MyMz

Erlebnis

Spektakel im Wattenmeer

Im Herbst machen Millionen Zugvögel an der Nordseeküste Rast auf dem Weg in die Winterquartiere – ein Naturschauspiel

Beeindruckende Artenvielfalt: Im Herbst bevölkern unzählige Zugvögel den Himmel über dem Wattenmeer. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa
Beeindruckende Artenvielfalt: Im Herbst bevölkern unzählige Zugvögel den Himmel über dem Wattenmeer. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa

Zu gern würde man die Protagonisten fragen, was sie von dem Schauspiel halten: Fünfzig Menschen stehen aufgereiht auf dem Hauptdeich, blicken konzentriert durch schwere Fernrohre auf Salzwiesen, die Nordsee und die Insel Wangerooge, zücken Kameras mit großen Objektiven und zeigen einander höflich einen Vogel. „Da, haben Sie gesehen, ein Steinspatz?“ Oder: „Rechts vor dem Schilf ein Silberreiher und dahinter drei Graureiher.“

Doch die so bewunderten und kategorisierten Protagonisten selbst schweigen. Sogar die Austernfischer sind verstummt. Und mancher Greifvogel sucht so schnell das Weite, dass sich die Experten streiten: „Das könnte ein Raufußbussard gewesen sein, schwer zu sagen, er war zu weit weg“, sagt Werner Menke. „Aber für einen Bussard hatte der nicht die richtige Flugstellung“, widerspricht Raimund Pott.

Pott ist Hobbyvogelkundler und hat jedes Jahr neun Oktobertage fest in seinem Kalender geblockt: Es sind die niedersächsischen Zugvogeltage, die sowohl an der Nordseeküste zwischen Cuxhaven und Greetsiel als auch auf den ostfriesischen Inseln stattfinden und ein breites Programm aus Vorträgen, Ausstellungen und Workshops bieten.

Exkursion zu den Salzwiesen

Aufgereiht auf dem Deich halten die Teilnehmer der Exkursion mit Spektiven Ausschau. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa
Aufgereiht auf dem Deich halten die Teilnehmer der Exkursion mit Spektiven Ausschau. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa

Darunter ist auch die Exkursion „Zugvögel erleben im Weltnaturerbe Wattenmeer“ unter Leitung von Menke, für die sich diesmal rund fünfzig Interessenten angemeldet haben. Treffpunkt ist das Nationalpark-Haus Wangerland im Ortsteil Minsen. Es wird betrieben von der gleichnamigen Gemeinde und der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz, kurz WAU.

Was unfreiwillig nach Hund klingt, hat aber vor allem mit der Vogelwelt zu tun. Und natürlich dem Schutz des Wattenmeeres, wie der Vereinsvorsitzende Menke betont. „Wir haben dafür gesorgt, dass die großen Salzwiesengebiete im Elisabeth-Außengroden unter Naturschutz gestellt wurden – lange, bevor es den Nationalpark gab.“

Genau zu diesen Salzwiesen führt die Exkursion, pikanterweise mit einem Verkehrsmittel, das im Programm der Nationalparkverwaltung gar nicht vorgesehen ist: Statt für den Bus, das Schiff oder die Wanderung hat sich Menke für das Auto entschieden. Also bilden die Teilnehmer Fahrgemeinschaften und rollen mit 14 Fahrzeugen über den Deich, wo sonst nur Radfahrer fahren und Schafe stehen dürfen.

„Alternativ bliebe nur der Bus, aber dann könnten wir die Veranstaltung nicht gratis anbieten“, rechtfertigt Menke die Blechkolonne im Naturschutzgebiet. „Und zu Fuß wären die Distanzen zu weit, die Spektive zu schwer.“

Sonnenaufgang über der Nordsee

Der Vogelturm ermöglicht den Besuchern Beobachtungen von drei Ebenen aus. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa
Der Vogelturm ermöglicht den Besuchern Beobachtungen von drei Ebenen aus. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa

Ein Spektiv ist eine Mischung aus Teleskop und Fernglas, es wird fest auf den Boden gestellt und kann Beobachtungsobjekte um das Achtzigfache vergrößern: Kenner können damit auch aus der Entfernung Heringsmöwen von Mantelmöwen oder Knutts von Alpenstrandläufern unterscheiden. Alle anderen dürfen es auf der Wangerland-Exkursion von ihnen lernen.

