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Fitness

Schulsport reicht längst nicht

Kaum können Kinder laufen, verbringen sie den Tag oft sitzend vor einem Bildschirm. Die meisten bewegen sich zu wenig.
Von Sylvia Lundschien

  • Zwei oder drei Mal 45 Minuten Schulsport pro Woche können Bewegungsdefizite bei vielen Kindern nicht ausgleichen. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Berlin.Pro Tag eine Stunde Bewegung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation für Kinder. Die WHO meint damit noch nicht einmal gezielten Sport, sondern ist schon froh über einfache Aktivitäten. Gehen, Treppensteigen oder Fahrradfahren. Denn „Eltern und Kinder sind in den letzten zehn bis 15 Jahren regelrecht erstarrt“, sagt der Sportwissenschaftler Endré Puskas aus Berlin.

Seit 20 Jahren ist er im Sportgesundheitspark Berlin im Programm „Fidelio“ tätig. Dort lernen übergewichtige und bewegungsarme Kinder und Jugendliche Spaß an Aktivität. Aus Puskas’ Sicht können wöchentlich zwei oder drei Mal 45 Minuten Schulsport vorhandene Defizite schon längst nicht mehr ausgleichen.

„Selbst wenn ein Kind Zeit hat und sagt: Ich gehe nachmittags einfach mal draußen spielen, dann trifft es ganz wenige, die das ebenso machen.“

Hendrik Hein

„Aufbauen, abbauen, Anwesenheit, hintereinander stehen und warten, bis man mal überhaupt über den Bock springt – das hat nix mit Sport und Bewegung zu tun“, ärgert sich Puskas. Von den 45 Minuten blieben nach Umziehen und Aufwärmen etwa acht bis zehn Minuten übrig, in denen Kinder sich körperlich austoben.

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Bewegen sich Kinder langfristig zu wenig, hat dies fast immer negative Folgen – von Übergewicht über Diabetes bis zu Gelenk- und Konzentrationsproblemen. Der Weg aus diesem Kreislauf heraus ist nicht leicht: Viele leben auch noch als Jugendliche und Erwachsene mit den Folgen ihres Bewegungsmangels. Smartphones, Tablets, Fernsehen und Computerspiele gelten zahlreichen Experten zufolge als Hauptursachen für die große Trägheit unter Kindern. Auch Hendrik Hein, Vater und Sportlehrer an der Carl-Schurz Schule in Frankfurt am Main, vertritt diese Auffassung. Dennoch reiche es nicht, einfach den Stecker zu ziehen. Kinder hätten heute einen dichten Terminkalender, vieles davon findet im Sitzen statt. Unverplante Freizeit? Fehlanzeige. „Selbst wenn ein Kind Zeit hat und sagt: Ich gehe nachmittags einfach mal draußen spielen, dann trifft es ganz wenige, die das ebenso machen“, so Hein.

Sport fällt oft als Erstes aus

Er sieht zudem vielerorts die Räume schrumpfen, in denen sich Kinder auch mal ohne engmaschige Begleitung verausgaben können: „Wenn ich als Kind zwanzig Mal vom Baum gesprungen bin, dann weiß ich, was ich tue“, sagt der Sportlehrer. Das sei der beste Weg, Grundlagen für Körperbeherrschung zu erwerben, die schlimmere Unfälle beim Spielen verhindern können.

Den Mangel an Bewegung gleiche der Schulsport heute nicht mehr aus, sagt auch Hein. Zudem falle der Sportunterricht an vielen Schulen oft als Erstes aus. Der Pädagoge hält es für wichtig, bei Bewegungsangeboten den Nerv der Kinder zu treffen. „Mit Parkour-Training kann ich meine Schüler eher überzeugen, die gleichen Bewegungen zu machen, als wenn ich das Turnen nenne.“ Auch moderates Training im Fitnessstudio sei eine gute Ergänzung für ältere Jugendliche. Kostenlos ist Sport und Bewegung in Parks oder auf Bolzplätzen – vielerorts finden sich Tischtennisplatten, Basketballkörbe oder Tore zum Kicken.

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Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt in einer Broschüre zum Thema neben dem Sportverein etwa Fitness- oder Bewegungsapps. Eltern sollten ein passendes Angebot gemeinsam mit dem Nachwuchs auswählen. Auf Videoplattformen gibt es Kanäle mit Fitnessangeboten für zu Hause, vielleicht findet der Nachwuchs ein Vorbild, das motiviert.

Auch Professor Martin Engelhardt, Vorstand der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS), vertritt den Ansatz der weit gefächerten Bewegungsangebote: „Aktivitäten müssen vielfältig und spielerisch sein. Sport muss als Bereicherung wahrgenommen werden, nur dann wird er langfristig beibehalten.“

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Alle drei Sportexperten betonen: Weniger sitzen und weniger Zeit vor Bildschirmen sind ein Gewinn für Kinder. Die BZgA empfiehlt mindestens 1,5 Stunden Bewegung am Tag, vor allem nach langem Sitzen, etwa in der Schule. An zwei bis drei Tagen darf es ruhig anstrengender werden, sei es beim Volleyballtraining oder beim Schwimmen.

Weitere Aktivitäten müssen nicht teuer und aufwendig sein – und lassen sich oft einfach in den Alltag integrieren. Der Schulweg kann zu Fuß oder mit dem Rad bewältigt werden. Wenn Eltern den Spaziergang zur „Schatzsuche“ erklären, lassen sich besonders jüngere Kinder eher dafür begeistern, so ein weiterer Rat der BZgA. Wer findet als Erster etwas Rotes oder den schönsten Stein?

Die Bequemlichkeit nehmen

Außerdem gilt: Familien sollten bei jedem Wetter nach draußen gehen – in den Park, auf den Spielplatz oder einfach nur toben, spielen und balancieren auf Bäumen, Mauern und Treppen. Aber auch drinnen ist Bewegung möglich, etwa, wenn Eltern die Kleinen Höhlen bauen lassen oder der Teppich zur Spielwiese wird.

Sportlehrer Hein findet: „Man muss den Kindern die Bequemlichkeit wegnehmen!“ Wer will, dass Kinder sich auch ohne Anleitung bewegen, muss ihre Selbstständigkeit fördern: „Geh’ zu Fuß, nimm dein Fahrrad, das alleine ist schon ein großer Punkt“, so Hein.

Éndre Puskas beobachtet junge Eltern, die zunehmend auf Ernährung und Medienkonsum achten oder den Nachwuchs auch mal zum Joggen mitnehmen. Überfordern könne man Kinder dabei nicht – eher unterfordern, so der Sportwissenschaftler: „Wenn das Kind an der Grenze ist, dann macht es nicht mehr weiter. Das machen nur Erwachsene.“ Er appelliert an Eltern: „Wir alle müssen aktiver werden und wir müssen uns bewegen – dann bewegen sich die Kinder mit uns mit.“

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