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Gruppenangebot

Trauern lernen – mit Gleichaltrigen

Kinder und Jugendliche verarbeiten den Tod eines Menschen anders als Erwachsene. Der Hospizverein Kelheim will ihnen helfen.
Von Martina Hutzler

Sonja Ilnseher betreut die neuen Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, die sich in der Geschäftsstelle des Hospizvereins treffen. Foto: Hutzler
Sonja Ilnseher betreut die neuen Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, die sich in der Geschäftsstelle des Hospizvereins treffen. Foto: Hutzler

Kelheim.Warum nur ist die Neunjährige auf einmal so böse und rabiat zu ihren Geschwistern?!? Die Eltern konnten sich das erst nicht erklären – bis sich herausstellte: Das Mädchen war über den Tod ihres Opas nicht hinweggekommen. An diesem Beispiel aus Regensburg begründet Sonja Ilnseher, warum der Kelheimer Kreis-Hospizverein jetzt Trauergruppen speziell für Kinder und Jugendliche anbietet: „Junge Menschen trauern anders als Erwachsene“, aber auch bei ihnen kann unverarbeitete Trauer später fatale Folgen haben.

Das wollen Eltern ihren Kindern natürlich ersparen – doch oft genug sind sie ja selbst in Trauer um denjenigen, den auch ihr Kind verloren hat. Sonja Ilnseher weiß das aus leidvoller Erfahrung. Als ihr Mann vor etwa 15 Jahren tödlich verunglückte, war ihre Tochter gerade mal drei Jahre alt – und die Mutter, neben dem eigenen Kummer, geplagt von der Sorge, wie ihre Kleine mit Papas Tod fertig würde. Beide haben damals viel über den Verlust gesprochen; das hat beiden geholfen.

Zwei Altersgruppen

Nach jener schweren Zeit wollte Sonja Ilnseher mehr wissen darüber, wie Kinder trauern und wie ihnen Erwachsene dabei helfen können. Sie hat eine Schulung zur Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche absolviert. Als solche bietet sie Eltern bereits ehrenamtlich via Kreis-Hospizverein Hilfe an.

Hospizverein

An der Seite von Kindern, die trauern

Wie hilft man Kindern, den Tod zu verstehen? Sonja Ilnseher hat damit lange gehadert. Ihre Antworten gibt sie nun weiter.

Nun werden daraus zwei feste Gruppen. Diese – wie auch sonstige – Angebote des Vereins sind kostenlos.

Die Gruppe, für Kinder von etwa sechs bis zwölf Jahren, trifft sich zwei Mal im Monat donnerstags von 17.30 bis 19.30 Uhr im neuen Büro des Hospizvereins (Barbara v. Eck-Str. 1) in Kelheim; die nächsten Termine sind am 16. Mai und 6. Juni. Das zweite Angebot gilt Jugendlichen ab etwa 12 Jahren: Sie treffen sich, am selben Ort, donnerstags von 18.30 bis 20.30 Uhr, die nächsten Male am 9. und 23. Mai, 13. Juni, 24. Juli.

Beides sind „offene Gruppen“, das heißt, es können jederzeit neue Teilnehmer/innen dazustoßen, erklärt Annette Bauer, Koordinatorin beim Hospizvereins. Für Kinder ist im Herbst (ab 12. September) außerdem eine „geschlossene Gruppe“ geplant, die in konstanter Zusammensetzung acht Termine gemeinsam absolviert. Allen Gruppen gemeinsam: „Bei uns müssen die Kinder und Jugendlichen nicht stark sein“.

Wütend sein, sich einigeln: So reagieren junge Menschen auf einen Todesfall – oder auch ganz anders. Die Trauergruppe will ihnen helfen, solche Emotionen zu verstehen und zu verarbeiten. Foto: Hutzler
Wütend sein, sich einigeln: So reagieren junge Menschen auf einen Todesfall – oder auch ganz anders. Die Trauergruppe will ihnen helfen, solche Emotionen zu verstehen und zu verarbeiten. Foto: Hutzler

Genau das versuchten sie nämlich ansonsten oft, erklärt Sonja Ilnseher: Stark sein, um die trauernden Eltern nicht noch zu belasten, um vor den Freunden nicht „uncool“ zu wirken – oder schlicht, weil es ihnen nicht gelingt, das eigene emotionale Chaos unter dem Begriff „Trauer“ zum Ausdruck zu bringen.

