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Senioren

Der Alltag in einer Demenz-WG

Angehörige quält oft die Frage nach der geeigneten Unterkunft für Demenzkranke. In einer WG geht es um Selbstbestimmtheit.
Von Carolin Gißibl

Seniorinnen sitzen gemeinsam in der Demenz-Wohngemeinschaft bei einer angeleiteten Sitzgymnastik. Trotz der Krankheit selbstbestimmt leben, ist das Ziel der Gemeinschaft. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Seniorinnen sitzen gemeinsam in der Demenz-Wohngemeinschaft bei einer angeleiteten Sitzgymnastik. Trotz der Krankheit selbstbestimmt leben, ist das Ziel der Gemeinschaft. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Altusried.Lieselotte döst auf der Wohnzimmercouch, Gretel schläft daneben. Die beiden anderen Mitbewohnerinnen sind in ihren Zimmern. Alltag einer üblichen 4er-Wohngemeinschaft, mag man meinen. Doch keine der Bewohnerinnen ist jünger als achtzig Jahre – und alle haben Demenz.

Trotz der Krankheit selbstbestimmt leben, sich zu Hause fühlen und den Alltag so normal wie möglich gestalten, das ist das Ziel der Demenz-Wohngemeinschaften in Altusried (Landkreis Oberallgäu). Drei WGs mit insgesamt acht Bewohnern befinden sich in dem Mehrfamilienhaus, das leicht erhaben auf einem Hügel der rund 10000 Einwohner großen Gemeinde sitzt.

Alltag? Der kommt eher nicht auf

Mal liege ein Gebiss im Kühlschrank, mal ein Bewohner im falschen Bett. „Das ist in Ordnung, nichts läuft hier nach Plan“, sagt Theresia Dauner, Pflegedienstleiterin des Krankenpflegevereins Altusried. Mit dem Verein haben die Bewohner einen Betreuungs- und Pflegevertrag. Rund um die Uhr kümmern sich 15 Pflegekräfte in wechselnden Schichten um die Senioren. Im Jahr 2010 gründete der Krankenpflegeverein die Wohngemeinschaften. Damals wurden Personen gezielt angesprochen, mittlerweile gebe es mehr Anfragen als Plätze.

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Die Bewohner sollen so leben, wie zuvor in den eigenen vier Wänden – schließlich ist es meist die letzte Station im Leben. „Wir greifen nur ein, wenn Unterstützung benötigt wird“, erklärt Dauner. Der Tagesablauf: bei jedem anders. Wer mag, steht um vier Uhr auf oder schläft bis mittags; erledigt Sachen im Haushalt, muss aber nicht. Im Erdgeschoss des Hauses können sich Bewohner im sogenannten „Begegnungsraum“ tagsüber aufhalten und auf ambulant betreute Senioren treffen. Gemeinsam Singen, gemeinsam Kochen, gemeinsam Spielen, Sitzgymnastik – jeden Wochentag wird etwas anderes angeboten.

Theresia Dauner (Mitte), Pflegedienstleiterin, sowie die Bewohner der Demenz-Wohngemeinschaft Liselotte Lörmann (rechts) und Irmgard Kauer (links), legen gemeinsam Wäsche zusammen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Theresia Dauner (Mitte), Pflegedienstleiterin, sowie die Bewohner der Demenz-Wohngemeinschaft Liselotte Lörmann (rechts) und Irmgard Kauer (links), legen gemeinsam Wäsche zusammen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Es gibt 161 Demenz-WGs in Bayern

Dem Bayerischen Gesundheitsministerium zufolge gibt es im Freistaat 161 Demenz-WGs. Vor einem Jahr waren es den Angaben nach 104. An Demenz erkrankt sind mehr als 240000 Menschen in Bayern. Die Zahl soll nach Schätzungen auf Grundlage der demografischen Entwicklung bis zum Jahr 2030 auf 300000 steigen. Eine Empfehlung für die geeignetste Wohnform für Demenzkranke gibt es laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) nicht. „Das hängt von den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen ab“, sagt Susanne Saxl von der DAlzG. Demenz-WGs seien jedoch durchaus positiv zu bewerten: „In Demenz-WGs kann auf den Einzelnen eingegangen werden, und das Alltagsleben findet in einem familiären Rahmen statt.“

