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Kommentar

Keine amerikanischen Zustände

Ein Kommentar von Louisa Knobloch

Schmerzen zu haben, über Monate oder gar über Jahre, ist eine furchtbare Vorstellung. Und doch ist das für fast jeden fünften Deutschen Realität. Für Patienten mit Tumorerkrankungen und chronischen Schmerzen können Opioide daher ein Segen sein. Doch selbst unter Fachleuten sind die Medikamente umstritten. Denn sie haben ein hohes Suchtpotenzial, teils sogar stärker als Heroin. Dieses war übrigens Anfang des 20. Jahrhunderts von Bayer als Husten- und Schmerzmittel vermarktet worden...

Dass in Deutschland immer mehr Opioide verordnet werden, lässt nun bei manchen die Alarmglocken läuten. Denn ein Blick in die USA zeigt, was ein zu freizügiger Umgang mit diesen Medikamenten anrichten kann. Unter den vielen Todesopfern der sogenannten „Opioid-Krise“ finden sich auch einige Prominente, beispielsweise die Musiker Tom Petty (2017) oder Prince (2016), die beide an einer Überdosis opioidhaltiger Schmerzmittel starben. Zuletzt sank sogar die allgemeine Lebenserwartung in den USA – einem Industrieland – leicht.

Nun sind und waren die Voraussetzungen in den USA größtenteils andere als in Deutschland. Die Medikamente wurden schon bei verhältnismäßig leichten Schmerzen verschrieben, teils in großen Mengen, und in der Werbung und in Beipackzetteln wurden die Risiken heruntergespielt. Das Oxycodon-Präparat mit dem Markennamen „OxyContin“, das von der US-Firma Purdue Pharma vermarktet wurde, erreichte im Jahr 2010 Platz fünf der meistverkauften Medikamente in den USA. Und das, obwohl Purdue bereits 2007 zu einer Strafzahlung von 634,5 Millionen US-Dollar verurteilt worden war, da die Firma nicht ausreichend auf die mögliche Suchtgefahr hingewiesen hatte. Neben der Werbung spielen nicht zuletzt auch Vorbilder in den Medien eine Rolle: Der Serienarzt Dr. House ist etwa selbst von opioidhaltigen Schmerzmitteln abhängig, behauptet aber, kein Problem damit zu haben.

In Deutschland ist der Umgang mit diesen Medikamenten zum Glück sehr viel restriktiver: Sie dürfen nur auf einem Betäubungsmittelrezept verordnet werden und im Gegensatz zu frei verkäuflichen Kopfschmerztabletten darf für verschreibungspflichtige Arzneimittel nicht öffentlich geworben werden. Für Fachkreise gilt diese Einschränkung allerdings nicht – bei Ärzten und anderen Angehörigen von Heilberufen dürfen Pharmafirmen ihre Produkte also anpreisen. Das ist durchaus lukrativ: In Deutschland stieg der Umsatz mit opioidhaltigen Schmerzmitteln von 539 Millionen Euro im Jahr 2000 auf 1,34 Milliarden Euro im Jahr 2017 – allein bei den gesetzlichen Krankenversicherungen.

Nach Operationen, bei Krebspatienten oder im Palliativbereich haben die Medikamente ihre Berechtigung. Wenn sie verschreibungsgemäß und unter ärztlicher Kontrolle eingenommen werden, ist zudem das Risiko von Abhängigkeiten überschaubar. Eine langandauernde Behandlung vor allem jüngerer Patienten mit chronischen Schmerzen ist dagegen kritischer zu sehen. Eine multimodale Schmerztherapie könnte sicher vielen Betroffenen helfen. Dazu bräuchte es aber viel mehr Spezialisten in diesem Bereich – und die Bereitschaft, auch solche Angebote angemessen zu bezahlen.

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