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Schriftkunst

Kalligrafie ist mehr als Schönschreiben

Wunderbar gestaltete Schriftzüge zieren Wände und Grußkarten. Doch die Kalligrafie ist mehr als nur Abmalen von Buchstaben.
Von Susanne Wolf

Lange Zeit war die Kalligrafie als „Schönschrift“ verschrien. Doch sie ist weit mehr als das: Mit ihr ist man einerseits kreativ, kommt andererseits aber auch zur Ruhe – und macht mit dem eigenen Kunstwerk nicht nur sich, sondern auch anderen eine Freude. Foto: matttilda/AdobeStock
Lange Zeit war die Kalligrafie als „Schönschrift“ verschrien. Doch sie ist weit mehr als das: Mit ihr ist man einerseits kreativ, kommt andererseits aber auch zur Ruhe – und macht mit dem eigenen Kunstwerk nicht nur sich, sondern auch anderen eine Freude. Foto: matttilda/AdobeStock

Regensburg.Draußen auf der Kolonnade vor dem Veranstaltungsraum im Verlagsgebäude der Mittelbayerischen stehen 20 Frauen und ein Mann, Johann Maierhofer. Sie schwingen und kreisen mit den Armen, atmen dabei tief ein und aus und geben kurze Schreie von sich. Yoga? Fehlanzeige! Sie nehmen am Kurs „Einführung in die Kalligrafie“ teil. Bei diesem Anblick mag man sich fragen, was denn diese Schreibkunst mit Atem- und Körperübungen zu tun hat...

Mir war es anfangs unerklärlich und es hat sich erst im Lauf des dreistündigen Kurses herauskristallisiert, dass hinter der Kalligrafie sehr viel mehr steckt als nur das Abmalen von Buchstaben... Doch erst einmal zurück zum Kurs: Nach einigen „Körpereinstimmungsübungen“, wie Maierhofer sie nennt, geht es wieder hinein. „Die Einstimmung auf die Kalligrafie ist genauso wichtig wie beim Singen“, erklärt er. „Wie Künstler halt so sind“, sagt eine Teilnehmerin schmunzelnd. Noch erschließt sich einem nicht ganz der Sinn, was das eine mit dem anderen zu tun hat.

Mit beiden Füßen am Boden

Nun zeigt der Regensburger Kalligraf den Teilnehmerinnen, wie sie die Bandzugfeder halten sollen, wie tief man sie ins Tintenfässchen eintaucht und wie sie sanft mit einem Pinsel befüllt, statt wie vermutet ins Fässchen getaucht wird. „Der Geist führt, der Körper folgt“, gibt ihnen der Kursleiter mit auf den Weg zu ihren Plätzen. Und schon geht’s los: Die Frauen setzen sich und dürfen sich selbst mit Tinte und Feder auf dem Papier versuchen. Das Einzige, das es zu beachten gilt, ist eine ruhige Hand.

Johann Maierhofer schreibt das Wort „Kalligrafie“ auf ein Blatt Papier. Kalligrafie erfordert Disziplin, Ausdauer und Geduld. Foto: Armin Weigel/dpa
Johann Maierhofer schreibt das Wort „Kalligrafie“ auf ein Blatt Papier. Kalligrafie erfordert Disziplin, Ausdauer und Geduld. Foto: Armin Weigel/dpa

Maierhofer weist sie zudem noch darauf hin, dass die Körperhaltung wichtig ist – sprich, dass beide Füße am Boden stehen, damit der Körper gerade wird und der Brustkorb aufgeht. Zögerlich beginnen die Teilnehmerinnen mit ihren ersten Strichen. Im Hintergrund erklingt leise Entspannungsmusik, sonst ist es mucksmäuschenstill.

Innerhalb weniger Minuten werden die Frauen mutiger, als sie sehen, dass bereits bei ihren ersten Versuchen wunderbare Buchstaben und Schriftzüge entstehen. Schon beim Beobachten der Hobbykünstlerinnen verspüre ich – gestresst vom Arbeitstag –, wie auch ich auf einmal ruhiger werde. Wow! In dem Moment bereue ich es, dass ich nicht meine eigene Feder, die ich bisher nur zur Zierde im Schrank stehen hatte, eingepackt habe und mich jetzt gleich selbst ans Werk mache. Denn wie so viele andere Menschen auch begeistert mich die Kalligrafie seit Monaten.

