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Beruf

Mit 65 ist noch nicht Schluss

Viele können sich ein Leben ohne Job nicht vorstellen. Weiterarbeiten im Alter kann Erfüllung bringen.
Von Amelie Breitenhuber

Das Rentenalter muss nicht automatisch Ruhestand bedeuten. Wer seinen Job passend zuschneidet, hat oft noch länger Freude am Arbeitsleben – und kann sich so vielleicht auch noch finanzielle Spielräume erhalten. Fotos: zerocreatives/Westend61/dpa, Dorothee Elfring/dpa
Das Rentenalter muss nicht automatisch Ruhestand bedeuten. Wer seinen Job passend zuschneidet, hat oft noch länger Freude am Arbeitsleben – und kann sich so vielleicht auch noch finanzielle Spielräume erhalten. Fotos: zerocreatives/Westend61/dpa, Dorothee Elfring/dpa

München.Endlich Zeit für Reisen, Familie – oder Golf spielen: Für einige kann der Weg in die Rente nicht schnell genug gehen. Doch es gibt auch den anderen Fall: Menschen, die noch überhaupt keine Lust haben, das Arbeitsleben hinter sich zu lassen.

Wer heute das Rentenalter erreicht, habe oft noch viele fitte Jahre vor sich, erläutert die Psychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner. Viele könnten sich da nicht vorstellen, dass es sinnvoll sein soll, mit Mitte 60 in den Ruhestand zu gehen.

Ihre Erfahrungen lassen sich mit Zahlen untermauern: In Deutschland ist weit mehr als ein Viertel der Rentner in den ersten drei Jahren nach Übergang in die Altersrente erwerbstätig, hat eine Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 2018 gezeigt.

Spaß an der Arbeit, Kontakt zu anderen Menschen oder der Wunsch, weiterhin eine Aufgabe zu haben: Vor allem aus sozialen oder persönlichen Gründen wollen Menschen im Rentenalter weiter erwerbstätig sein, zeigt die Studie.

Positive Effekte nutzen

„Viele können sich ein Leben ohne ihre Arbeit gar nicht vorstellen“, erklärt Iris Seidenstricker, die angehende Ruheständler coacht. Wenn finanzielle Nöte keine Rolle spielen, eignet sich die Weiterarbeit im Alter ihrer Ansicht nach für alle, denen ihr Beruf Spaß gemacht hat und die ihn gerne noch länger ausüben möchten. Das hat nach ihren Erfahrungen oft positive Effekte. Ein unfreiwilliger Abschied vom Arbeitsleben, sobald ein bestimmtes Alter erreicht ist, könne zu Leere und Depression führen, so Leitner. Viele haben demnach damit zu kämpfen, dass mit dem Arbeitsleben gewohnte Strukturen, der Kontakt zu Kollegen und vielleicht sogar finanzielle Spielräume wegfallen.

Diplom-Psychologin Madeleine Leitner coacht angehende Ruheständler.
Diplom-Psychologin Madeleine Leitner coacht angehende Ruheständler.

Gleichzeitig bleibt man fit und erlebt das Gefühl, gebraucht zu werden und dazuzugehören. „Und natürlich Sinn“, erklärt Trainerin und Buchautorin Seidenstricker. „Sinn und Bestätigung gehören zu den wichtigsten Gesundheitsfaktoren, sie sind enorme Energiequellen.“ Wer weiterhin einer Tätigkeit nachgeht, tue das zudem oft gelassener als in den früheren Jahren, ist Seidenstrickers Eindruck.

„Sinn und Bestätigung gehören zu den wichtigsten Gesundheitsfaktoren, sie sind enorme Energiequellen.“

Madeleine Leitner, Psychologin und Karriereberaterin

Leitner gibt den Rat, die Altersgrenze für die Rente nicht als Automatismus für den Zwangsruhestand zu sehen. In Gesprächen mit ihren Klienten zeige sich oft, dass das, was sie derzeit beruflich machen, schon ganz gut passt, führt sie aus.

„Es geht also dabei um Job-Sculpting.“ Das heißt: den Job so zu formen, dass er den Vorlieben und Neigungen des Einzelnen noch besser entspricht. Das kann gelingen, indem man sich stärker auf bestimmte Aufgaben fokussiert, die einem besonders gut liegen, andere Tätigkeiten aufgibt oder ein neues Thema dazu nimmt.

Vielleicht hat die eigene Firma Interesse daran, einen zu halten. „Viele Firmen bieten bereits flexible Arbeitsmodelle für Ältere an oder holen Mitarbeiter als Senior-Experts für Projekte zurück“, erklärt Seidenstricker. Wer besondere Interessen hat, kann sich damit vielleicht selbstständig machen. Einfach ist das natürlich nicht.

Der Weg in die Selbstständigkeit

Joachim Harms hatte sich in Zuge von Umstrukturierungen von seinem ehemaligen Arbeitgeber mit einem „goldenen Handschlag“ verabschiedet, erzählt er. Der heute 61-Jährige machte sich dann selbstständig.

„Am Anfang fehlte die Identifikation und die Ansprache, die ich zuvor in der Firma hatte“, sagt er. „Mein Expertenstatus war von einem auf den anderen Tag weg.“ Der Prozess habe ihn einerseits gebeutelt, gleichzeitig aber gestärkt. Seine Selbstständigkeit hat er auf zwei Standbeine gebaut: Als Experte für die Zulassung von Medizinprodukten konnte er sich finanziell absichern. „Das andere Projekt war mein Herzenswunsch, nämlich Gedichte zu schreiben.“ Business-Poet nennt er sich nun, und schreibt Gedichte für Unternehmen und Privatleute.

Wer ähnlich wie er ein besonderes Interesse hat, dem würde Harms raten, schon frühzeitig vor dem Ende des Arbeitslebens die Weichen zu stellen, etwas aufzubauen und sich innerlich darauf einzustellen. „Wichtig ist, dass man das nicht im stillen Kämmerlein tut.“

Man sollte sich auf Tätigkeiten konzentrieren, bei denen man sich selbst wertschätzt und mit denen man gleichzeitig anderen etwas Gutes tue, rät Harms. Sie sagt: „Golf spielen ist toll, aber was gibt es darüber hinaus?“ Wem das Reisen am Herzen liege, könne Kurzgeschichten schreiben. Man müsse daraus eine Art Berufung machen.

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