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Regeneration

Gesundheit am Arbeitsplatz

Natürliche Rückzugsorte fördern das Wohlbefinden von Angestellten. Eine ostbayerische Firma ist EU-weites Vorbild.
Von Susanne Wolf

Bei der Firma IRS Systems in Brennberg können die Mitarbeiter auch draußen arbeiten. Foto: Sebastian Schiegl/IRS
Bei der Firma IRS Systems in Brennberg können die Mitarbeiter auch draußen arbeiten. Foto: Sebastian Schiegl/IRS

Region.Grillen zirpen, Vögel zwitschern, Libellen und Schmetterlinge schwirren durch die Luft. Mittendrin sitzen Menschen, die während ihrer Arbeit eine kleine Auszeit in der Natur genießen – oder einfach ihrer Tätigkeit im Grünen nachgehen. Doch sind sie weder Gärtner noch Waldarbeiter, sondern ITler oder Elektroniker.

Das ist bei den ostbayerischen Unternehmen IRS Systementwicklung in Brennberg und Rosenlehner Elektro in Straubing längst Realität. Auf den Firmengeländen findet sich eine „grüne Infrastruktur“ als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements. „Biodiversität, also biologische Vielfalt, fördert das Wohlbefinden“, sagt Garten- und Landschaftsarchitekt Anton Robl, der die Betriebe als Leiter des Instituts für Lebensbezogene Architektur e.V. in Furth im Wald berät und Mitglied des Nationalen Fachbeirats Garten und Medizin ist. „Durch naturnah und bedürfnisorientiert gestaltete Firmengelände ist es möglich, dass immer weniger Mitarbeiter krank sind“, sagt er – eine Win-win-Situation also für Arbeitnehmer und -geber.

Natur in der Arbeit als Luxusgut

Auf dem Gelände der Brennberger IT-Firma leben mittlerweile Eidechsen. Foto: Michael Hölzl
Auf dem Gelände der Brennberger IT-Firma leben mittlerweile Eidechsen. Foto: Michael Hölzl

Die Beschäftigten gehen hier nicht mit Unmut zur Arbeit, sondern freuen sich darauf, dass sie in einem Freiluftbüro arbeiten und zwischendrin Flora und Fauna bestaunen können. Das ist in Zeiten von Digitalisierung, Schnelllebigkeit und Alltagshektik nahezu Luxus. Denn immer mehr Angestellte leiden an Burnout und fallen lange Zeit aus.

„Zudem sind Screens, LED-Lichter und vieles mehr weder förderlich fürs Wohlbefinden noch für die Gesundheit“, sagt Robl. In diesem „digitalen Überlebenskampf“ rät er Arbeitgebern, adäquate Arbeitsplätze mit hoher Aufenthaltsqualität für Beschäftigte zu schaffen. Das können Pflanzen in Großraumbüros sein. Wichtiger ist aber die naturnahe Gestaltung – wenn möglich – im Außenbereich. Denn: Grünanlagen haben eine „Wohlfahrtswirkung auf Körper, Seele und Geist“.

Anton Robl ist Garten- und Landschaftsarchitekt, Leiter des Instituts für Lebensbezogene Architektur e.V. in Furth im Wald sowie Mitlgied des Nationalen Fachbeirats Garten und Medizin. Foto: Robl
Anton Robl ist Garten- und Landschaftsarchitekt, Leiter des Instituts für Lebensbezogene Architektur e.V. in Furth im Wald sowie Mitlgied des Nationalen Fachbeirats Garten und Medizin. Foto: Robl

Dem kann wohl jeder zustimmen: Getrieben von der Alltagshektik und Digitalisierung suchen immer mehr Leute in ihrer Freizeit Orte der Ruhe auf, um Kraft zu tanken. Wieso also nicht während der Arbeit Kraft tanken und dadurch konzentrierter, kreativer und leistungsfähiger sein? Das funktioniert einfach – zum Beispiel durch Freiluftbüros, wie sie IRS-Geschäftsführer Reinhard Schiegl 2018 auf seinem Firmengelände installiert hat. „Man muss den Mut haben, auch mal anders zu denken und etwas infrage zu stellen. Alles, was auf den ersten Blick praktisch ist, muss nicht unbedingt die beste Lösung sein“, sagt er.

Das Betriebsgelände kann man als grüne Oase bezeichnen – überall grünt und blüht es, zwischendrin sind Steine, Bänke und vieles mehr angebracht. Auch die Natur selbst hat ihren Nutzen von der Gestaltung: Die grüne Infrastruktur bietet verschiedenen Pflanzen- und Tierarten einen Lebensraum – und den Menschen Raum zur Erholung und kreativen Entfaltung. Das unterstützt das EU LIFE Projekt BooGI-BOP: naturnah und bedürfnisorientiert gestaltete Firmengelände und Liegenschaften, um einen Mehrwert für Mensch und Natur zu schaffen.

Positiver Einfluss auf Resilienz

Gibt es bei IRS etwas zu besprechen, wird das oft im Freien gemacht. Foto: Sebastian Schiegl/IRS
Gibt es bei IRS etwas zu besprechen, wird das oft im Freien gemacht. Foto: Sebastian Schiegl/IRS

Fühlen sich Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz wohl, beeinflusst das deren Resilienz (psychische Widerstandfähigkeit) positiv. Sie haben Spaß an ihrer Arbeit und sind weniger krank. Das kann auch Robl bestätigen: „IRS hat die jährlichen Krankheitstage mit dem Durchschnitt deutscher Unternehmen verglichen: Es gibt nachweislich weniger Krankheitstage.“

Schaffen Arbeitgeber kreative, naturnahe Erholungsräume, fördert das die Bewegung der Angestellten im Freien, es begünstigt soziale Kontakte und ermöglicht vielfältige Naturerlebnisse. Dabei können Beschäftigte ihre Akkus aufladen und sind leistungsfähiger. „Internationale empirische Studien zeigen: Grün hat eine eindeutige Wirkung auf die Gesundheitsförderung“, so Robl.

Das Gelände der Firma IRS Systems liegt mitten im Grünen. Foto: Sebastian Schiegl/IRS
Das Gelände der Firma IRS Systems liegt mitten im Grünen. Foto: Sebastian Schiegl/IRS

Eine weitere empirische Erhebung belegt: Nach der Umgestaltung und Begrünung eines Großraumbüros fand neben der gesteigerten Arbeitsleistung das vorher vorhandene Mobbing unter einigen Kollegen ein Ende. „Ein angenehm gestalteter Arbeitsplatz dämpft Querelen zwischen Mitarbeitern auf ein erträgliches Maß ab“, erläutert Robl.

Seiner Einschätzung nach haben bereits zwischen drei und fünf Prozent der ostbayerischen Unternehmen das Konzept umgesetzt. „Sie beziehen die Aufenthaltsqualität drinnen und draußen mit ein.“ Trotzdem muss im Bereich der naturnahen Gestaltung des Arbeitsumfelds im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements noch einiges getan werden – vor allem in klein- und mittelständischen Unternehmen. Denn davon profitieren Arbeitgeber und -nehmer gleichermaßen: Die Beschäftigten fühlen sich wohl und sind weniger krank.

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