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Soziales

Mehr Zeit für Angehörige Demenzkranker

Die Frauen vom Helferkreis für Demenzerkrankte in Neumarkt sprechen darüber, warum sie sich um Alzheimer-Patienten kümmern.
Von Nicole Selendt

Nach dem Mittagessen wird gespielt. Die Herren spielen mit ihren Betreuerinnen Ilse Schlierf und Brigitte Hofs 66er. Fotos: Selendt
Nach dem Mittagessen wird gespielt. Die Herren spielen mit ihren Betreuerinnen Ilse Schlierf und Brigitte Hofs 66er. Fotos: Selendt

Neumarkt.Sie haben aber einen schönen Pullover an“, sagt die Frau, die neben Petra Maier am Kaffeetisch sitzt und fasst mit den Fingern den weichen Stoff des Kleidungsstücks an. „Wo haben sie den denn gekauft?“ Maier fühlt sich geschmeichelt und antwortet auf die Frage. Die Kaffeerunde ist nett, es sitzen noch zahlreiche Menschen mit am Tisch. Viele von ihnen sind schon älter. Zwar nicht mehr so gut auf den Beinen. Aber sie wirken dennoch fit und vital. Nach kurzer Zeit zupft Maiers Gesprächspartnerin ihr wieder am Pulli und sagt: „Sie haben aber einen schönen Pullover an. Wo haben sie den denn gekauft?“

Petra Maier kann sich noch gut an diese Situation erinnern. Und sie weiß noch genau, wie ihr diese Frage von derselben Frau an diesem Tag noch häufiger gestellt worden ist. Und immer wieder hat sie geduldig dieselbe Antwort gegeben. Ihre Gesprächspartnerin hatte Alzheimer. Die Krankheit des Vergessens. Die Krankheit, die Menschen für immer verändert. Und die ganze Familien in ein tiefes Loch stürzen kann. Petra Maier hat es selber erlebt. Ihre Mutter hatte Demenz.

Erstattung durch die Pflegekasse

Deswegen engagiert sie sich auch seit elf Jahren im Helferkreis für Demenzerkrankte des Roten Kreuzes, den es seit dem Jahr 2000 gibt. Sie ist eine von 30 Ehrenamtlichen, die Woche für Woche in Neumarkt oder Berching mehrere Stunden mit an Demenz erkrankten Menschen verbringen, um deren Familien zu entlasten. Zeit hat Maier. Die Kinder sind erwachsen. Beruflich hat sie keine Verpflichtungen. Und ihr geht es gut dabei. Denn auch, wenn die Gäste – so nennen die Helfer die Erkrankten – es nicht immer zeigen können: „Es kommt viel von ihnen zurück, es rührt sich was bei uns.“

Was während der Stunden im Helferkreis so alles los ist, sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Neumarkt: Der BRK-Helferkreis für Demenzerkrankte

Das ist vor allem Eva-Maria Fruth besonders wichtig. Die Leiterin der Gruppe von der Fachstelle für pflegende Angehörige beim Roten Kreuz möchte, dass die Teilnahme am Helferkreis für alle ein positives Erlebnis ist. Für die Gäste, die sich für die paar Stunden in der Gruppe unbeschwert fühlen können. Für die Helferinnen, die untereinander nicht nur Kolleginnen, sondern auch Freundinnen geworden sind. Und auch für die Angehörigen, die für ein paar Stunden die Verantwortung für den Erkrankten abgeben können und ihn in guten Händen wissen.

Mitglieder des Helferkreises besuchen Demenzerkrankte auch in ihrem Zuhause. Ein Interview mit einem von Ihnen lesen Sie hier:

Interview

„Gesunde Rentner können auch etwas tun“

Maria F. aus Neumarkt besucht für das Rote Kreuz Demenzkranke zu Hause und beschäftigt sich ein paar Stunden mit ihnen.

20 Euro kostet das Angebot pro Gast für vier Stunden. Inklusive sind neben der Betreuung auch alle Getränke, ein Mittagessen oder Kuchen und Snacks. Da der Helferkreis ein zertifiziertes Angebot ist und durch das bayerische Sozialministerium gefördert wird, kann der Beitrag über die Pflegekasse abgerechnet werden, wie Fruth erklärt. Maximal 16 Gäste können in drei Gruppen jeweils aufgenommen werden, es gibt eine Warteliste. Für jeden Gast ist immer dieselbe Helferin zuständig, jede kümmert sich um maximal zwei Gäste. Laut Fruth entstehe so ein besseres Vertrauensverhältnis. Alle Helferinnen sind von der Alzheimergesellschaft in 40 Unterrichtsstunden auf ihre Aufgabe vorbereitet worden.

Hilfsangebote in Neumarkt

  • Vielfalt:

    Für Angehörige von Demenzerkrankten gibt es in Neumarkt zahlreiche Anlaufstellen, bei denen sie Beratung, Begleitung und Entlastung im Alltag erhalten können. Diese Einrichtungen bieten Beratungsgespräche, Kurse, Vorträge, Sprechstunden, Stammtische für Angehörige, Helferkreise und Betreuungsgruppen, stundenweise Betreuung zu Hause und vieles mehr.

