MyMz

Österreich

In Klagenfurt schlägt die Kunst Wurzeln

Im Stadion wachsen die Bäume in den Himmel. Die Bilder aus Kärnten gehen um die Welt und prägt das Bild von Klagenfurt.
Von Marianne Sperb

Menschen, die auf Bäume starren: Im Klagenfurter Stadion steht bis Ende Oktober die Begegnung mit dem Wald auf dem Spielplan. Ein Wald auf Widerruf verändert hier das Bewusstsein für Natur und das Image Kärnten. Foto: Zak/dpa
Menschen, die auf Bäume starren: Im Klagenfurter Stadion steht bis Ende Oktober die Begegnung mit dem Wald auf dem Spielplan. Ein Wald auf Widerruf verändert hier das Bewusstsein für Natur und das Image Kärnten. Foto: Zak/dpa

Klagenfurt.Der Wald wispert und rauscht. Der Wind wiegt die Wipfel. Eine Vogelstimme dringt ab und zu aus dem Grün. Das Zwitschern schwingt sich hinauf in den sattblauen Kärntner Herbsthimmel. Alles ganz normal also? Ganz und gar nicht. Denn der Wald, er wächst aus der Klagenfurter Fußballarena.

Konzeptkünstler Klaus Littmann inszeniert auf dem Rasen ein Stück Natur. 300 Bäume, bis zu sechs Tonnen schwer, 30 Jahre alt und bis zu 15 Meter hoch, ließ er in die Arena pflanzen. Bergulmen, Schwarzkiefern, Rotföhren und 20 weitere Arten sind ins Stadionrund gebettet wie eine kostbare Rarität in eine Schatulle. Der Wald als Museumsobjekt, ausgestellt als selten gewordene Spezies: Die Vision scheint nicht mehr so weit weg nach dem Sommer 2019, der Baumbestände großflächig kollabieren ließ und gestandenen Förstern Tränen in die Augen trieb. Und tatsächlich ist der idealtypische Mischwald, wie er in der Arena steht, in Kärnten kaum noch zu finden.

Im Klagenfurter Stadion steht bis Ende Oktober die Begegnung mit dem Wald auf dem Spielplan. Ein Wald auf Widerruf verändert hier das Bewusstsein für Natur und das Image Kärnten. Foto: Gerhard Maurer
Im Klagenfurter Stadion steht bis Ende Oktober die Begegnung mit dem Wald auf dem Spielplan. Ein Wald auf Widerruf verändert hier das Bewusstsein für Natur und das Image Kärnten. Foto: Gerhard Maurer

Klaus Littmann spielt mit der Wahrnehmung, ein bisschen wie Christo, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Joseph Beuys, mit denen er sehr eng zusammenarbeitete. „Kunstinterventionen sind wirkungsvolle Agenten“, sagt der Schweizer. „Sie verändern den Blick.“ In Klagenfurt kam das zunächst gar nicht gut an. „Scheißwald!“, schimpften sie, den Künstler solle man „am nächsten Baum aufhängen“, hieß es sogar, auf der Straße rempelten sie ihn an und die FPÖ machte Stimmung gegen die „Geldverschwendung“.

Literatur

Literaturtage in Klagenfurt eröffnet

Autoren wollen sich bei Tagen der deutschsprachigen Literatur den Bachmann-Preis sichern. Zuvor erhalten sie eine Warnung.

Die Debatte um Brandrodung und Klimakollaps gab „For Forest“ gewaltigen Schub – auch den feindlichen Emotionen. „Schockierend war: Über die Sache selbst wurde kaum diskutiert. Das Projekt wurde zum Polit-Futter. Und einige versuchten, sich gegenseitig rechts zu überholen“, sagt Klaus Littmann in der Vip-Lounge des Stadions, wo er an diesem Regentag im Halbstunden-Takt Interviews gibt. Gerade war ein Fotograf der NYT da. Durch die großen Glasflächen schweift der Blick über den wundersamen Wald, der wie von einer Fee auf den Rasen gezaubert scheint, und folgt dem stetigen Tröpfeln der Besuchergrüppchen. Die kleinste Großstadt Österreichs zeigt die größte Kunstinstallation, die das Alpenland je hatte.

