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Tourismus

Reisen ohne Hürden ist gefragt

Barrierefreie Urlaubsangebote sind gesucht wie nie. Nun schiebt der Tourismusverband Kelheim bei dem Thema an.
Von Martina Hutzler

In einem barrierefreien Hotelzimmer kommen Rollstuhlfahrer ohne Hilfe selbst zurecht. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa
In einem barrierefreien Hotelzimmer kommen Rollstuhlfahrer ohne Hilfe selbst zurecht. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa

Kelheim.Ob Rollstuhl, Kinderwagen oder Rollator – wer auf Hilfsmittel angewiesen ist, lässt sich davon längst nicht mehr bremsen, auch im Urlaub nicht. Die Zielgruppen für barrierefreies Reisen wachsen, und auch deren Unternehmungs- und Reiselust. „Reisen für Alle“ ist ein Wachstumsmarkt, an dem auch der Kreis Kelheim teilhaben will. Bis Jahresende werden in einem Pilotprojekt 16 unterschiedlichste touristische Einrichtungen auf Barrierefreiheit geprüft und zertifiziert, nach einem einheitlichen Standard.

Wer nach den Standards von „Reisen für Alle“ zertifiziert ist, kann dies mit einem Logo kundtun. Dazu gibt es Symbole, für welche Art von Handicap ein Angebot barrierefrei ist. Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa
Wer nach den Standards von „Reisen für Alle“ zertifiziert ist, kann dies mit einem Logo kundtun. Dazu gibt es Symbole, für welche Art von Handicap ein Angebot barrierefrei ist. Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa

Der Kelheimer Kreis-Tourismusverband (TV) springt dabei auf eine bundesweite Initiative auf: Staatlich gefördert, haben die Vereine „Deutsches Seminar für Tourismus“ und „Tourismus für Alle“ das Kennzeichnungssystems „Reisen für Alle“ eingeführt. Sie haben mit Behinderten-Verbänden und touristischen Akteuren Kriterien festgelegt, nach denen alles geprüft und zertifiziert werden kann, was zu einem Urlaub gehört: Tourist-Infos, Reiseunternehmen, Unterkünfte und Freizeiteinrichtungen, bis hin zu Wanderwegen, E-Bike-Verleih und Geschäften.

Deutschlandweit sind rund 2000 Betriebe und Angebote bereits geprüft und online gelistet. Filtert man dort nach der „Region Ostbayern“, erhält man über 90 Treffer – ein Großteil davon aus dem Bayerischen Wald. Aus dem Kreis Kelheim sind aktuell (Stand 23. November) nur fünf Angebote gelistet: die beiden Schiffe MS „Renate“ und „Kelheim“, das Gästehaus St. Georg in Weltenburg sowie „The Monarch“ und die Limes-Therme in Bad Gögging. Aber die Kelheimer Aufholjagd läuft.

Nötig für einige, bequem für alle

Diese Aufholjagd hat Susanne Meitinger unlängst nach Riedenburg geführt – und dort hat sich selbst ertappt: Statt die Treppe hat sie die kleine Rampe zum Eingang der „Fasslwirtschaft“ genommen. Damit hat die Projektmanagerin beim Kreis-Tourismusverband ganz unbeabsichtigt ihr eigenes Credo bewiesen: „Barrierefreiheit ist für einige Urlauber zwingend notwendig – aber sie ist für alle ein Vorteil“.

Susanne Meitinger betreut beim Kelheimer Kreis-Tourismusverband  das Projekt „barrierefrei Reisen“.  Foto: Hutzler
Susanne Meitinger betreut beim Kelheimer Kreis-Tourismusverband das Projekt „barrierefrei Reisen“. Foto: Hutzler

Für ältere Menschen zum Beispiel, auch wenn sie noch rüstig sind. Immer mehr Seniorengruppen besuchen das Kristallmuseum und Fasslwirtschaft, berichtet deren Geschäftsführerin Sabine Scholz-Veits. Sie hat aber auch oft Ausflugsgruppen mit behinderten Menschen zu Gast – es hat sich herumgesprochen, dass hier Barrierefreiheit bereits groß geschrieben wird. Jetzt will’s Sabine Scholz-Veits mal genau wissen. Und beteiligt sich deshalb am Pilotprojekt des Tourismusverbands: Einen Tag beleuchtet Prüferin Patricia Schwägerl in dem Betrieb jeden Aspekt von Barrierefreiheit .

