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Häusliche Gewalt und die Corona-Krise

Eine Kampagne des Weißen Rings macht auf das Thema aufmerksam. In Cham meldeten sich überraschend wenige Opfer.
Von Sandra Adler

Unter Stress auf engstem Raum zusammen: Die Corona-Beschränkungen erhöhten die Risikofaktoren für Gewalttaten in Familie und Partnerschaft. Symbolfoto: Maurizio Gambarini/picture alliance/dpa
Unter Stress auf engstem Raum zusammen: Die Corona-Beschränkungen erhöhten die Risikofaktoren für Gewalttaten in Familie und Partnerschaft. Symbolfoto: Maurizio Gambarini/picture alliance/dpa

Cham.Die Folgen der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in der Corona-Krise: Viele Organisationen fürchteten einen Anstieg häuslicher Gewalt, darunter die WHO und der Weiße Ring. Letzterer hat nun zusammen mit prominenten Frauen eine bundesweite Kampagne gestartet. „Schweigen macht schutzlos, mach’ dich laut“, heißt das Motto. Auf Plakaten, in Fernsehspots und in den sozialen Medien verbreiten unter anderem Schauspielerin Katy Karrenbauer und Moderatorin Marlen Lufen die Botschaft auf Gesichtsmasken.

In einer Pressemitteilung erklärt die Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, woher die Sorge um einen Anstieg der Gewalttaten kommt: „Die Opferhelfer des Weißen Rings wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass häusliche Gewalt immer dann zunimmt, wenn Familien längere Zeit auf engem Raum zusammen sind und wenn Stressfaktoren die Menschen belasten. Die Coronakrise bietet beides: wochenlanges Zuhausebleiben und Ängste vor wirtschaftlicher Not, Arbeitslosigkeit, Krankheit.“

Nur die Ruhe vor dem Sturm?

Die Schauspielerin Katy Karrenbauer gehört zu den Prominenten, die sich gegen häusliche Gewalt engagieren. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch übergriffig wird“, sagt sie. Foto: Viktor Strasse/Weisser Ring e.V./obs
Die Schauspielerin Katy Karrenbauer gehört zu den Prominenten, die sich gegen häusliche Gewalt engagieren. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch übergriffig wird“, sagt sie. Foto: Viktor Strasse/Weisser Ring e.V./obs

Klaus Kozuch, Leiter des Weißen Rings in Cham, begrüßt die deutschlandweite Aktion. Doch wie steht es im Landkreis Cham in der Corona-Zeit um Gewalttaten im häuslichen Umfeld? „Es gab überraschenderweise in den letzten acht Wochen weniger Betreuungen als sonst“, berichtet Kozuch aus Sicht der Außenstelle Cham. Während sich sonst durchschnittlich drei bis vier Opfer häuslicher Gewalt im Monat meldeten, seien es in den letzten acht Wochen insgesamt nur zwei gewesen. Eine telefonische Beratung sei zudem in diesen Fällen ausreichend gewesen.

Auch von anderen Stellen hat Kozuch Ähnliches gehört. „Als jemand, der schon lange in diesem Bereich arbeitet, kann ich mir nicht erklären, warum es so ruhig ist“, sagt er. Laut Kozuch vermuten manche Experten als Grund, dass viele Opfer auch nicht die Möglichkeit hätten, anzurufen oder sich aus der Wohnung zu entfernen, um Hilfe zu holen. „Wir hoffen, dass es nicht die Ruhe vor dem Sturm ist“, sagt der ehemalige Polizeibeamte.

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Vorbeugen ist wichtig, aber schwierig

Auf der anderen Seite sei es auch möglich, dass die vielen Präventionsmaßnahmen Wirkung zeigten. Seit über fünf Jahren ist er im Forum der Präventionsbeauftragten des Weißen Rings auf Bundesebene dabei. Prävention ist in seinen Augen der beste Opferschutz und gleichzeitig schwierig, denn es handle sich oft um Spontantaten aus der Emotion heraus. Täter nähmen Vorbeugung bewusst kaum an, weil sie dächten: „Mir passiert das nicht, ich habe mich immer in der Gewalt“.