Reiseziel Klagenfurt

  • Übernachten:

    Das Hotel Sandwirth mitten in der Altstadt schaut auf eine lange Tradition – bis 1735 – und bietet schöne Zimmer, herzlichen Service, Spa-Bereich und ein ausgezeichnetes Frühstücksbüffet. Als Extra: Im Palais Musil, 300 Meter vom Haupthaus, sind sieben luxuriöse Suiten untergebracht.

  • Anschauen:

    Die historische Altstadt mit ihrem italienischen Flair, das Museum Moderner Kunst und das Stadttheater, die reizvolle Natur rund um den Wörthersee, die überwältigende Kapelle von Ernst Fuchs in der Kirche St. Egid, Events wie die Tage der Alpen-Adria-Küche und die Krimi-Tage: Klagenfurt bietet eine Fülle von Gründen für einen Besuch. Inspirieren lassen kann man sich auf der Homepage des Tourismus GmbH: www.visitklagenfurt.at

Das Bild vom Wald auf Widerruf geht um die Welt. Am 1. Oktober, drei Wochen nach Eröffnung, kam der 100 000. Gast und wenn „For Forest“ am 27. Oktober endet, dürften gut 200 000 Menschen die Installation besucht haben. „Überwältigend“ nennt Helmuth Micheler, Chef der Tourismus GmbH, das mediale Echo, das bis Peru und Taiwan nachhallt.

Max Peintner (links) und Klaus Littmann vor der Waldskulptur im Wörthersee-Stadion. Foto: Gert Eggenberger/dpa
Max Peintner (links) und Klaus Littmann vor der Waldskulptur im Wörthersee-Stadion. Foto: Gert Eggenberger/dpa

In der Vip-Lounge klingelt das Handy von Klaus Littmann. „Darf ich kurz?“ Der 68-Jährige macht das Gespräch kurz und zeigt, als er das Telefon zurück auf den Tisch legt, seine Verblüffung: „Da ruft ein Graf an, der den Wald kaufen will.“ Die Bäume, die Enzo Enea, der Landschaftsarchitekt und Baumsammler aus Rapperswil, zum Wald komponiert hat, sollen auf Dauer in Kärnten einwurzeln. Wo genau, das wird Ende Oktober verkündet.

Reise

In Gstaad ist man dem Himmel so nah

Das Schweizer Dorf verbindet Natur und Nervenkitzel. Auf der Hängebrücke zwischen zwei Gipfeln fühlt man sich wie ein Vogel.

Klaus Littmann ist ein gewinnender Typ. Gelder in Millionenhöhe hat er bei Sponsoren eingeworben. Wie das geht? „Dein Gegenüber spürt es, wenn du überzeugt bist“, sagt der Basler, der an die 80 Projekte realisiert hat. „Ich beginne nicht erst, wenn das Geld beisammen ist. Ich fang’ einfach an.“ Bei „For Forest“ war erst im November 2018 klar, dass der Wald finanzierbar sein würde. Dabei half auch, dass das überdimensionierte, knapp 100 Millionen Euro teure Klagenfurter Stadion, unter FPÖ-Chef Jörg Haider 2007 eröffnet, wenig gefragt und also: günstig für Kunst zu haben war. In der Arena mit 30 000 Plätzen verlieren sich im Schnitt pro Spiel 700 Zuschauer. Die Ironie: Gerade jetzt, nachdem sich der Wolfsberger AC sensationell in die Europa League gekickt hat, wäre die Spielstätte einmal voll besetzt gewesen. Und nun könnten die Fußballer dort nicht auflaufen. Weil ein Wald im Stadion steht.