Inspiration und Meditation zugleich

Doch auch wenn diese Schreibkunst seit einigen Jahren immer mehr im Trend ist und Wände, Grußkarten und vieles mehr ziert, ist sie doch nichts Neues, denn es gibt sie bereits seit Jahrhunderten. Früher wurde sie benutzt, um sakrale Texte abzuschreiben oder Rechen- und Buchhaltungsvorgänge festzuhalten, wie Maierhofer im Interview verrät.

In der asiatischen und islamischen Schriftkultur gilt die Kalligrafie seit jeher als inspirierend und meditativ. Im Zug der Schnelllebigkeit entdecken auch heute immer mehr Menschen ihren spirituellen Charakter. Foto: Johann Maierhofer
In der asiatischen und islamischen Schriftkultur gilt die Kalligrafie seit jeher als inspirierend und meditativ. Im Zug der Schnelllebigkeit entdecken auch heute immer mehr Menschen ihren spirituellen Charakter. Foto: Johann Maierhofer

In der abendländischen Kultur nahm die Kalligrafie im Mittelalter eine bedeutende Rolle ein, da durch sie Literatur festgehalten und übermittelt werden konnte. Lange Zeit war sie aber nur Mönchen und Gelehrten vorbehalten – bis auch die Mehrheit der Bevölkerung das Schreiben lernte. In der asiatischen und islamischen Schriftkultur ist die Kalligrafie schon immer bedeutend – sie gilt seit jeher als inspirierend und meditativ.

Der meditative Charakter wird einem jedoch erst bewusst, wenn man sich selbst ans Werk macht – und dann ergeben auch die Einstimmungsübungen von Maierhofer einen Sinn. Denn die Kalligrafie wird seit Langem oftmals als „Schönschreiben“ verlacht. Doch genau das ist sie nicht!

Interview

Kalligrafie sorgt für innere Ruhe

Johann Maierhofer aus Regensburg spricht über die Renaissance des Kalligrafierens. Für ihn ist die Schreibkunst tiefgründig.

Konzentration auf das Kunstwerk

„Sie ist mehr als nur das Schreiben von Buchstaben“, weiß der Kalligraf. Warum das so ist, erklärt er: „Wenn du eine Vorlage hast, versuchst du, sie genau nachzuarbeiten. Du bist im Hier und Jetzt. Selbst das ist schon mehr als das Abmalen von Buchstaben!“ Und genau das stellt man fest, wenn man selbst die Feder schwingt: Man vergisst die Sorgen des Alltags, konzentriert sich auf sein Kunstwerk und sich selbst und kommt dabei zur Ruhe. Was will man mehr als etwas Entschleunigung in Zeiten der Digitalisierung und Schnelllebigkeit?

Johann Maierhofer steht in seiner Garage vor Textfragmenten des Beatles-Songs „Drive my car“ in Kalligrafieschrift. Kalligrafie erfordert Disziplin, Ausdauer und Geduld. Foto: Armin Weigel/dpa
Johann Maierhofer steht in seiner Garage vor Textfragmenten des Beatles-Songs „Drive my car“ in Kalligrafieschrift. Kalligrafie erfordert Disziplin, Ausdauer und Geduld. Foto: Armin Weigel/dpa

Genau diese innere Ruhe scheinen auch die Kursteilnehmerinnen zu verspüren – sie wirken glücklich und vollkommen bei sich. Immer wieder hört man: „Das ist so entspannend!“ Nochmal versammeln sie sich um Maierhofer, der ihnen verschiedene kalligrafische Alphabete zeigt und vormacht. Das reicht von der „Capitalis“ über die „Rustika“, „Fraktur“ und „Unzialis“ bis hin zur „Antiqua“.

