreie Spiel ist für die Entwicklung von Kindern wichtig. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Regensburg.Die meisten von uns tragen viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit in sich: Kuscheleinheiten von der Mama, Radfahren lernen mit dem Papa, Nachmittage, in denen man stundenlang mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft auf der Straße Fußball spielte oder auf der Brache ums Eck ein Baumhaus in die Tanne baute – in einer Höhe, in der man als Erwachsener heute vielleicht selbst die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Das Wort Kindheit klingt nach Liebe, Freiheit, Unbeschwertheit, kurz: nach Glück.

Eine glückliche Kindheit, das wollen auch die Eltern von heute ihren Sprösslingen ermöglichen, und ihnen den Weg in die Zukunft bestmöglich ebnen. Eine Woche lang haben wir uns mit Bedürfnissen der Kleinsten in der Gesellschaft beschäftigt und mit den Herausforderungen, mit denen Eltern heute zu kämpfen haben. Als Fazit bleibt wohl festzuhalten, dass Kindsein heute kein Kinderspiel ist. Vielleicht war es das auch nie, Erinnerungen gaukeln einem in dieser Hinsicht ja gerne Vieles vor...

Eltern sind zunehmend verunsichert

Ob früher also wirklich alles besser war, ist fraglich. Tatsache aber ist, dass sich die Lebenswelt, in der Kinder heute aufwachsen, stark geändert hat. Die Familien sind kleiner geworden, viele Kinder wachsen ohne Geschwister auf, die Großeltern leben oft weit entfernt. Die Folge ist zum einen, dass Mütter und Väter, wenn sie bei Problemen nicht mehr weiter wissen oder wenn sie wieder arbeiten müssen, auf Unterstützung von außen angewiesen sind und dass sich zum anderen oftmals die ganze Aufmerksamkeit der Eltern auf ein, vielleicht zwei Kinder, fokussiert. Eltern wollen es daher ganz besonders gut machen – und sind zugleich zunehmend verunsichert.

Zahlreich sind die Erziehungsratgeber, im Internet wird man mit Erziehungstipps bombardiert, das Vertrauen auf die eigene Intuition dagegen ist gestört, ebenso wie das Vertrauen auf die Fähigkeit von Kindern, manche Dinge auch ohne Erwachsene bewältigen zu können. Das Schlagwort von Helikoptereltern, die ständig um ihre Kleinen kreisen und deren Leben bis ins Detail kontrollieren, ist in aller Munde.

Es fehlt oft an Toleranz gegenüber Kindern

Gleichzeitig werden die Freiräume, die Kinder haben, um ihrer Neugier freien Lauf zu lassen und sich auszuprobieren, immer geringer. Das zeigt sich schon rein äußerlich an einer dicht besiedelten Stadt wie Regensburg. Freie, unbebaute Flächen, auf denen Kinder (Spiel-)Raum haben, um die Welt zu erkunden, werden immer seltener. An Fußballspielen auf der Straße, gleich draußen vor der Tür, ist ohnehin kaum zu denken, wenn man die Verkehrssituation betrachtet. Und selbst auf „Spielstraßen“ müssen Kinder ständig Angst haben, beim Toben am Straßenrand geparkte Autos zu verkratzen oder Autoscheiben einzuwerfen.

„Wäre unsere Welt kinderfreundlich“, sagt der Spielplatzdesigner Günter Beltzig, „dann bräuchte es keine Spielplätze, denn Kinder spielen mit allem und überall – wenn man sie nur lässt“. Ebenso müssten sich wohl in einer kinderfreundlichen Welt keine Gerichte mit Beschwerden über Kinderlärm auseinandersetzen. In unserer alternden Gesellschaft fehlt es oft an Toleranz gegenüber Kindern. Doch für ein glückliches Aufwachsen brauchen diese eben nicht nur Liebe und Sicherheit, sondern die Freiheit, ihre eigene Persönlichkeit entfalten zu können – und dazu gehört die Freiheit zu spielen, zu lachen – und, ja, auch zu schreien, zu plärren und zu lärmen.

Raum fürs Experimentieren

Generell ist es mit der Freiheit, die der Nachwuchs heute hat, so eine Sache. Man kann den Eindruck bekommen, dass Kinder von klein auf zunehmend in ihren Aktivitäten, ihrer Entwicklung und in der Ausbildung ihrer Interessen gelenkt werden. Das fängt bei Spielgeräten auf Spielplätzen an, die das Verhalten immer schon in eine bestimmte Richtung leiten, und hört auf bei Kinderbetreuungseinrichtungen, die bereits für die Kleinsten pädagogische Schwerpunkte setzen. Sportkita, Krippe mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, Kindergarten mit Technik-Fokus – die Eltern haben die Wahl. Auf der Strecke bleibt dabei oft das zweckfreie Spiel, das Experimentieren mit den eigenen Fähigkeiten und die Entwicklung eigener Interessen. Wenn dann noch jeder Nachmittag von den Eltern mit Aktivitäten wie Sprachkursen, Turnen und Musikunterricht verplant wird und der Alltag in Stress ausartet, bleibt auch von der kindlichen Unbeschwertheit nicht mehr viel übrig.

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Dabei ist es doch gerade diese Leichtigkeit des Seins, die wir im Rückblick auf unsere Kindheit meist als Erwachsene vermissen: eine von Stress und Verpflichtungen ungetrübte Lebensfreude. Eltern sollten sich daran öfter wieder erinnern und sich frei machen vom Druck, der entsteht, wenn sich Mamas und Papas zum Beispiel bei Gesprächen am Spielplatz messen. Emil schläft schon durch, Felix bereits im eigenen Zimmer, die kleine Sarah geht zweimal die Woche zum Kindertanzkurs und bei der kleinen Paula und ihren Eltern läuft sowieso alles prima – na und schon? „Viele beschreiben ihr Leben mit Kindern in den höchsten Tönen – und wenn man genauer nachfragt, sieht es doch ein bisschen anders aus“, hatte eine Mutter in einem Gespräch für die Themenwoche gesagt. Ein bisschen mehr Gelassenheit wäre also wünschenswert – das macht sowohl Eltern als auch Kinder glücklicher.

Die Autorin

  • Kathrin Robinson

    hat selbst eine kleine Tochter, die gerade mitten in der Trotzphase steckt. Nicht immer gelingt es ihr, dabei gelassen zu bleiben, aber sie arbeitet daran. An ihre eigene Kindheit denkt sie gern zurück – und hofft, dass ihre Tochter dies einmal genauso tun wird.

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