Klaus Littmann ließ im Stadion einen Wald pflanzen.  Foto: Emmanuel Fradin
Klaus Littmann ließ im Stadion einen Wald pflanzen. Foto: Emmanuel Fradin

Klagenfurt landet mit „For Forest“ einen Volltreffer fürs Image. Die Heimat des 2008 verunglückten Rechtspopulisten Jörg Haider, hoch verschuldet, überaltert und auf steter Suche nach Selbstvergewisserung, präsentiert sich weltoffen und kunstsinnig. Horst Ragusch, der Türmer der Kirche St. Egid, der viel nachdenkt über Kärnten und seine Menschen, hat den Wald in der Arena schon sechs Mal besucht. Eine heilsame Intervention nennt er ihn. Das Haider-Stadion werde jetzt auf immer verbunden sein mit Kunst.

Klaus Littmann ließ im Stadion einen Wald pflanzen.  Foto: Gerhard Maurer
Klaus Littmann ließ im Stadion einen Wald pflanzen. Foto: Gerhard Maurer

Die Waldskulptur trifft den Kern dessen, was Klagenfurt ausmacht: Natur und Kunst. Tourismus-Chef Helmuth Micheler fallen spontan drei „Musts“ im Grünen und am Wörthersee ein: die Bucht unter dem romantischen Schloss Loretto, die Kreuzberge mit ihrem Buchenmischwald und das lauschige Kalmus-Bad. Ein Tipp für Golfer: Die herrlich gelegene Anlage Seltenheim. „For Forest“ bringe viel Bewegung in die Stadt, sagt Micheler, auch dank des XXL-Begleitprogramms mit Ausstellungen, Führungen und sogar einer Oper: „Tannhäuser“ natürlich, den das kleine Stadttheater erstaunlich ambitioniert und überzeugend in Szene setzt.

Das Bild „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ von Max Peintner hat Klaus Littmann zu seiner Waldskulptur inspiriert. Foto: Gerhard Maurer
Das Bild „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ von Max Peintner hat Klaus Littmann zu seiner Waldskulptur inspiriert. Foto: Gerhard Maurer

Der Herbst ist Genusssaison in Klagenfurt. Im Drei-Länder-Eck Österreich, Slowenien und Italien wird die Alpe-Adria-Küche mit einem eigenen Festival gefeiert. 20 Köche übernehmen für zehn Tage die Küchen in Klagenfurter Restaurants. Diesen Herbst tischte zum Beispiel Günter Piccolruaz aus Südtirol im „Princs“ ein raffiniert-deftiges Menü auf und im „Wispelhof“ stand Ana Roš am Herd, 2017 zur besten Köchin der Welt gekürt, die normalerweise im slowenischen Nirgendwo gewagt-geniale Gerichte erfindet. Knochenmark-Ravioli mit wildem Hopfen zum Beispiel.

Beim Festival für die Alpe-Adria-Küche stehen Spitzenköche aus Österreich, Italien und Slowenien am Herd von Klagenfurter Restaurantst.  Foto: Dean Dubokovic
Beim Festival für die Alpe-Adria-Küche stehen Spitzenköche aus Österreich, Italien und Slowenien am Herd von Klagenfurter Restaurantst. Foto: Dean Dubokovic

Trüffel, Kräuter, Säfte, Lamm, Fisch, Öl, Käse, Wein: Die ganze Geschmackswelt des Alpe-Adria-Raums präsentieren bei dem Festival knapp 50 handverlesene Spitzenproduzenten auf der Genussmeile am Alten Platz. Nach dem morgendlichen Marktbummel fahren vielen Besucher hinaus zur Arena, für ein Augenbad im Wald. Die Wirkung ist stark. Auch bei Klaus Littmann selbst, der sich seit September den Bäumen im Stadion aussetzt. Er bekennt: „Ich seh’ den Wald jetzt anders.“

Hier geht es zu unserem Freizeit-Special

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht