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Medizin

Dem Phänomen der Selbstheilung auf der Spur

Körper und Geist heilen, der Arzt hilft nur. An der Uniklinik Regensburg will man mehr über spontanes Heilen wissen und den Placeboeffekt optimieren.
Von Heinz Klein, MZ

Regensburg.Sie sind nicht häufig, aber es gibt sie, jene rätselhaften Fälle von Selbstheilung. Auf etwa 28 000 Krebserkrankungen kommt ein Fall von Spontanheilung. „Die Chance ist immerhin 500 Mal höher als ein Sechser im Lotto“, sagt Professor Dr. Thomas Loew. Doch der Chef der Abteilung für Psychosomatische Medizin der Uniklinik Regensburg arbeitet daran, diese Chance zu verbessern. Auftakt der Forschungsarbeit war nun ein Symposium „Selbstheilung in der Psychosomatischen Medizin“, das Geist- und Naturwissenschaft zu diesem Thema zusammenführte.

Wunden brauchen Blut

Längst schon arbeiten die Psychosomatiker mit Medizinern vieler Fachrichtungen zusammen. „Die Hypnose wird immer wichtiger“, freut sich Loew. So lässt sich zum Beispiel durch Hypnose der Speichelfluss um 50 Prozent senken, was den Zahnärzten das Arbeiten erleichtert. Auch bei Schädeloperationen, die im Wachzustand durchgeführt werden müssen, kommen Suggestionstechniken ins Spiel. Mit Selbsthypnose lassen sich Helferzellen des Immunsystems und die Ausschüttung bestimmter Botenstoffe beeinflussen und Imaginationstechniken können helfen, allergiebedingtes Asthma zu lindern.

Was begünstigt Wundheilungsprozesse, wollten die Psychosomatiker von den Chirurgen wissen. Wichtig für die Wunde ist die Durchblutung – und die lässt sich durch autogenes Training ganz gezielt verbessern, erzählt Prof. Loew. Als gesicherte Erkenntnis gilt: „Stress behindert Heilung.“ Bei der Stressreduzierung kommen Entspannungstechniken ins Spiel: Autogenes Training, das Loew als gute Ergänzung zur Lebensführung sieht („man sollte es lernen wie Schwimmen oder Schreiben“), funktionale Entspannung, progressive Muskelentspannung, Meditation. Jeder könne sich aus diesem Kleeblatt das Passende suchen.

Alte Medizin: Bettruhe und Humor

„Stress macht Angst“, sagt Prof. Loew, der Patienten deshalb „entängstigen“ will. Und: „Heilung ist ein Prozess, keine Reparatur“. Prozesse aber dauern und sie haben fließende Übergänge, was man in unserer hektischen Welt nicht mehr recht wahrhaben will. Deshalb verweist Loew auf die zwei „ältesten Medikamente der Welt, die Bettruhe und den Humor.“ Wer krank geworden ist, sollte sich herausnehmen aus der Belastung, sich zurückziehen, dem Körper zuhören, welche Botschaften er sendet, verstehen lernen, was in ihm passiert. Es ist ja der Körper, der heilt, nicht der Arzt. Es geht auch darum, seine Krankheit in die eigenen Hände zu nehmen, sich nicht vom Arzt reparieren zu lassen, sondern an seiner Heilung mitzuwirken, Partner des Arztes zu sein.

Humor, das altbewährte Medikament wirkt. „Echtes Lachen entstresst. Es ist ein Reflex und die Wirkung ist wissenschaftlich gut belegt“, sagt Professor Loew. Auch auf das Immunsystem hat das Lachen heilsamen Einfluss. Da wirken aber auch andere Grundeinstellungen eines Menschen mit. Etwa das Maß an Gelassenheit, die Fähigkeit, etwas zulassen zu können, Vertrauen und Zuversicht entwickeln zu können, Situationen annehmen zu können und mit dieser Gabe Zufriedenheit herzustellen, eventuell auch, dem Leid Sinn geben und daran wachsen zu können.

Natürlich haben sich die Wissenschaftler auch die spirituelle Ebene angeschaut. „Religiöse Menschen leben länger“, sagt Thomas Loew. Das sei erwiesen und gelte unabhängig von der Religion. Doch was ist der Schlüssel? Der gesündere Lebensstil durch den Verzicht auf Maßlosigkeit oder die empfundene Solidarität durch das Teilen und Schenken oder eine vielleicht größere Gelassenheit gegenüber dem Tod durch die Zuversicht auf ein Weiterleben danach?

Traditionen des Innehaltens

Sicherlich war die Messe auch schon immer eine Gelegenheit des gemeinsamen Entspannens, des Meditierens, des Abrutschens in ein wenig Trance. Ebenso die Viertelstunde, die sich Menschen früher genommen haben, um am Hausaltar zu verweilen, eine wertvolle Zeit des Innehaltens und des Rückzugs in sich selbst. Gelegenheiten, die immer weniger Menschen nutzen, sagt Professor Dr. Thilo Hinterberger, der am Lehrstuhl von Prof. Loew im Forschungsbereich für Angewandte Bewusstseinswissenschaften tätig ist und unter anderem der Frage nachgeht, was passiert, wenn Traditionen wegfallen und was eine Gesellschaft tun kann, um dafür einen Ersatz zu finden.

Das Symposium war ein Auftakt für die Forschungsarbeit am Phänomen Selbstheilung. Nun geht es weiter. „Wir verstehen, wo der Schlüssel ins Schloß gesteckt wird“, sagt Professor Loew. Ihn interessiert nun, wie man ihn umdreht und die Tür aufsperrt für neue Möglichkeiten des Heilens in der Medizin.

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