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Interview

Kalligrafie sorgt für innere Ruhe

Johann Maierhofer aus Regensburg spricht über die Renaissance des Kalligrafierens. Für ihn ist die Schreibkunst tiefgründig.
Von Susanne Wolf

Johann Maierhofer gibt in seinen Kursen weiter, was er tagtäglich durch die Kalligrafie erfährt: In dem Moment, wo jemand kalligrafiert, gibt es keine Probleme und Sorgen. Denn: „Du bist im Hier und Jetzt“, weiß er. Foto: Susanne Wolf
Johann Maierhofer gibt in seinen Kursen weiter, was er tagtäglich durch die Kalligrafie erfährt: In dem Moment, wo jemand kalligrafiert, gibt es keine Probleme und Sorgen. Denn: „Du bist im Hier und Jetzt“, weiß er. Foto: Susanne Wolf

Regensburg.„Der Geist führt, der Körper folgt“, sagt Johann Maierhofer. Für den Regensburger Kalligraf und Autor ist die Kalligrafie etwas Tiefgründiges. Denn bei dieser Schreibkunst sind die Menschen achtsam und bei sich. Allein diese Tatsache ist für den Künstler schon ein „spiritueller Ausdruck“.

Früher wurden heilige Texte abgeschrieben und das Kalligrafieren war oft ein sakraler Vorgang...

Kalligrafie war schon immer Ausdruck des Menschen. In Europa wurde, nachdem das Schreiben elitär war, das Kalligrafieren, das nur von Mönchen gekonnt und geschult worden ist, zum Schreiben religiöser Texte verwendet. Der Wandel, dass Schrift dann auch für andere Texte verwendet worden ist, ist meiner Meinung nach daher gekommen, dass breite Teile der Bevölkerung das Schreiben gelernt haben. Allerdings ist es eine einfache Sicht, wenn man sagt, dass Schrift für religiöse Texte verwendet wurde.

Wieso das?

Betrachtet man die Entwicklung der Schrift, dann war sie anfangs sehr funktional – um Rechen- und Buchungsvorgänge abzubilden. So war Schrift immer etwas ganz Pragmatisches, aber auch Mittel für Texte, die einen berühren. Kalligrafie in Abgrenzung zur Schrift ist etwas Anderes und Tieferes.

Worin siehst Du den Wandel begründet?

Kalligrafie selbst war eine Möglichkeit des Schreibens. Früher war sie ein Medium, um Inhalte zu transportieren – vor dem Buchdruck, der Schreibmaschine und dem Computer. Jetzt – mit unseren technischen Möglichkeiten – werde ich den Teufel tun, um irgendwelche banalen Texte zu kalligrafieren. Dafür fehlt die Motivation. Wir sind jetzt in der glücklichen Lage, die Kalligrafie in Texten von der Funktion zu lösen. Lange Texte schreibe ich natürlich mit dem PC, weil es schneller geht.

Wie sieht das in Deinem Arbeitsalltag aus?

Bei meinen Aufträgen gestalte ich nur gewisse Teile kalligrafisch. Die anderen Elemente wie den Fließtext setze ich typografisch um.

Was begeistert Deiner Meinung nach immer mehr Menschen an dieser Schreibkunst?

Man braucht Kalligrafie nicht mehr, um Inhalte zu schreiben, sondern man kann sich ganz in den Fluss der Formen versetzen und sich dadurch selbst zum Ausdruck bringen. Der große Reiz der Kalligrafie ist, dass die Leute ins Hier und Jetzt kommen. Es gibt keinen Gedanken an die Vergangenheit und keinen an die Zukunft. Das ist wie beim Singen: Solange du singst, hast du keine Probleme und Sorgen.

Hat das mit der Digitalisierung und der Schnelllebigkeit zu tun?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt! Ich gehe zurück in die Zeit der industriellen Revolution, wo sich die Menschen immer mehr entmenschlicht gefühlt haben. Die Gegenbewegung damals war die sogenannte „Arts and Crafts“-Bewegung, wo man wieder „Back to the Roots“ gegangen ist und das Handwerk wieder mehr in den Vordergrund gestellt hat. Das ist die Geburtsstunde der modernen und zeitgemäßen Kalligrafie. Um 1890 haben Edward Johnston und William Morris von England aus die Kalligrafie innerhalb der gerade genannten Bewegung wieder in den Vordergrund gebracht. Das Gleiche passiert jetzt auch in dieser digitalen Welt.

Quasi eine Renaissance?

Ja, eine Renaissance, eine Rückbesinnung – in der digitalen Zeit, wo alles schnell und ohne Punkt und Komma geht. Früher musstest du mit der Schreibmaschine noch schalten. Jetzt kannst du schreiben und schreiben und schreiben – bis du stirbst (lacht). Seit den 1990ern ist diese Gegenbewegung auch wieder verstärkt in der Kalligrafie zu sehen. Seit circa acht Jahren ist das nochmal im sogenannten Handlettering ersichtlich, was in Amerika als „Fake Calligraphy“ und in Frankreich als „Faux Calligraphy“ bezeichnet wird.

Was ist der Unterschied zwischen Lettering und Kalligrafie?

