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Wohnpsychologie

Wenn die eigenen Wohnräume überfordern

Rote Wände und ein Fernseher im Schlafzimmer sind laut Barbara Perfahl absolute No-Gos, wenn man sich daheim wohlfühlen will.
Von Viktoria Hausmann

Unmut statt Wohlfühlatmosphäre: Oft sorgt die eigene Wohnung für schlechte Laune und man fühlt sich nur noch unwohl. Foto: Spectral-Design/stock.adobe.com
Unmut statt Wohlfühlatmosphäre: Oft sorgt die eigene Wohnung für schlechte Laune und man fühlt sich nur noch unwohl. Foto: Spectral-Design/stock.adobe.com

Regensburg.Beklemmende Decken, eine getrübte Atmosphäre oder zu viel Elektronik: Wenn sich Menschen in den eigenen vier Wänden nicht wohlfühlen, holen sie sich Hilfe von Barbara Perfahl. Die Wohnpsychologin sorgt dafür, dass sich Körper und Seele wieder zu Hause fühlen. Im Interview erklärt sie, warum viele Menschen mit ihren Wohnräumen unzufrieden sind, und gibt Tipps, wie man sich in den eigenen vier Wänden wohlfühlen kann.

Sie sind ausgebildete Psychologin und wurden danach Innenarchitektin. Ist Psychologie für das Einrichten von Wohnungen sehr wichtig?

Als Psychologin würde ich „Ja“ sagen. Es gibt einfach Überschneidungen beider Bereiche. Darum ist die Betrachtungsweise wichtig: Was macht ein Raum mit dem Menschen, der darin lebt? Wie muss er gestaltet sein, damit er die Bedürfnisse von diesem Menschen erfüllt? Das können Wohnräume sein oder auch Läden. Es gibt Räume, die einen überfordern. Mit Räumen kann eine sehr starke Wirkung erzeugt werden.

Sagen Ihnen Ihre Kunden oft, dass die Räume, in denen sie leben, sie deprimieren?

Barbara Perfahl ist Wohnpsychologin. Sie sorgt dafür, dass sich Körper und Seele wieder zu Hause fühlen. Foto: Wolfgang Lehner
Barbara Perfahl ist Wohnpsychologin. Sie sorgt dafür, dass sich Körper und Seele wieder zu Hause fühlen. Foto: Wolfgang Lehner

Es sind gar nicht so wenige Menschen mit ihren Wohnräumen unzufrieden. Sie wünschen sich eine Verbesserung. Meistens können meine Kunden gar nicht sagen, warum sie mit dem Raum unzufrieden sind. Als Außenstehender erkennt man oft besser, was das Problem ist. Es gibt aber auch Leute, die sagen, sie bräuchten mehr Struktur und sie wüssten gar nicht, wie sie das hinkriegen sollen.

Da ist dann wahrscheinlich schon jeder dabei, der einen Fernseher im Schlafzimmer hat?

Richtig! Manchmal gibt es Sachen, die widersprechen sich einfach. Wie ein Fernseher am Bettende, wo man eigentlich ausruhen will. Manchmal gibt der geringe Platz das leider auch so vor. Ganz schwierig wird es, wenn mehrere Leute mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenwohnen. Dann gibt es so viele verschiedene Anforderungen, die der Raum letztlich erfüllen muss, dass es schwierig ist, eine Lösung für alle zu finden.

Ein Beispiel ist wahrscheinlich die Schlafcouch, für die man abends immer alle anderen Möbel verschieben muss.

Leider! Der Trend geht ja zu immer kleineren Wohnungen hin, weil der Wohnraum in den Städten immer teurer wird. Dann müssen oft andere Lösungen her, die auf kleinem Raum geschickt mehr Funktionen erfüllen können. Wie eben die Schlafcouch. Der Raum ist also erst Schlafzimmer, dann Wohn- oder Arbeitszimmer.

Und das funktioniert?

Wenn man es sich aussuchen könnte, dann hätten viele Menschen gern mehr Wohnraum. Aber wenn man den nicht hat, dann muss man Kompromisse eingehen und das bleibt oft ein Quell von Unzufriedenheit.

