MyMz

Organspende

Leben spenden – oder nicht?

Der Bundestag diskutiert über die Widerspruchslösung. Jeder, der nicht widerspricht, würde zum potenziellen Spender.
Von Reinhard Zweigler

 In einer Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa-Zentralbild/dpa
In einer Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin.Eigentlich hatte der Schriftsteller David Wagner (47) vor einigen Jahren fast schon mit seinem Leben abgeschlossen. Er litt an einer lebensgefährlichen Autoimmun-Hepatitis und wusste, ohne eine Spenderleber würde er nicht mehr lange zu leben haben. Seine kleine Tochter würde er dann nicht mehr aufwachsen sehen können. Doch dann konnte er sein Glück kaum fassen, als eines Tages vor zwölf Jahren das Telefon klingelte und man ihm mitteilte, dass ein passendes Spenderorgan gefunden worden sei.

Heute blickt er dankbar auf zwölf Jahre eines „geschenkten Lebens“ zurück. Wagner hat seine Erlebnisse in dem ergreifenden und preisgekrönten Buch „Leben“ aufgeschrieben. Wenn am Mittwoch der Bundestag drei Stunden lang über eine Neuregelung der Organspende in Deutschland diskutieren wird, dann wird auch der Autor aufmerksam zuhören. Er räumt ein, bei dem emotional aufgeladenem Thema – Leben spenden – oder nicht? - „befangen“ zu sein. Gleichwohl jedoch hofft er darauf, dass sich die Befürworter der sogenannten Widerspruchslösung mit ihren Argumenten durchsetzen werden. Es sei für jeden Menschen „zumutbar“, sich einmal im Leben mit der Frage zu beschäftigen, ob er oder sie im Falle des eigenen Hirntodes Organe spenden würde oder nicht.

Ein junge Frau mit sterilen Einweghandschuhen hält Organspendeausweise im Scheckkartenformat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Trotz aller Appelle von Gesundheitspolitikern: Die Zahl der Organspenden ist wieder gesunken. Foto: David Ebener/dpa
Ein junge Frau mit sterilen Einweghandschuhen hält Organspendeausweise im Scheckkartenformat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Trotz aller Appelle von Gesundheitspolitikern: Die Zahl der Organspenden ist wieder gesunken. Foto: David Ebener/dpa

Beim Regensburger Transplantationsmedizner Professor Bernhard Banas rennt Wagner mit seiner Haltung sozusagen offene Türen ein. Der Chef der Abteilung Nephrologie am Uniklinikum und Leiter des Transplantationszentrums war in zwanzig Jahren an mehr als 2000 Nierentransplantationen beteiligt. Er ist froh darüber, dass es nun in der Politik endlich Bewegung in dieser zutiefst ethisch-moralischen Frage gibt. „Man darf die Bevölkerung nicht länger im Unklaren darüber lassen, dass die Überlebenschancen von Deutschen, die auf ein Spenderorgan warten, erheblich geringer sind als in vergleichbaren Ländern“, sagt Banas.

Sieben Jahre Warten auf eine Niere

Er untermauert seine Position mit Zahlen. In Ländern wie Spanien, in denen die Widerspruchslösung gelte, spendeten vier von 1000 Verstorbenen Organe. In Deutschland, wo bislang die sogenannte Entscheidungslösung gilt, sind es bescheidene 0,7 bis 0,8. In Bayern ging die Zahl der Organspenden von 98 in den ersten neun Monaten dieses Jahres noch einmal dramatisch um elf gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück.

Potenzielle Spender

  • Widerspruchslösung

    Bei der Widerspruchsregelung gelten alle Menschen, die nicht ausdrücklich der Organspende widersprechen, als potenzielle Spender. Die bislang geltende Entscheidungslösung besagt dagegen, dass man sich bewusst für eine Organspende aussprechen muss, um im Falle eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (Hirntod) Spender zu werden.

  • Vereinbarung

    Die GroKo hatte sich in ihrem Koaltionsvertrag vorgenommen, die Zahl der Organspenden zu erhöhen. Im Vorjahr spendeten 797 Menschen in Deutschland Organe.

Demgegenüber warteten 1400 Menschen im Freistaat sehnsüchtig auf ein Spenderorgan, eine Niere, ein Herz, eine Lunge, eine Leber. Aber auch Bauchspeicheldrüse, Augen-Hornhaut, Dünndarm oder Knochen, wie etwa das Gehörknöchelchen, mit dem taube Menschen wieder hören können, werden dringend benötigt. Für viele Kranke, die auf ein lebenswichtiges Organ warten, erfülle sich diese Hoffnung allerdings nicht. Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Spenderniere liegt bei etwa sieben Jahren. Häufig müsste jedoch zwölf bis 15 Jahre gewartet werden. Täglich versterben etwa drei Patienten, die auf der Organ-Warteliste stehen. Die ungewisse Zeit des Wartens ist quälend für die direkt Betroffenen und ihre Angehörigen und Freunde.