  • Rotes Kreuz:

    Fachstelle für pflegende Angehörige bei Pflege und Demenz, Ansprechpartnerin ist Eva-Maria Fruth, Tel. (0 91 81) 4 83 41

  • Diakonie:

    Sozialpsychiatrischer Dienst Neumarkt, Friedenstraße 33, Tel. (0 91 81) 4 64 00

  • Caritas:

    Caritas-Sozialstation Neumarkt e.V., Friedenstraße 33, Tel.: (0 91 81) 4 76 50

Die Plauderrunde am Kaffeetisch ist mittlerweile vorbei. Alle setzen sich jetzt in den Stuhlkreis, los geht es jede Woche mit demselben Lied: „Den Schnee, Schnee, Schnee, Schneewalzer tanzen wir, Du mit mir, ich mit dir.“ Die Helferkreisteilnehmer fassen sich an den Händen, schunkeln und singen mit, einer der Gäste lässt sich von einer Helferin zu einem Tänzchen auffordern. Singen – das sei laut Fruth der Königsweg für Demenzerkrankte. Die alten Lieder von früher könnten sie alle noch mitsingen, irgendwann stimme jeder mit ein. Passende Bewegungen mit den Händen und Füßen machen die meisten mit. „Liebe kleine Schaffnerin“, „Aus Böhmen kommt die Musik“ und „Zwei kleine Italiener“ stimmt die Gruppe an.

Denkspiele, plaudern über Feste und Traditionen, Gedichte und Singen: Das alles ist Teil des Stuhlkreises zwischen 11 Uhr und dem Mittagessen.
Denkspiele, plaudern über Feste und Traditionen, Gedichte und Singen: Das alles ist Teil des Stuhlkreises zwischen 11 Uhr und dem Mittagessen.

Ein zweiter Weg, an Demenz Erkrankten ein gutes Gefühl zu geben: Plaudern über früher. Über Traditionen, Brauchtum, Festtage. So erzählen die Gäste davon, wie sie auf dem Volksfest Eis verkauft haben. Damals, als eine Kugel noch 20 Pfennig gekostet hat. Wie sie im Herbst nach der Ernte im Garten die Regale gefüllt haben mit Eingekochtem. Davon, wie an Lichtmess am 2. Februar die Mägde und Knechte ihren Lohn bekommen haben. Dann gibt es Mittagessen.

Wie Betroffene oder Angehörige Anzeichen einer Alzheimer-Krankheit erkennen können, sehen Sie im Video:

Frühe Anzeichen einer Alzheimer-Krankheit

Daheim wieder abschalten

Heute ist Petra Maier mit dem Kochen dran. Es gibt Hochzeitssuppe mit Leberknödeln und Pfannkuchen. Maier nimmt ihre Aufgabe ernst. Sie will, dass es den Gästen gut schmeckt. Und sie spricht für alle Helferinnen, wenn sie sagt: „Ich habe keine Berührungsängste.“ Sie reagiert routiniert, wenn eine alte Dame auf einmal nach Hause möchte, um für ihre Kinder Mittagessen zu kochen – die ja mittlerweile schon längst aus dem Haus sind. Sie schafft es, einen Mann zum Dableiben zu bewegen, der sagt, er müsse jetzt in den Stall, um die Kühe zu melken – die er vielleicht vor 40 Jahren auf seinem Bauernhof einmal hatte. Diese Menschen seien zwar krank, hätten aber genauso ihr Leben gelebt, hätten genauso viel geleistet. Und durch das Schicksal ihrer eigenen Mutter ist Maier bewusst: „Das kann uns ja auch bevorstehen.“

Jede Woche erklärt sich eine andere Helferin bereit, für die Gruppe Mittagessen zu kochen. In dieser Woche ist Petra Maier dran.
Jede Woche erklärt sich eine andere Helferin bereit, für die Gruppe Mittagessen zu kochen. In dieser Woche ist Petra Maier dran.

Allerdings ist sie froh, dass sie nach dem Helferkreis abschalten kann. Distanz gewinnen kann zu der Krankheit. Früher mit ihrer Mutter sei das nicht gegangen: „In der Familie ist Demenz eine Katastrophe.“ Und so wie ihr geht es vielen im Helferkreis. Sie haben einen Ehemann oder einen Elternteil an die Krankheit verloren. Sie wissen, wie wichtig es für Angehörige von Demenzerkrankten ist, einmal abschalten zu können. Sie wissen, wie wertvoll die Zeit ist, die sie Angehörigen regelmäßig schenken. Und nicht zuletzt haben sie ja auch Spaß dabei – vor allem, wenn nach dem Mittagessen die Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Bretter und Karten ausgepackt werden und gespielt wird.

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