Patricia Schwägerl hat das Kristallmuseum und die Fasslwirtschaft geprüft.  Foto: Hutzler
Patricia Schwägerl hat das Kristallmuseum und die Fasslwirtschaft geprüft. Foto: Hutzler

Der Betrieb von Sabine Scholz-Veits ist einer von 16 Einrichtungen und Angeboten, denen der Kreis-TV heuer eine Zertifizierung kostenlos ermöglichen konnte, dank Förderung durch die Bayern Tourismus Marketing GmbH. Bei der Auswahl der Teilnehmer „haben wir auf eine möglichst gleichmäßige Verteilung unter Freizeiterlebnissen, Gastronomie und Beherbergung – quer über den Landkreis verteilt – geachtet“, erklärt Susanne Meitinger. Ob es 2019 wieder eine Förderung gibt, sei noch nicht sicher. „Wir hoffen es“, sagt Meitinger und ermuntert alle interessierten Gastronomen und Touristiker, sich beim Tourismusverband zu erkundigen (0 94 41 / 207-7330).

Die Zertifizierung

  • Ablauf:

    Geschulte Erheber besuchen die Betriebe und Orte und ermitteln Daten zur Barrierefreiheit. Aus dem (bundesweit einheitlichen) Erhebungsbogen ermittelt die Prüfstelle von „Reisen für Alle“ eine Kennzeichnung.

  • Ergebnis

    : Ist ein Angebot oder Betrieb eingeschränkt barrierefrei, erhält er das Zeichen „Information zur Barrierefreiheit“. Ist er barrierefrei, erhält er das Zeichen „Barrierefreiheit geprüft“. Beides gilt drei Jahre lang.

Auf eigene Faust kann man sich natürlich auch zertifizieren lassen. Die Kosten hängen von Betriebsgröße und -struktur ab, heißt es bei „Reisen für Alle“: Für ein kleines Hotel z.B. kostet die Zertifizierung rund 150 Euro netto. Es kämen noch Kosten für die Erhebung vor Ort hinzu – aber die trägt in Bayern derzeit das Wirtschaftsministerium.

Perfektion ist nicht das Ziel

Susanne Meitinger vermutet, dass es nicht unbedingt die Kosten sind, die manchen Interessenten zögern lassen. Sondern die Sorge, dass der eigene Betrieb nicht barrierefrei sei, dass man dafür viel investieren müsse. Das aber sei nicht nötig, betont sie: „Ziel der Zertifizierung ist in erster Linie, so viele Informationen wie möglich bereitzustellen: Was ist alles barrierefrei – und wo sind noch Barrieren vorhanden?“

Dieses Info-Sammeln ist bisher mühsam, weiß zum Beispiel Carolin Bayerlein von der „Offenen Behindertenarbeit“ Abensberg: Organisiert sie eine Fahrt zu einem neuen Ziel, klärt sie immer vorab telefonisch alle Details: Ist ein Behinderten-WC vorhanden, ein Aufzug, genügend rollstuhl-zugängliche Plätze im Restaurant, und so weiter. „Online kann man all das bisher meist nicht recherchieren.“

Genau das wollen die Seite „Reisen für Alle“ und ihr bayerisches Pendant ändern: Jedes zertifizierte Objekt wird im Hinblick auf verschiedene Einschränkungen bewertet und detailliert beschrieben. So kann jeder Reisenden für sich und sein Handicap individuell entscheiden, ob er ein Angebot nutzen kann oder nicht.

In einem barrierefreien Hotelzimmer kommen Rollstuhlfahrer ohne Hilfe selbst zurecht. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa
In einem barrierefreien Hotelzimmer kommen Rollstuhlfahrer ohne Hilfe selbst zurecht. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa

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