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BERGSTEIGEN

Kaltes Exklusivvergnügen am Großglockner

Wer den Gipfelblick von Österreichs höchstem Berg für sich haben will, braucht auch im Winter viel Glück und gutes Timing.
Von Gunther Lehmann

Ausgesetzt und über Schnee, Fels und Eis führt die Kletterei auf den Gipfel des Großglockners. Fotos: Riepler, Lehmann
Ausgesetzt und über Schnee, Fels und Eis führt die Kletterei auf den Gipfel des Großglockners. Fotos: Riepler, Lehmann

KALS.Stüdlhütte, halb sechs in der Früh – der Schritt hinaus in die -15 Grad kalte Dunkelheit auf 2800 Metern Höhe kostet Überwindung. Im Schein der Stirnlampen glitzern die Schneekristalle, die der Sturm unerbittlich ins Gesicht peitscht. Von dem Schutzhaus, das an guten Tagen Dutzenden Seilschaften als Ausgangspunkt für die Besteigung des Großglockners dient, brechen an diesem Morgen gerade mal sechs Bergsteiger auf, um das Dach Österreichs zu erklimmen. Langsam und geduckt setzt sich die Seilschaft in Bewegung und folgt der Spur, die Bergführer Toni Riepler mit seinen Ski in den Schnee legt.

Bergführer Toni Riepler Foto: Lehmann
Bergführer Toni Riepler Foto: Lehmann

Noch einen Tag zuvor wollte keiner an die heftige Wetterfront glauben, die mit Sturmböen und Schneefall die Bedingungen für die Gipfelbesteigung dramatisch verschlechtern sollte. Bei Sonnenschein und bester Sicht wurde der Weg vom Lucknerhaus bei Kals am Großglockner zur Stüdlhütte, dem ersten Etappenziel, trotz schwerer Ausrüstung beinahe zur Genusstour.

Aus dem Ködnitztal heraus führt der Weg zur Stüdlhütte auf der Fanotscharte. Foto: Lehmann
Aus dem Ködnitztal heraus führt der Weg zur Stüdlhütte auf der Fanotscharte. Foto: Lehmann

Etwa zweieinhalb bis drei Stunden dauert der Aufstieg durch die beeindruckende Kulisse des Ködnitztals hinauf zum Schutzhaus in der Fanotscharte. Dessen Namensgeber, der Prager Kaufmann und Bergsteiger Johann Stüdl, ließ 1868 an gleicher Stelle bereits eine Hütte errichten, mit der der Aufsteig zum Großglockner von Kalser Seite aus erschlossen wurde. Damit konnte sich die kleine Osttiroler Gemeinde an der Südseite des Großglockners auch endlich ein Stück vom Kuchen abschneiden, von dem die Kärnter in Heiligenblut nördlich des Glockners nichts abgeben wollten.

Die Entwicklung des Alpintourismus nahm Fahrt auf, die Stüdlhütte wurde damals zur ersten Hütte des 1869 gegründeten Deutschen Alpenvereins und noch im gleichen Jahr half Stüdl, den Kalser Bergführerverein aus der Taufe zu heben, der mit bald 150 Jahren die älteste Bergführervereinigung der Ostalpen ist.

Zehn interessante Fakten rund um die Besteigung des Großglockners finden Sie hier:

Toni Riepler steht ganz in der Tradition dieser wilden Burschen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bis zu 40 Mal pro Saison führen er und seine Kalser Bergführerkollegen Bergsteiger auf Österreichs höchsten Gipfel.Dabei bleiben ihm die Veränderungen, die der Klimawandel im Gebirge mit sich bringt, nicht verborgen. Bei einem kleinen Abstecher von der Stüdlhütte aufs nahe gelegene Teischnitzkees berichtet Riepler über den dramatischen Schwund der Gletscher auch in Osttirol.

Bis zu fünfzehn Meter hoch waren die Eistürme des Teischnitz-Gletschers früher. Foto: Lehmann
Bis zu fünfzehn Meter hoch waren die Eistürme des Teischnitz-Gletschers früher. Foto: Lehmann

„Vor zehn Jahren haben wir hier die Gäste noch zwischen bis zu fünfzehn Meter hohen Eistürmen hindurchgeführt“, berichtet er auf dem Gletscher.

Im Sommer bewirtschaftet Riepler Österreichs höchstgelegenes Schutzhaus, die Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe, unter dem Gipfelaufbau des Großglockners. Auch Teile Aufstiegweges zur Adlersruhe seien im Sommer wegen Steinschlaggefahr nicht mehr begehbar. „Der Fels kommt in Bewegung.“

Abmarsch bei Schneesturm an der Stüdlhütte Foto: Christian Göschl
Abmarsch bei Schneesturm an der Stüdlhütte Foto: Christian Göschl

Der Weg dorthin verlangt der Seilschaft bereits einiges an Kraft und Konzentration ab. Der Sturm der Nacht hat den Schnee auf dem steilen Hüttenhang unter dem Salzkopf in einen Eispanzer verwandelt. Nur mit Harscheisen lassen sich haarsträubende Rutschpartien auf der Traverse verhindern. Durch dichte Wolkenführt Riepler über das Ködnitzkees hoch zum sogenannten Kampl. Der Felsgrat ist auf dem Weg zum Gipfel das Skidepot – ab hier geht es mit Steigeisen an den Stiefeln weiter den teils vereisten Fels entlang zur Erzherzog Johann Hütte auf 3454 Metern.