Letztere dürfen sie gleich selbst ausprobieren. Nach den ersten „Trockenübungen“, wo sie einzelne Buchstaben kalligrafieren, geht es ans Eingemachte: Sie schreiben ihre Namen mit der „Antiqua“-Schrift. Ein Highlight für sie ist, als der Kalligraf ihnen zeigt, dass sie ihre Namen mit Aquarellfarben, die sie ebenfalls auf ihre Federn auftragen, farblich verschönern können. Wahre Meisterwerke entstehen, als sich die Frauen kreativ austoben.

Kursangebot bei der m|Akademie

  • Einführungskurs: Wer selbst wissen und erfahren möchte, was Kalligrafie ist, ist beim Kurs „Einführung in die Kalligrafie“, den die M|Akademie im Verlagsgebäude in der Kumpfmühler Straße 15 in Regensburg in regelmäßigen Abständen anbietet, genau richtig. Hier führt der Autor und Kalligraf Johann Maierhofer die Teilnehmer in drei Stunden in diese Kunst ein. Man erfährt dabei, dass die Kalligrafie mehr als nur „Schönschreiben“ ist.

  • Informationen: Diese Schreibkunst wird einem erlebbar gemacht, wenn man das sinnliche Gefühl genießt, wie die Tinte aus der Bandzugfeder auf das Papier fließt – und man aus Formen Buchstaben und Texte webt. Im Kurs macht man sich mit den Werkzeugen Tinte sowie Feder vertraut und erlernt dabei die Grundzüge eines gängigen kalligrafischen Alphabets. Mehr Infos gibt es auf www.mittelbayerische-akademie.de .

  • Frakturkurs: Am Donnerstag, 9. Mai findet von 18 bis 21 Uhr der Aufbaukurs „Kalligrafie: Fraktur“ im Verlagsgebäude in der Kumpfmühler Straße 15 in Regensburg statt. Johann Maierhofer zeigt den Teilnehmern die Frakturschrift und erklärt deren Grundzüge. Danach betreut er die Schreibkünstler beim Üben. Ein vorheriger Einführungskurs oder andere kalligrafische Erkenntnisse werden empfohlen. Hier kann man sich für die noch freien Plätze anmelden.

  • Kursangebot: Findet man Gefallen an dieser spirituellen und kreativen Schreibkunst, kann man auch an einem Tages-, Wochenend- sowie Wochenseminar von Johann Maierhofer teilnehmen. Diese bietet er bundesweit an. Dabei kann man nicht nur seine eigenen kalligrafischen Kenntnisse vertiefen, sondern trifft auch auf Gleichgesinnte. Mehr Infos dazu finden Interessierte auf www.schriftkunst.de .

Kalligrafie als neues Yoga

Zum Schluss erzählen sie, was sie künftig vorhaben mit dieser ausdrucksstarken Schreibkunst. Die eine will Grußkarten gestalten, die andere möchte sich ein Zitat mittels eines kalligrafischen Schriftzugs an ihre Wand machen. Wieder eine andere möchte Briefe schreiben und darin einige kalligrafische Elemente einfügen.

Unter anderem die verschiedenen Schriftarten machen die Schriftzüge zu kalligrafischen Kunstwerken. Foto: melnikofd/stock.adobe.com
Unter anderem die verschiedenen Schriftarten machen die Schriftzüge zu kalligrafischen Kunstwerken. Foto: melnikofd/stock.adobe.com

Zu guter Letzt mag man sich fragen, ob die Kalligrafie nur für Frauen ist – vor allem, weil nur weibliche Teilnehmer im Kurs waren. „Das ist wie überall in der Erwachsenenbildung: 70 Prozent sind Frauen, 30 Männer“, erklärt Maierhofer. Doch bei den hauptberuflichen Kalligrafen gestalte es sich umgekehrt: „Rund 60 Prozent sind Männer“, weiß der Kursleiter.

Mein Fazit: Für mich ist das Kalligrafieren mein neues Yoga. Ich finde dabei meine innere Ruhe und kann mir etwas Kreatives anfertigen.

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Diesen und viele weitere Kurse gibt es im Angebot unserer m|Akademie.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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