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Die Angehörigen der Wohngemeinschaften in Altusried können kommen und gehen wann sie möchten – feste Besuchszeiten gibt es nicht. „Meine Mutter lebt in ihrer eigenen Welt, und dort scheint sie glücklich“, sagt Ute Prinz, Tochter von Lieselotte. Zuvor lebte die 84-Jährige in einem Pflegeheim. „In der WG kann sie frei walten und ist dennoch gut aufgehoben. Hier darf sie in ihrer Welt bleiben – meine Mutter darf hier Mensch sein.“

Ute Prinz (links) liebkost in der Demenz-Wohngemeinschaft ihre an Demenz leidende 84-jährige Mutter Liselotte Lörmann. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Ute Prinz (links) liebkost in der Demenz-Wohngemeinschaft ihre an Demenz leidende 84-jährige Mutter Liselotte Lörmann. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

In einem sogenannten „Angehörigengremium“ wird über die notwendigen Ausgaben entschieden. Für Anschaffungen wie Körperpflege oder Putzmittel gibt es eine gemeinsame Haushaltskasse. Die Miete ist abhängig von der Zimmergröße und liege zwischen 330 und 440 Euro. Hinzu kommen Kosten für die Pflege. Die Kosten des jeweiligen Pflegegrades übernimmt die Pflegekasse.

Streit über Kosten-Übernahme läuft vor Gericht

Im Freistaat sorgten vergangenes Jahr drei Fälle für Aufmerksamkeit, bei dem die AOK einfache Pflegekosten wie das Verabreichen von Medikamenten oder Blutdruckmessen für Bewohner einer Senioren-WG nicht mehr übernehmen wollte. Betroffene und Angehörige klagten. Das Landessozialgericht (LSG) in München verpflichtete die Kasse zur Zahlung der Kosten. Die AOK legte gegen die Entscheidungen Revision zum Bundessozialgericht ein. Zuvor hätten sich bereits rund 150 ähnliche Fälle an Gerichten in Bayern gehäuft, wie eine Sprecherin am LSG München sagte. Auch Fälle einer weiteren Krankenkasse seien bekannt. Experten vermuten, dass Kassen mit diesem Vorgehen bewirken wollen, die strittigen ambulanten Pflegekosten in Senioren-WGs zunehmend der Pflegeversicherung zuzuordnen. Würden die Kosten nicht mehr übernommen, wäre das Konzept der Demenz-WG vermutlich nur noch für Vermögende umsetzbar.

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Dabei will das Gesundheitsministerium zur Stärkung von Senioren-WGs beitragen. Auch ein Bewusstseinswandel im Umgang mit Demenz soll durch verschiedene Initiativen, wie Demenzwochen oder den Demenzpreis, in die Öffentlichkeit gerückt werden. Ministerin Melanie Huml (CSU) will in diesem Jahr einen Bayerischen Demenzpakt gründen, mit dem Ziel, die Lebenssituation von Menschen mit Demenz zu verbessern. Im Frühjahr soll es zudem zwei neue Fachstellen für Demenz und Pflege in Niederbayern und Unterfranken geben. Die Opposition kritisierte die Vorhaben als Symbolpolitik ohne effektiven Mehrwert. Es brauche konkretere Ideen und eine flächendeckendere Versorgung und Beratung, auch für die pflegenden Angehörigen.

Mehr Aufklärung über die Krankheit, das befürwortet auch Dauner. „Demenzkranke gehören in den Alltag integriert. Denn sie sind genauso Teil der Gesellschaft.“

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