Was bewirkt diese Unzufriedenheit?

Das ist, glaube ich, persönlichkeitsabhängig. Es gibt Leute, die sind disziplinierter, und Leute, die gucken drüber hinweg. Es passiert ja ziemlich oft, dass man nicht so optimale Stellen in der Wohnung nach einiger Zeit einfach bewusst übersieht. Mit Provisorien verhält es sich ähnlich: Sie halten oft am längsten und man behält sie, weil man sich einfach daran gewöhnt.

Richten Frauen ihre Wohnungen eigentlich anders ein als Männer?

Es gibt eine Tendenz, dass man das Plüschige eher bei Frauen findet. Es gibt aber auch Wohnungen von Frauen, die sehr kühl und technisch eingerichtet sind, und Männer mit gemütlichen, dekorierten Wohnungen. Während Frauen gerne kreativ werden und sich intensiv mit der Einrichtung beschäftigen, ist das für Männer eher ein Nebenthema. So nach dem Motto: „Ja, wohnen tut man schließlich auch.“ Männer richten außerdem mehr punktuell ein. Das schicke Regal in der Ecke zum Beispiel. Frauen sind schneller dabei, sich ein Gestaltungskonzept für einen ganzen Raum zu überlegen.

Männer sagen sich also: „Solange der Fernseher dasteht, ist es gut.“?

(lacht) Ein wenig verallgemeinert schon. So das Klischee.

Brauchen Räume eigentlich mehr Zimmerpflanzen?

Zimmerpflanzen wie der Drachenbaum lassen eine Wohnung nicht nur lebendiger wirken, sondern sorgen auch für Wohlfühlatmosphäre. Foto: Andrea Warnecke/dpa
Zimmerpflanzen wie der Drachenbaum lassen eine Wohnung nicht nur lebendiger wirken, sondern sorgen auch für Wohlfühlatmosphäre. Foto: Andrea Warnecke/dpa

Zimmerpflanzen sind generell gut. Wenn man viel in der Wohnung ist, besteht ein bisschen die Gefahr, dass man die Verbindung zum Außen verliert. Und das Außen ist deshalb für uns gut, weil es die Natur ist. Und Natur heißt ja nicht, dass man in die Berge muss. Der Stadtpark reicht schon.

Warum?

Es gibt ja Studien, dass uns allein das Sein in der Natur oder schon der Blick auf die Natur entspannt — oder, wenn das nicht geht, der Blick auf ein Bild einer Landschaft oder Pflanze. Es steigert sogar unsere Leistungsfähigkeit, weil unser Gehirn nicht darauf ausgerichtet ist, permanent konzentriert zu sein. Unser Gehirn funktioniert am besten, wenn sich Phasen hoher Aufmerksamkeit und Phasen abwechseln, in denen wir ein bisschen umherschauen, ohne bewusst nachzudenken. Da reicht manchmal schon ein Baum vor dem Fenster.

Wir müssen also den Blick auch mal schweifen lassen und an nichts denken?

Bildschirmarbeit führt dazu, dass unser natürlicher Rhythmus immer wieder gestört wird. Wir verlernen, uns umzuschauen. Wenn man viel am Computer arbeitet, muss man sich eigentlich zwingen, immer einmal kurz vom Bildschirm wegzugucken. Es funktioniert nicht, wenn ich dann zur Entspannung wieder auf einen Bildschirm gucke – egal, ob auf den Fernseher oder Handy.

Was kann man dagegen tun?

Ich sollte auch im geschlossenen Raum Punkte haben, wo ich meinen Blick quasi in die Natur schweifen lassen kann. Dafür ist zum Beispiel ein großes Poster gut oder ein schönes Bild – oder eben Zimmerpflanzen, die mir gestatten, meinen Blick ins Grüne zu richten.

Sehen Sie eine Gefahr darin, dass Leute heute fast ständig im Internet sind?