Aber es geht nicht darum, in neun Tagen zum Vogel-Experten zu werden. Die Ziele der Zugvogeltage sind weiter gefasst, das Programm richtet sich auch an Familien, Kinder und Touristen. „Es geht um die Bedeutung des Wattenmeeres – vermittelt über schöne Bilder und den Einblick in den Lebensraum der Vögel“, sagt Nationalpark-Ranger Gundolf Reichert. Für fast alle Zugvogelarten aus Nordeuropa und Sibirien sei das Wattenmeer entweder Rast- oder Überwinterungsgebiet – und in jedem Fall zentral. „Alles, was die Vögel brauchen, ist ein intaktes Ökosystem mit entsprechenden Nahrungsressourcen sowie Ruhe.“

Die Zugvogeltage im Wattenmeer

  • Termin:

    Die elften Zugvogeltage finden an der niedersächsischen Nordseeküste vom 12. bis zum 20. Oktober 2019 statt (www.zugvogeltage.de).

  • Programm:

    Für fast alle Zugvogelarten aus Nordeuropa und Sibirien ist das Wattenmeer entweder Rast- oder Überwinterungsgebiet. Während der letzten Zugvogeltage wurden im Wangerland 150 Vogelarten gesichtet. Damit zählt die Region zu den Spitzenreitern. Das Programm richtet sich nicht nur an Vogel-Experten, sondern auch an Familien, Kinder und Touristen.

  • Organisation:

    Die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Besucherzentrum ist der Organisator. Die Kontaktdaten: Südstrand 110 B, 26382 Wilhelmshaven, Telefon (04 42 1) 91 07 0.

  • Weitere Informationen:

    Viele Vereine und Einrichtungen beteiligen sich an den Zugvogeltagen, etwa das Nationalpark-Haus Wangerland, Kirchstraße 9, 26434 Wangerland/Minsen, Telefon (04 042 6) 90 47 00. (Internet: www.nationalparkhaus-wattenmeer.de)

Die großen Salzwiesengebiete im Wattenmeer sind für Zugvögel ein beliebter Rastplatz. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa
Die großen Salzwiesengebiete im Wattenmeer sind für Zugvögel ein beliebter Rastplatz. Foto: Reno Lottmann, Christian Schmidt/Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, Deike Uhtenwold/dpa

Das mit der Ruhe ist für die Nationalparkverwaltung ein Balanceakt: Einerseits will sie die Menschen möglichst nah an die Vogelwelt heranführen, andererseits die Tiere auf keinen Fall stören. Als Kompromiss hat Reichert eine Beobachtungsplattform hinter dem Vareler Hafen aufgebaut, am südlichsten Punkt des Nationalparks.

Mit ausreichendem Abstand zur Ruhezone und doch nah genug daran, um es mit bloßem Auge zu erkennen: Das Watt des Jadebusens muss ein besonders guter Rastplatz sein. Dicht an dicht stehen hier tausende Enten und Watvögel. Durch die Spektive und mit Unterstützung der Vogelkundler kann man die Vögel genauer bestimmen. Kurz vor der Flut, wenn sie dem Turm näherkommen, werden Reichert und ein Kollege die Vögel zählen: 3440 Brandgänse, 1260 Lachmöwen, 260 Säbelschnäbler an einem Tag. „Wir hatten aber heute auch schon einen Merlin“, sagt Reichert und zeigt ein Bild des Falken.

Wer tatsächlich Vogelzug erleben will, sollte früh aufstehen, so wie Raimund, der vor Sonnenaufgang die MS „Jens Albrecht“ am Außenhafen Hooksiel besteigt, um ziehende Gänse zu beobachten. Die Gäste an Bord bekommen zum Sonnenaufgang über der Nordsee Brötchen und Kaffee. Rund um die Vogelschutzinsel Minsener Oog finden sich ein paar Nonnen- und Ringelgänse, aber die großen Trupps bleiben an diesem Tag aus. „Das ist eben Natur“, sagt der Ruheständler Raimund. Jetzt muss er ein Jahr warten. „Ich werde wieder dabei sein“, verspricht er.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht