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Sichelzellerkrankung

Die Suche nach dem Universalspender

Pro Jahr erkranken weltweit über 300 000 Neugeborene an der Sichelzellerkrankung. Eine Blutstammzelltransplantation heilt.

Bei der Sichelzellerkrankung verformen sich die normalerweise runden Blutplättchen. Sie werden sichelförmig. Foto: Kateryna_Kon - stock.adobe.com
Bei der Sichelzellerkrankung verformen sich die normalerweise runden Blutplättchen. Sie werden sichelförmig. Foto: Kateryna_Kon - stock.adobe.com

Regensburg.Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Vereinten Nationen (UN) haben die Sichelzellerkrankung als globales Gesundheitsproblem benannt, berichtet das Universitätsklinikum Regensburg (UKR). Die Sichelzellerkrankung kommt vorrangig in Afrika, im östlichen Mittelmeerraum und Vorderasien vor, verbreitet sich aber mittlerweile auch aufgrund der Globalisierung in Europa. In Deutschland leiden mehr als 3000 Patienten an dieser Erkrankung.

Dabei verformen sich die Blutplättchen sichelförmig im sauerstoffarmen Gewebe. Dies führt zu Gefäßverschlüssen und damit zu unerträglichen Schmerzen, der Zerstörung der Knochenstruktur, Hirn- und Lungeninfarkten sowie zu schweren Infektionen. Praktisch jedes Organ kann davon betroffen sein. Unbehandelt endet die Krankheit bei 85 Prozent der Patienten in den ersten fünf Lebensjahren tödlich.

Heilen lässt sie sich nur durch eine Blutstammzelltransplantation. „Leider finden wir für einen Großteil (weniger als 20 Prozent) der Erkrankten keinen passenden Spender. Diesen Menschen wollen wir zeigen, dass es für sie die Chance einer Heilung gibt, die vergleichbar gut ist“, erklärt Prof. Dr. Selim Corbacioglu, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation des UKRs. Er ist deutschlandweit einer der wenigen Experten für die Behandlung der Sichelzellerkrankung.

Hohe Erfolgsaussichten bei Geschwistern

Mithilfe der „Phase-2-Studie zur Evaluierung einer haploidenten a/β T-Zell depletierten Stammzelltransplantation bei Patienten mit Sichelzellerkrankung ohne verfügbaren Geschwisterspender“ möchte Corbacioglu klären, ob nicht nur Geschwisterspender für eine allogene Blutstammzelltransplantation infrage kommen, denn das ist der momentane Standard.

Jeder Mensch bekommt von seinen Eltern je fünf relevante Merkmale vererbt. Insgesamt besitzt jeder Mensch also zehn dieser sogenannten HLA-Merkmale (Human Leucocyte Antigen-Merkmale). HLA-Merkmale kommen auf der Oberfläche fast aller Körperzellen vor und helfen dem Immunsystem, eigenes von fremdem Gewebe zu unterscheiden. Vergleichbar ist das mit einem individuellen Fingerabdruck. Bei Geschwistern liegt die statistische Wahrscheinlichkeit bei 25 Prozent, dass die insgesamt zehn HLA-Merkmale identisch sind. Eine Stammzelltransplantation unter Geschwistern hat daher ein sehr niedriges Komplikationsrisiko und hohe Aussichten auf Erfolg.

Durch die hohe genetische Übereinstimmung bei Geschwisterspendern ist auch das Risiko für die häufigste und risikoreichste Nebenwirkung einer Blutstammzelltransplantation, die sogenannte Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion (Graft-versus-Host-Disease, GvHD), äußerst gering. Bei einer GvHD erkennt das durch die transplantierten Stammzellen neu gebildete Immunsystem den Körper des Empfängers als fremd an und bekämpft deswegen Gewebe und Organe. Die GvHD greift insbesondere die Haut, die Leber und den Darm an, bei der chronischen Variante sind aber auch zahlreiche andere Körpergewebe betroffen. Weiterhin ist auch das Risiko einer Abstoßung am geringsten, denn durch die vielen Bluttransfusionen, die Sichelzellpatienten benötigen, ist das Immunsystem bereits sensibilisiert.

Untersuchung von 212 Patienten

Prof. Dr. Selim Corbacioglu im Patientengespräch Foto: Klaus Völcker/UKR
Prof. Dr. Selim Corbacioglu im Patientengespräch Foto: Klaus Völcker/UKR

Wenn kein HLA-identischer Spender verfügbar ist, können die Mediziner auf einen haploidenten (halb-passenden) Spender zurückgreifen. Hierbei steigt vor allem das Risiko einer Abstoßung deutlich an. „Die Gefahr einer GvHD hingegen ist bei diesem besonderen Verfahren deutlich geringer. Die GvHD ist die schlimmste Komplikation einer Transplantation. Wenn diese Krankheit chronisch wird, kann sie im schlimmsten Fall auch tödlich enden. Die Patienten haben dann zwar die Sichelzellkrankheit überstanden, kämpfen aber mit einer neuen, genauso schweren Erkrankung“, sagt Corbacioglu.

Genau das möchte der Mediziner mit seiner Studie vermeiden. „Wir wollen zeigen, dass diese noch sehr experimentelle Therapie es Sichelzellpatienten ermöglicht, genauso erfolgreich behandelt zu werden, und dabei das Risiko für eine GvHD auch bei einer haploidenten Stammzelltransplantation sehr gering zu halten.“

Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten, untersucht der Mediziner 212 Patienten – Erwachsene und Kinder – mit schwerer Sichelzellerkrankung. Dabei werden die Betroffenen nach Spenderverfügbarkeit klassifiziert und in zwei Gruppen eingeteilt. In der einen Gruppe befinden sich Patienten, für die ein Geschwisterspender verfügbar ist, während sich in der zweiten Gruppe Patienten befinden, die auf einen haploidenten Spender angewiesen sind.

Förderung der Studie mit 1,5 Millionen Euro

„Mit dem Ergebnis dieses direkten Vergleichs der beiden Behandlungsmethoden bekommen wir eine transparente und gesicherte Aussage darüber, ob wir der Mehrheit der Sichelzellpatienten dieses Verfahren als Standardtherapie anbieten können. Ziel der Studie ist es, dass alle Patienten zwei Jahre nach der Transplantation ein GvHD- und erkrankungsfreies Leben führen können. Darüber hinaus erhalten wir erstmalig unter anderem gesicherte Daten zur Fertilität, Immunrekonstitution und zu den begleitenden Gefäßerkrankungen, die bis dato noch nie wirklich erhoben werden konnten“, so Corbacioglu.

Die „Phase-2-Studie zur Evaluierung einer haploidenten a/β T-Zell depletierten Stammzelltransplantation bei Patienten mit Sichelzellerkrankung ohne verfügbaren Geschwisterspender“ hat bereits erfolgreich die erste Studienphase durchlaufen, in der die Verträglichkeit der neuen Therapie getestet wurde. Verläuft auch die zweite Phase zur Überprüfung der Wirksamkeit positiv, kann sie bereits zur breiten klinischen Anwendung kommen. Weitere Therapieoptimierungen schließen sich an.

Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat das medizinische und wissenschaftliche Potenzial der Studie erkannt und fördert das Projekt mit etwas mehr als 1,5 Millionen Euro. Insgesamt werden in den kommenden fünf Jahren etwa 30 internationale Zentren in zwölf Ländern diese internationale, multizentrische Studie vorantreiben. Auch am UKR ist nicht nur Corbacioglu mit seinem Team an der Evaluation der Studie beteiligt. „Das ist ein interdisziplinäres Projekt, bei dem wir eng mit anderen Instituten und Kliniken (Innere Medizin III, Transfusionsmedizin, RCI und Klinische Chemie) des UKR zusammenarbeiten“, sagt der Mediziner.

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