Lettering hat immer mit Buchstaben zu tun. Außerhalb von Buchstaben gibt es kein Lettering. Der Begriff „Kalligrafie“ setzt sich aus „kalós“ – gut, wertvoll, echt, zufrieden, glücklich – und „gráphein“ – hineingraben – zusammen. Von der griechischen Bedeutung her wird das Wort auch für einen „schönen Tanz“, der sich „hineingräbt“, verwendet. Oft wird von der „Kalligrafie der Töne“ gesprochen. In unserer Zeit werden Wörter häufig falsch benutzt – wie das Wort „Kalligrafie“ für „Schönschreiben“. Mit der ursprünglichen Bedeutung bist du auch näher dran, dass die Kalligrafie nicht im Stift auf dem Papier passiert, sondern bereits in deinem Körper angelegt ist und du dich zum Ausdruck bringst – mit den drei Begriffspaaren „Nähe/Distanz“ (Abstände; Zueinanderstehen der Formen), „Druck/Loslassen“ (Art des Aufdrückens; Raum: Länge, Breite und Höhe) und „Schnell/Langsam“ (Zeit). Es ist ein Abbild des anderen Lebens: Du bewegst dich in Raum und Zeit. Mit jedem Strich übst du dein Leben. Das ist Kalligrafie!

Schriftkunst

Kalligrafie ist mehr als Schönschreiben

Wunderbar gestaltete Schriftzüge zieren Wände und Grußkarten. Doch die Kalligrafie ist mehr als nur Abmalen von Buchstaben.

In Deinem Kurs bei der m|Akademie habe ich gesehen, dass Du die Kalligrafie mit der Spiritualität verbindest. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Wenn du kalligrafierst, kommst du sehr tief ins Leben hinein. Du bist im Hier und Jetzt, beschäftigst dich intensiv mit Texten. Diese Kombination hat 2009 begonnen, wo ich Arbeiten für eine Ausstellung in Russland gefertigt habe. Die Ausstellung trug den Titel „Kalligrafie und Spiritualität“. Dabei habe ich Arbeiten gefertigt, die ich jetzt im Zyklus in Haus Werdenfels ausstelle. Wolfgang Stöckel von Schloss Spindelhof hat bei einer Ausstellungseröffnung gesagt: „Vielleicht ist dieses Kalligrafieren, dieses Tun, schon ein spiritueller Akt.“ Ich habe mir gedacht: „Recht hast!“ Spiritualität ist etwas, das jeder Mensch spürt. Diese Gespräche führe ich teilweise mit bekennenden Atheisten – jeder Mensch hat einen Zugang zu Spiritualität. Das ist weniger das Drüber-Reden als das Tun. Wenn du beim Kalligrafieren bei dir bist, im Hier und Jetzt, einfach ganz achtsam, dann ist das schon ein spiritueller Ausdruck.

Kalligrafie gilt als ausdrucksstarke Kunstform. Was macht sie dazu?

Im Mittelalter war sie Grundlage für alle bildenden Künste. In Bern gab es 2014 im Zentrum Paul Klee die Ausstellung „Taking a Line for a Walk“ mit bildenden Künstlern. Sie alle berufen sich in ihrem Schaffen auf die Kalligrafie. Im Ausstellungsprogramm steht bei jedem Künstler, wie er durch die Kalligrafie beeinflusst wurde. Mark Tobey sagte zum Beispiel: „Durch die kalligrafische Linie ließ sich das rastlose Pulsieren unserer heutigen Städte einfangen.“ Alle Künstler spüren die Kraft der Kalligrafie und lassen sich von ihr inspirieren.

Früher wurde das Schönschreiben verlacht. Heute ziert die Kalligrafie Karten, Wände und vieles mehr. Was macht sie so besonders?

Konzentriert kalligrafiert Johann Maierhofer. Bei dieser Schreibkunst kommt er zur Ruhe. Foto: Susanne Wolf
Konzentriert kalligrafiert Johann Maierhofer. Bei dieser Schreibkunst kommt er zur Ruhe. Foto: Susanne Wolf

Für mich ist sie Lebensschulung. In unserem Schulsystem hat sie zur Zeit keinen Platz. Der Schreibprozess muss in den Schulen schnell und funktional erfolgen, damit wir Zeit für wichtige Sachen haben. Einfach und schnell. Aber ist einfach und schnell immer besser? Schnelles und funktionales Schreibenlernen ermöglicht den Kindern diese Bewegungsfreude – auch im Schreibprozess – nicht. Ich komme durch die Kalligrafie zur Ruhe und kann mich ausdrücken.

Was rätst Du Interessierten?

Es gibt zwar viele Bücher, aber ich rate ihnen, einfach anzufangen. Man kann nichts falsch machen. Trotzdem sollte man in einen Kurs gehen. Man lernt, wie man die Feder richtig hält und trifft sich mit Gleichgesinnten.

Welche Utensilien braucht man?

Tinte, Feder, Federhalter, Papier. Das reicht. Und los geht’s. Aber eigentlich brauchst du nur deinen Geist und Körper. Jedes Werkzeug ist bloß Ergänzung der körperlichen Ausdrucksmöglichkeit. Der Geist führt, der Körper folgt.

Was kann ich damit alles machen?

Dir selbst Freude. Es ist Sinn-los – das ist wie mit Singen, Gitarrespielen oder Yoga. Das Sinnlose ist heute oft notwendiger als das Sinnvolle. Du kannst aber auch anderen Menschen Freude machen, wenn du einen Brief schreibst und einige Elemente kalligrafierst.

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