Dazu gibt es eine interessante Studie. Jugendliche von heute bleiben in größerem Ausmaß im eigenen Zimmer – im Vergleich zu Jugendlichen in der Vor-iPhone-Zeit. Wo Teenager früher ausgegangen sind, um draußen Zeit mit Freunden zu verbringen, bleiben sie heute oft im Zimmer, um sich von dort via Handy mit ihren Freunden zu treffen.

Macht dieser Rückzug nicht depressiv?

Genau das war auch das Ergebnis dieser Studie. Deutlich mehr Teenager als in früheren Studien sagen, dass ihr Leben nicht glücklich ist. Letztlich muss man sagen, wenn ich mich in eine virtuelle Welt begebe, dann ist es so, dass ich meine Außenwelt nicht mehr so stark wahrnehme – und auch nicht mehr den eigenen Raum. Ob ich mich jetzt mit meinem Handy in die Küche setze oder auf den Balkon oder in die Bahn, ist egal. Ich nehme jedes Mal die Umwelt weniger wahr. Das heißt auch: Der eigenen Wohnung wenden sich die Leute nicht mehr so zu. Es ist dann quasi nicht mehr der eigene Raum. Man wohnt nicht mehr dort. Um dort zu leben, muss ich mich dem Raum auch zuwenden.

Es gibt aber auch das Gegenteil: Leute, die ihre Wohnung möglichst toll herrichten, um auf Selfies zu zeigen, wie toll ihr Leben ist.

Es kommt darauf an, wie ich mein Handy nutze. Wenn ich meine Zeit mit Computerspielen verbringe oder wenn ich viel über WhatsApp chatte, dann spielt der Raum um mich herum weniger eine Rolle. Wenn ich meine Zeit mit Instagram oder mit der Einrichtung eines YouTube-Kanals verbringe, der sich dann noch dazu dem Thema Lifestyle oder Einrichtung widmet, dann ist das natürlich ein anderes Thema. Aber dann sind das auch Leute, die ein Interesse daran haben.

Sich den Raum zu eigen machen heißt also, dass ich auch mal überlege, ob ich den Raum anders streichen soll?

Wer gerne liest, fühlt sich mit einer Leseecke gleich noch wohler. Foto: Elke Wentker/dpa
Wer gerne liest, fühlt sich mit einer Leseecke gleich noch wohler. Foto: Elke Wentker/dpa

Es heißt, dass ich mir allgemein überlege: Was sind meine Wohnbedürfnisse? Brauche ich eine Fernsehecke oder eine ruhige Ecke zum Lesen? Und dann ist da noch das Gestalterische: Welche Farben gefallen mir? Will ich eine Fototapete von der einsamen Insel? Was für Möbel habe ich? Das ist ein Prozess, das alles miteinander zu vereinen.

Gibt es dabei auch Dinge, die ich beachten muss? Wenn ich jetzt beispielsweise mein Schlafzimmer knallrot streiche, wirkt sich das dann vielleicht falsch aus?

Viele Menschen gehen nicht nach Regeln, sondern entscheiden mehr aus dem Bauch heraus, was ihnen gefällt. Gerade beim Thema Farben sieht man, dass Menschen sehr verschieden sind. Es gibt auch Leute, die super gut in einem roten Schlafzimmer schlafen, aber für die meisten wäre es nix.

Gibt es denn Grundregeln dafür?

Die erste wichtige Regel bei Farben ist: Was gefällt mir und was nicht? Denn das überlagert alles. Dann gibt es das Thema der Aktivierung. Rot ist eben sehr aktivierend und zum Beispiel nicht so gut in Schlafräumen oder Arbeitsräumen, in denen ich zur Ruhe kommen und mich konzentrieren muss. Zum Konzentrieren ist zum Beispiel Grün gut oder ein helleres Blau. Genauso wie für Schlafräume kühlere Farben besser sind. Man kann auch noch berücksichtigen, wie die Räume liegen. Also ein Raum mit wenig Sonnenlicht, der nach Norden ausgerichtet ist, verträgt eher warme Farben, als ein Raum, der nach Süden ausgerichtet ist. Wenn ich diesen in Orange streiche, dann wird es wahrscheinlich zu warm.

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