Zuflucht im Eiskeller

Das Schutzhaus ist während der Wintermonate geschlossen. Nur ein Winterraum bietet den Bergsteigern jetzt Zuflucht vor dem peitschenden Sturm und der klirrenden Kälte von mittlerweile -20 Grad. Durch ein Loch in den Schneemassen vor der Hüttentüre gelangt man in den dunklen Raum, in dem es trotz Windstille noch kälter zu sein scheint als oben im Schneesturm. „Wir mussten den Holzofen hier ausbauen“, erzählt Riepler. „Die Leute waren so irre, die haben draußen die Holzschindeln von der Hütte gerissen, um damit zu heizen.“ Gut eine Stunde tobt der heftige Sturm und macht das Weiterklettern unmöglich. Wer nicht komplett auskühlen will in Österreichs höchstgelegenem Eiskeller, hüllt sich in die groben Wolldecken, die auf den Notlagern liegen.

Lesen Sie hier eine Reportage von der Besteigung des Großglockners über den Stüdlgrat:

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Die Zeichen stehen schon fast auf Umkehr als draußen die Wolken aufzureißen beginnen und den Blick auf das Glocknerleitl freigeben. „Die Front ist durch“, macht Riepler Mut. Mit der Kälte aus Erzherzog Johanns Tiefkühltruhe in den Knochen geht es in Spitzkehren den Steilhang hinauf zum Grat. Und tatsächlich wird mit jedem Meter die Sicht besser. Der Schneesturm flaut ab und auf dem teils sehr ausgesetzten Grat bieten sich atemberaubende Tiefblicke entlang der Flanken der Gipfelpyramide.

Im Winter auf den Großglockner

Über den Kleinglockner geht es im kombinierten Gelände aus Fels, Schnee und Eis wieder hinab in die Glocknerscharte. Trotz Drahtseilsicherung sind Seil und Pickel hier unerlässlich. Der Übergang auf der Schneebrücke in der Scharte ist stellenweise keinen halben Meter breit und fällt zu beiden Seiten mehrere hundert Meter beinahe senkrecht ab. Ein letztes Stück Kletterei in den mittlerweile fast blauen Himmel hinein, dann ist es geschafft und der Großglockner belohnt die Schinderei mit einem eiskalten, aber exklusiven Gipfelvergnügen.

Gipfel ganz ohne Gedränge

Nur eine weitere Seilschaft soll an diesem Tag noch zum Gipfel aufbrechen. Ein Gipfelbild unter dem goldenen Kaiserkreuz ganz ohne Gedränge – das hat auf Österreichs höchstem Berg beinahe Seltenheitswert. Dennoch ist an einen langen Aufenthalt nicht zu denken. Die Kälte sticht wie Nadeln in die Haut auf Wangen und Stirn und auch der Abstieg verlangt noch einmal volle Aufmerksamkeit.

Bei guten Verhältnissen ist die Abfahrt vom Kampl hinab zum Lucknerhaus ein Genuss. Foto: Riepler
Bei guten Verhältnissen ist die Abfahrt vom Kampl hinab zum Lucknerhaus ein Genuss. Foto: Riepler

Gekrönt wird das Gipfelglück dann von einer langen Abfahrt über die weiten Hänge des Ködnitzkees und Tals zurück zum Ausgangspunkt am Lucknerhaus, von wo der Blick zurück auf die erhabene schwarze Felspyramide einen die Kälte und Anstrengung schnell vergessen lässt.

Bergwissen

  • Tourdaten: Ausgangspunkt ist das Lucknerhaus (1920 Meter) oberhalb von Kals in Osttirol. 1900 Höhenmeter sind es von dort bis zum Gipfel zu meistern. Der Aufstieg an einem Stück dauert sieben Stunden. Für Abstieg und Abfahrt müssen auf jeden Fall vier Stunden eingeplant werden. Meist wird die Tour als klassische Zweitagestour mit Aufenthalt auf der Stüdlhütte gemacht.

  • Unterkunft: Die Stüdlhütte (2801m) der DAV-Sektion Oberland bietet 120 Übernachtungsplätze. Sie ist von März bis Mitte Mai und von Ende Juni bis Anfang Oktober bewirtschaftet und verfügt über einen offenen Winterraum. Die Erzherzog Johann Hütte ist auf 3454 Metern Höhe der letzte Schutzraum vor dem Gipfel. Im Winter ist die Hütte nicht bewirtschaftet, der Winterraum ist geöffnet jedoch unbeheizt.

  • Karten: Kompass Blatt 46, Kals am Großglockner, 1:50.000 oder AV-Karte Großglocknergruppe, Blatt 40, 1:25.000.

  • Bergführer: Die Besteigung des Großglockners stellt eine ernsthafte alpine Herausforderung dar. Der Kalser Bergführerverein bietet Touren auf Österreichs höchsten Berg an. Infos unter www.bergfuehrer-Kals.at.

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