„Die Gewalt geschieht jetzt – sichtbar wird sie aber erst, wenn die Kontaktsperren aufgehoben sind“, schrieb der Weiße Ring in einer Mitteilung im März. Das zeigten die Erfahrungen der Opferhelfer nach den Weihnachtstagen: Betroffene meldeten sich nicht, solange sie mit den Tätern auf engem Raum zusammensäßen.

Jährlich 50 Kinder im Landkreis betroffen

Betroffen von häuslicher Gewalt seien überwiegend Frauen, erklärt der Weiße Ring zur aktuellen Kampagne. Jede dritte Frau in Deutschland habe schon einmal Gewalt erfahren. Das Dunkelfeld sei riesig. Die Hilfsorganisation geht davon aus, dass allenfalls jede fünfte Tat bei der Polizei angezeigt wird. Im Landkreis Cham seien durchschnittlich jährlich 50 Kinder direkt oder indirekt betroffen, ergänzt Kozuch.

Angesichts dieser Szenarien rufen die prominenten Fürsprecherinnen der Aktion nicht nur die Opfer dazu auf, sich Hilfe zu holen. „Wegschauen oder nichts machen sollte man gerade bei häuslicher Gewalt nicht“, sagt auch der Leiter des Weißen Rings in Cham. Wer in seinem Umfeld etwas beobachte, das auf häusliche Gewalt hindeute, könne Bekannten oder Verwandten der betroffenen Familie einen Hinweis geben. Eine andere Möglichkeit sei, sich an den Weißen Ring zu wenden. Das sei auch anonym möglich.

Hilfe bei häuslicher Gewalt

  • Rat:

    Unterstützung erhalten beim Weißen Ring nicht nur Opfer von psychischer und physischer Gewalt. Auch wer in seinem Umfeld etwas beobachtet hat, kann sich dort melden.

  • Kontakt:

    Die Nummer des Opfer-Telefons der Organisation lautet 116 006. Die Außenstelle im Landkreis Cham ist erreichbar unter Tel. (0151) 55 16 46 41 oder unter weisserring-cham@t-online.de

Im Gegensatz zur Polizei hat die Hilfsorganisation keinen Verfolgungszwang bei Hinweisen auf eine Gewalttat. Sie könne zunächst abwägen, abklären und sich mit den Betroffenen in Verbindung setzen. Bei Gefahr im Verzug werde natürlich die Polizei eingeschaltet, erklärt Kozuch das Vorgehen nach solch einem Hinweis.

Leben fast wie im Gefängnis

Nicht nur körperliche, auch psychische Gewalt bis hin zum totalen Psychoterror erlebe man, erzählt Kozuch: „Ich empfinde das fast als noch schlimmer.“ Das fange an mit gegenseitigem Anschweigen oder anderen Gesten und Verhaltensweisen, die das Gegenüber unter Druck setzten und Schuld zuwiesen. Verbote erlassen, Geld wegnehmen – das steigere sich oft, bis das Opfer fast wie in einem Gefängnis lebe und etwa keinen Kontakt mehr zu Freunden habe.

Kozuch rät Betroffenen, Hilfe zu suchen. Die Polizei helfe, die Gefahr konkret zu beseitigen, etwa indem sie Platzverweise, Kontakt- oder Annäherungsverbote ausspreche. Vor dem Familiengericht können diese langfristig erwirkt werden. Der Weiße Ring wiederum helfe nicht nur durch Gespräche und Ratschläge, sondern versuche in persönlichem Kontakt Lösungen zu finden.

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Unterstützung bis vor Gericht

Erst einmal würden die Frauen und auch Kinder als Geschädigte woanders untergebracht, etwa im Frauenhaus. Das nächste befindet sich laut Kozuch in Regensburg, deshalb würden die Frauen im ländlichen Raum oft erst einmal ein paar Tage in einem Hotel oder einer Pension einquartiert. Das Opfer habe erst einmal Zeit zu überlegen, wie es weitergeht.

Die zwölf Opferhelfer des Weißen Rings Cham helfen Betroffenen außerdem dabei, finanzielle Unterstützung oder eine Wohnung zu bekommen. Auch bei Gerichtsverhandlungen begleiten die Mitarbeiter die Opfer. „Sie sind oft froh, dass sie jemanden zur Seite haben, zu dem sie Vertrauen aufgebaut haben“, sagt Kozuch.

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