Das lange Warten auf ein neues Organ: Hier geht es zum Interview mit dem Regensburger Professor Dr. Bernhard Banas. Er begrüßt den Vorstoß von Minister Spahn.

Wie viele Medizinerkollegen hält Banas die bisherige Entscheidungs-Regelung nach dem Transplantationsgesetz für unzureichend. Nur etwas mehr als ein Drittel der Bundesbürger habe sich für einen Organspendeausweis entschieden und damit die grundsätzliche Bereitschaft bekundet, im Falle des eigenen Hirntodes Organe zu spenden. Doch selbst wenn ein Verstorbener einen solchen Ausweis besitze, müssten in jedem Fall die Angehörigen befragt werden, ob eine Organspende auch wirklich gewollt sei. Für Angehörige, die in der Ausnahmesituation des Todes eines lieben Menschen mit einer solchen Frage konfrontiert werden, sei das eine enorme zusätzliche Belastung.

Eine Frau hält in der Universitätsmedizin eine Broschüre des „Netzwerk Organspende in Niedersachsen“ in der Hand. Dahinter ist das Logo des Transplantationszentrums zu sehen. Foto: Swen Pförtner/dpa
Eine Frau hält in der Universitätsmedizin eine Broschüre des „Netzwerk Organspende in Niedersachsen“ in der Hand. Dahinter ist das Logo des Transplantationszentrums zu sehen. Foto: Swen Pförtner/dpa

Die Pflicht zu einer Entscheidung sollte nicht an die Angehörigen abgegeben werden, meint auch die Herzchirurgin und CDU-Bundestagsabgeordenete Claudia Schmidtke. Sie will morgen im Bundestag für die Widerspruchslösung werben. Sie hat mit Gleichgesinnten, etwa der Journalistin Jutta Falke-Ischinger, den Verein „Leben schenken“ gegründet, der über die Widerspruchslösung informieren, Ängste und Vorbehalte abbauen helfen will. Zum Verein gehören Betroffene, wie der herztransplantierte Olympiasieger im 50-Kilometer-Gehen von 1980, Hartwig Gauder aus Erfurt, oder der frühere Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, der seiner Frau eine Niere gespendet hatte. Auch der ehemalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel (FDP) zählt zum Verein. Ihn beschäftigt bis heute, dass er im Fall seiner bei einem Unfall zu Tode gekommenen Tochter, einst gegen eine Organspende entschieden hatte. Heute sieht er das anders.

Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen. Foto: Soeren Stache/dpa
Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen. Foto: Soeren Stache/dpa

Schmidtke verweist darauf, dass 85 Prozent der Deutschen Organspenden grundsätzlich positiv sähen. Sogar 90 Prozent würden sich im Notfall ein fremdes Organ transplantieren lassen. Der „Urangst“, dass Menschen, die noch lebten, Organe entnommen würden, entgegnet die Medizinerin, dass ein Hirntod irreversibel – unumkehrbar – sei und zweifelsfrei von mehreren Ärzten festgestellt werden müsse. Bereits seit 40 Jahren gebe es in Deutschland eine, allerdings nicht weitreichende Debatte um das Thema.

Lesen Sie auch: „Banges Warten zwischen Tod und Hoffnung“ – eine preisgekrönte Geschichte von Katharina Eichinger.

Organspende

Banges Warten zwischen Tod und Hoffnung

Sieglinde Ast lebt mit einer Spenderniere, Waltraud Böckl hat ihrem Mann eine gespendet – zwei Frauen und ihre Geschichte.

Schon 1978 hatte der Europarat die Widerspruchslösung empfohlen, die inzwischen in rund zwei Drittel der EU-Staaten praktiziert werde. Deutschland müsse dem nun endlich folgen, hofft die Medizinprofessorin aus Lübeck. Bedenken hat dagegen ihr CSU-Kollege Stephan Pilsinger, ein Arzt aus München. Er spricht von einer „Pseudolösung“ die die Menschen nur verunsichere. Auch der Chef des Ethikrates, Peter Dabrock, bemängelt das System der Widerspruchslösung, wonach „Schweigen als Zustimmung“ gelte. Die Debatte im Bundestag ist offen. Es gibt keinen „Fraktionszwang“.

Hier geht es zur Politik.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht