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Ratgeber

Bei Epilepsie herrscht Chaos im Kopf

Neurologe Prof. Dr. Ralf Linker erklärt, warum bei Epilepsie die Kommunikation der Nervenzellen im Gehirn gestört ist.

Epileptische Anfälle sind wie heftige Unwetter im Gehirn: Nervenzellen entladen sich unbewusst und ungezielt. Grafik: dpa-infrografik
Epileptische Anfälle sind wie heftige Unwetter im Gehirn: Nervenzellen entladen sich unbewusst und ungezielt. Grafik: dpa-infrografik

Regensburg.Eine Person liegt bewusstlos am Boden und zuckt. Doch was jetzt? Zum internationalen Epilepsie-Tag am 11. Februar klärt Prof. Dr. Ralf Linker über die Krankheit auf. Der Experte ist seit Oktober Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am medbo Bezirksklinikum Regensburg.

Zunächst versteift sich die Muskulatur, die Person fällt zu Boden, die Atmung stoppt. Dann zucken die Glieder, ein Beben durchfährt den Körper. Der sogenannte „Grand mal“ ist das Paradebeispiel eines Anfalls bei einer Epilepsie. Er dauert gerade einmal ein bis zwei Minuten und kann sich durch eine Aura ankündigen, ein Warnsignal in Form von Halluzinationen, Schwindel oder einem komischen Gefühl im Bauch.

Kommunikatives Durcheinander

„Die Nervenzellen im Gehirn erledigen ihre Arbeit normalerweise sorgfältig geordnet“, erklärt Prof. Dr. Linker. „Doch bei einem epileptischen Anfall senden sie plötzlich alle zur gleichen Zeit Signale.“ Was folgt, ist ein kommunikatives Durcheinander.

Ein epileptischer Anfall kann sich in unterschiedlichen Symptomen äußern. Entscheidend ist, in welcher Hirnregion das Durcheinander entsteht. „Grob gesagt gibt es generalisierte Anfälle, bei denen alle Nervenzellen der Hirnrinde betroffen sind, und fokale Anfälle, die nur in einem Teil des Gehirns stattfinden“, erläutert der Neurologe.

Epilepsie

Die Angst vor dem Kopfgewitter

Oft lässt sich die Epilepsie mit Medikamenten in den Griff bekommen. Trotzdem ist es gut, Rezepte für den Notfall zu kennen.

Bei manchen Formen verlieren die Patienten komplett das Bewusstsein. Bei anderen erleben sie in wachem Zustand, dass ihr Körper Bewegungen oder Laute erzeugt, die sie selbst nicht kontrollieren können. Wiederum andere nehmen unerklärliche Gerüche wahr oder sind für wenige Sekunden wie in Trance.

Folgen eines Krampfanfalls

Die Verletzungsgefahr ist groß, wenn Betroffene zu Beginn des Anfalls ungünstig stürzen oder gerade etwas in der Hand halten, etwa eine Tasse heißen Tee. Nach dem Krampfen sind die Patienten oft benommen und orientierungslos. Manchmal haben sie sich auf die Zunge gebissen oder eingenässt. Sogar eine Schulter kann durch die unkontrollierte Muskelanspannung ausgerenkt worden sein.

„Das Risiko, im Laufe des Lebens selbst einen Krampfanfall zu erleiden, ist mit zehn Prozent gar nicht so niedrig.“

Prof. Dr. Ralf Linker

„Dauert der Anfall länger als zehn Minuten, spricht man vom Status epilepticus. Hier nimmt das Gehirn unter Umständen ernsthaften Schaden“, sagt Prof. Dr. Linker. In sehr seltenen Fällen kann ein Anfall auch tödlich enden, etwa wenn er zu Störungen des Herzrhythmus führt.

Weitreichende Folgen

Eventuell darf der Patient nach einem Anfall für einen gewissen Zeitraum nicht mehr Auto fahren, muss seine Erkrankung bei der Berufswahl berücksichtigen und ein Leben lang Medikamente nehmen. Darum bemühen sich Ärzte um eine ausführliche Diagnostik. Die Neigung zu Anfällen lässt sich mit der EEG (Elektroenzephalografie) aufzeichnen und analysieren. Dabei werden die elektrischen Signale der Nervenzellen gemessen.

Prof. Dr. Ralf Linker, Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am medbo Bezirksklinikum Regensburg, klärt zum Thema „Epilepsie“ auf. Foto: Matthias Eckel/medbo
Prof. Dr. Ralf Linker, Ärztlicher Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie am medbo Bezirksklinikum Regensburg, klärt zum Thema „Epilepsie“ auf. Foto: Matthias Eckel/medbo

Die hochauflösende Bildgebung (Kernspintomografie) des Kopfes zeigt eventuell vorliegende Tumore oder Entzündungen im Gehirn, die den Anfall ausgelöst haben könnten. Untersuchungen von Blut und Nervenwasser liefern weitere Informationen. Anschließend verschreiben Neurologen sogenannte Antiepileptika. Sie sollen neue Krampfanfälle verhindern. „In einigen Fällen lassen sich die anfallsauslösenden Regionen genau bestimmen“, berichtet der Experte. „Wenn Medikamente hier nicht ausreichend wirken, können Neurochirurgen die verantwortliche Region im Gehirn entfernen und damit das Problem lösen.“

Anfälle ohne Epilepsie

„Das Risiko, im Laufe des Lebens selbst einen Krampfanfall zu erleiden, ist mit zehn Prozent gar nicht so niedrig“, weiß Prof. Dr. Linker. Doch nur ein Prozent der Deutschen leidet an einer echten Epilepsie. Für die restlichen Krampfanfälle können Schlafmangel, Flackerlicht oder manchmal auch Drogen eine Rolle spielen.

„Dauert der Anfall länger als zehn Minuten, spricht man vom Status epilepticus. Hier nimmt das Gehirn unter Umständen ernsthaften Schaden.“

Prof. Dr. Ralf Linker

Bei kleinen Kindern kommt es gelegentlich durch Infekte zu Fieberkrämpfen. Der Neurologe betont: „Welche Ursachen der Anfall auch hat: Wichtig sind beherzte Erste-Hilfe-Maßnahmen, ein sorgsamer Umgang mit der eigenen Gesundheit und ein respektvolles Miteinander.“

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