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Heuschnupfen

Die Allergie bei der Wurzel packen

Allergien lassen sich heutzutage grundlegend behandeln. Allerdings klappt die sogenannte Hyposensibilisierung nicht immer.
Von Sabine Meuter

Hatschi! Die Pollenflugsaison ist für viele Allergiker eine echte Qual. Foto: Christin Klose/dpa
Hatschi! Die Pollenflugsaison ist für viele Allergiker eine echte Qual. Foto: Christin Klose/dpa

Regensburg, Berlin.Eine Allergie ist für manche Betroffene mehr als nur lästig. Je nach Schwere kann sie die Lebensqualität nachhaltig einschränken und sogar richtig gefährlich werden. 25 Millionen Menschen in Deutschland leiden Schätzungen zufolge an einer Allergie. Die Betroffenen nehmen Tropfen, Nasensprays, schlucken Medikamente – lindern damit aber nur ihre Beschwerden. An der Wurzel packen lässt sich das Übel nur per Hyposensibilisierung. „Eine solche Immuntherapie ist die einzige Behandlungsmöglichkeit, die der Allergie ursächlich zu Leibe rückt“, sagt Prof. Philipp Babilas, Dermatologe aus Regensburg.

Ob Pollen, Schimmelpilze, Hausstaubmilben oder Insektengift – eine Hyposensibilisierung hilft unabhängig vom jeweiligen Allergieauslöser. Zunächst hakt der Arzt beim Allergiker nach, welche Beschwerden ihn quälen und lotet aus, in welchen Situationen sie auftreten. Dann steht ein Allergietest an der Haut an. Damit versucht der Arzt herauszufinden, worauf der Patient genau reagiert. „Eine spezifische Immuntherapie wird vor allem empfohlen, wenn der Patient den Allergieauslösern im Alltag kaum ausweichen kann“, erklärt Prof. Jörg Kleine-Tebbe, Allergologe aus Berlin.

Zeitlich aufwendige Immuntherapie

Eine gelungene Behandlung hat viele Vorteile: „Die Hyposensibilisierung kann die Symptome lindern, den Medikamentenverbrauch senken und bei frühzeitiger Anwendung auch das Risiko senken, dass die Krankheit fortschreitet und etwa ein allergischer Asthma bronchiale entsteht“, erklärt Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB). Es gibt aber auch Gegenargumente: So ist die Immuntherapie für den Patienten zeitlich aufwendig. Und eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht. „Von zehn Patienten profitieren deutlich über die Hälfte bis zwei Drittel, die einen mehr und die anderen weniger“, sagt Kleine-Tebbe.

Wo liegt das Problem genau? Am Anfang der Hyposensibilisierung steht ein Allergietest auf der Haut. Foto: Bodo Marks/dpa/dpa
Wo liegt das Problem genau? Am Anfang der Hyposensibilisierung steht ein Allergietest auf der Haut. Foto: Bodo Marks/dpa/dpa

Die Hyposensibilisierung dauert mindestens drei Jahre. Dabei spritzt der Arzt zunächst wöchentlich einen sogenannten Allergenextrakt in das Fettgewebe am Oberarm des Patienten. Von Woche zu Woche wird die Allergendosis gesteigert. Nach der Injektion muss der Patient die erste halbe Stunde unter ärztlicher Beobachtung bleiben – falls Nebenwirkungen auftreten, die ein sofortiges ärztliches Eingreifen erfordern. So kann es vorkommen, dass die allergenhaltige Lösung beim Patienten etwa Nesselsucht oder Asthma auslöst. Auch ein allergischer Schock ist möglich. „Das sind aber sehr seltene Fälle“, sagt Babilas.

Leichte allergische Reaktionen wie lokaler Juckreiz oder Schwellungen an der Einstichstelle sind nach einer Injektion nicht ungewöhnlich. Ist die Maximaldosis des Allergenextrakts erreicht und hat der Patient das ohne Nebenwirkungen vertragen, wird diese Dosis weiter gespritzt, jetzt einmal pro Monat. „Schlägt die Therapie tatsächlich an, verringern sich beim Patienten die Beschwerden deutlich, und er benötigt weniger Medikamente“, erklärt Kleine-Tebbe, der auch Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) ist.

Pollenflug

Für Allergiker wird es schwer

Steigende Temperaturen durch den Klimawandel, neue Pflanzenarten: Auch in Deutschland wird die Pollensaison immer länger.

Varianten der Hyposensibilisierung

Neben dieser klassischen Variante gibt es auch noch die Kurzzeit-Hyposensibilisierung für Heuschnupfenpatienten: Dabei werden vor der jeweiligen Pollenflugsaison nur einige Spritzen gesetzt. „Dieses Verfahren wird mindestens dreimal innerhalb von drei Jahren wiederholt“, erklärt Babilas.

„Schlägt die Therapie tatsächlich an, verringern sich beim Patienten die Beschwerden deutlich, und er benötigt weniger Medikamente.“

Prof. Jörg Kleine-Tebbe, Allergologe

Eine andere Form der Hyposensibilisierung ist die sublinguale Immuntherapie (SLIT). „Das Allergen wird hier nicht durch Spritzen, sondern in Tropfen oder als Tabletten verabreicht“, sagt Lämmel. Bei diesem Verfahren behält der Patient das Allergenpräparat einige Minuten unter seiner Zunge und schluckt es dann. „Die Tablettenimmuntherapie gibt es derzeit nur für Gräserpollen- und Hausstaubmilbenallergiker, die Tropfen für Baum-, Gräser- und Kräuterpollenallergiker und Haustaubmilbenallergiker.“

Bei Insektengiftallergikern kann zudem die sogenannte Ultra-Rush-Hyposensibilisierung helfen. Dabei bekommt der Patient im ersten Schritt bei einem dreitägigen stationären Aufenthalt mehrere Spritzen täglich verabreicht. Danach erfolgt über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren jeden Monat eine Spritze.

Nichts für jedermann

Und mit der Spritze ist es nicht getan: Damit die Therapie möglichst reibungslos verläuft, sollten Allergiker am Tag der Injektion oder der Einnahme von Tropfen oder Tabletten Sport und andere körperliche Anstrengungen vermeiden. Optimal ist auch, an dem Tag auf Sauna oder heiße Bäder zu verzichten, erklärt Babilas.

Prof. Philipp Babilas arbeitet als Dermatologe am Hautzentrum Regensburg. Foto: Hautzentrum Regensburg/dpa
Prof. Philipp Babilas arbeitet als Dermatologe am Hautzentrum Regensburg. Foto: Hautzentrum Regensburg/dpa

Generell gilt: „Eine Hyposensibilisierung sollte ein Allergiker gemeinsam mit seinem Arzt dann erwägen, wenn der Allergie mit Medikamenten nur schwer beizukommen ist und der Betroffene stark unter der Allergie und seinen Folgen leidet“, sagt Babilas. Der Patient sollte zudem älter als fünf Jahre alt sein.

Leidet der Patient an schweren Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder an schlecht kontrolliertem Asthma, ist eine Hyposensibilisierung meist nicht die erste Wahl. Gleiches gilt bei Immundefekten, schweren Autoimmunerkrankungen oder bei einer Schwangerschaft. „Die Entscheidung liegt aber letztendlich beim Arzt gemeinsam mit dem Patienten“, sagt Kleine-Tebbe.

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