Unterschiedliche Warnsignale

Entsprechend ratlos sind daher oft auch Angehörige oder Nachbarn, wenn ein junger Mensch plötzlich so unberechenbar ist; ratlos sind Lehrkräfte, wenn ein Schüler plötzlich drastisch schlechter wird oder sich zurückzieht. Aber Hauptsache, es fällt ihnen überhaupt auf! Auf solche aufmerksamen Erwachsenen hofft Vereinskoordinatorin Margret Neumann, damit junge Menschen und deren Eltern überhaupt auf das neue Angebot aufmerksam werden.

Ob und wann es sich dann für ein Kind, einen Teenager eignet, zeigt sich in jedem Einzelfall, weiß Sonja Ilnseher, die in Regensburg bereits solche Trauergruppen anbietet. Der Verlust eines Elternteils kann ebenso Anlass sein wie der Tod der geliebten Nachbarin oder des besten Freundes; der Gruppenbesuch kann beim einen unmittelbar nach dem Todesfall sinnvoll sein – beim anderen vielleicht erst viel später.

Sonja Ilnseher betreut die neuen Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, die sich in der Geschäftsstelle des Hospizvereins treffen. Foto: Hutzler
Sonja Ilnseher betreut die neuen Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, die sich in der Geschäftsstelle des Hospizvereins treffen. Foto: Hutzler

Ihnen allen hilft es nach Erfahrung Ilnsehers, in so einer Trauergruppe mit anderen Betroffenen zusammen zu sein, sich nicht für die eigene Traurigkeit rechtfertigen zu müssen, aber auch nicht dafür, dass man im einen Moment traurig, im anderen trotzdem fröhlich ist: Erwachsene können solch kindertypische sprunghafte Stimmungswechsel oft nicht nachvollziehen, und auf ihr Unverständnis wiederum reagieren die Kinder oft damit, dass sie sich gar nicht mehr zu lachen trauen. „Das ist oft ganz schwierig, sie wieder in die Fröhlichkeit zurückzubringen!“

Schwierig, aber dringend nötig, ergänzt Annette Bauer: „Trauer muss man bearbeiten, sonst verschleppt man sie – sogar bis ins Erwachsenenalter“. Und das könne für die Seele ähnlich fatal enden wie verschleppte Krankheiten für den Körper: „Unverarbeitete Trauer kann zum Beispiel später zu einer Depression führen“.

Reden und kreativ sein

Zur Gruppenarbeit gehört jeweils ein festes Anfangs-Ritual wie das Entzünden einer Kerze um den Verstorbenen. Danach gibt es Angebote zum Gespräch und zur kreativen Auseinandersetzung mit der eigenen Trauer. Sonja Ilnseher hat in einer Gruppe mal „Erinnerungskissen“ genäht, aus T-Shirts der Verstorbenen: „Da waren die Teenager mit Begeisterung dabei.“ Bei den Kleineren helfen auch Spiele und Basteleien weiter. Betreut wird jede Gruppe von zwei Ehrenamtlichen, um auf die Teilnehmenden individuell eingehen zu können. Die Eltern sind bei den Treffen nicht dabei. Sie können die Zeit aber nutzen, um sich beim Hospizverein beraten zu lassen, wie sie ihren trauernden Kindern helfen können, erklärt Margret Neumann.

Verstärkung für den Verein

  • Koordination:

    Die bisher alleinige Vereins-Koordinatorin Margret Neumann teilt sich jetzt die Stelle mit Annette Bauer aus Irnsing. Auch Bauer, gelernte Krankenschwester, hat die „palliative care“-Weiterbildung absolviert. Sie arbeitet wochenends auch für die „Brückenpflege“ an der Goldberg-Klinik Kelheim.

  • Aufgaben:

    Neumann und Bauer kümmern sich hauptamtlich um die ansonsten ehrenamtliche Vereinsarbeit für sterbende Menschen, deren Angehörige und trauernde Hinterbliebene: Sie führen Erstgespräche, vermitteln Einsätze, kümmern sich um Öffentlichkeitsarbeit. Mehr Infos auf der Vereinshomepage

Ermöglicht wurde das neue Angebot durch eine größere Spende an den Verein, dezidiert jungen Menschen gewidmet, so Neumann. Dank der Spende kann die Ausbildung einer zweiten (ebenfalls ehrenamtlich tätigen) Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche finanziert werden und auch Material für die Gruppen wie Spiele, Bücher, gemütliche Sitzkissen und ähnliches.

Neben der Trauerbegleitung ist die Hospizarbeit der zweite große Schwerpunkt des Vereins: die ehrenamtliche Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen, sei es zu Hause, im Krankenhaus oder im Altenheim. Dazu finden auch immer wieder Ausbildungskurse für interessierte Ehrenamtliche statt.

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