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Psychologe rät zu Osterritualen

Gerhard Hecht beantwortet Leserfragen. Er gibt Tipps für die Feiertage, „Home Schooling“ und den Alltag in der Coronazeit.

Ostern hat viele Rituale – wie zum Beispiel das Suchen des Osternests. Foto: Tobias Hase/dpa
Ostern hat viele Rituale – wie zum Beispiel das Suchen des Osternests. Foto: Tobias Hase/dpa Foto: dpa

Regensburg.Die Nachrichtenlage in der Coronakrise ist unübersichtlich und ändert sich rasant. Täglich erhalten wir auch Fragen von Ihnen, unseren Lesern. Bei der Beantwortung haben wir kompetente Unterstützung aus den Bereichen Medizin, Recht und der Psychologie. Zu unserem Expertenteam gehört Diplom-Psychologe Gerhard Hecht aus Regensburg, der Fragen rund um das Zusammenleben während der Coronazeit beantwortet.

Leserfrage: Ich möchte meiner Familie ein schönes Osterfest bereiten. Doch wegen Corona ist alles anders. Sollen wir an den gewohnten Traditionen – so gut es eben geht – festhalten oder in diesem Jahr lieber alles anders machen?

Gerhard Hecht: „Sie sollten Ostern auf jeden Fall so feiern, wie Sie es jedes Jahr feiern. Und das meine ich wörtlich. Ostern ist in unserer Kultur eine zentrale Jahresinterpunktion, so wie Weihnachten. Das heißt, es gibt ein deutlich empfundenes Vor - und Nachher. Diese Interpunktionen sind wichtig für uns, um das Gefühl von Ordnung und Rhythmik im Leben zu haben. Gerade jetzt, wo die Dinge ins Gleiten geraten sind, ist es wichtig, Ostern ausgiebig und spürbar und alltagsunterschieden zu feiern. Und Ostern hat viele Rituale, Verhaltensweisen, die immer gleich und nicht anders gemacht werden. Das ist der Witz des Rituals.

Gerhard Hecht

  • Zur Person:

    Gerhard Hecht ist Diplom-Psychologe und hat eine Praxis für Kunst-, Paar-, Sexual- und Traumatherapie in Regensburg.

  • Das Team:

    Gerhard Hecht ist neben dem Rechtsanwalt Geedo Paprotta aus Neumarkt und Medizinern der Uniklinik Regensburg einer unserer regionalen Experten für unser Format „Leser fragen, die MZ antwortet“.

Gerhard Hecht arbeitet als Psychologe in Regensburg. Foto: Florian Hammerich
Gerhard Hecht arbeitet als Psychologe in Regensburg. Foto: Florian Hammerich Foto: Florian Hammerich

Wenn Sie Kirchgängerin sind, nehmen Sie an Ostern auch Geräuchertes, Butter, Brot, Eier und Quarkkuchen zum Weihen in die Kirche mit – und zwar immer dasselbe. Sie machen das, weil es schon die Vorfahren so gemacht haben. Deswegen tun wir eben nicht Pizza, Döner und Baguette in den Korb für die Kirche (Anmerkung der Redaktion: Viele Gemeinden übertragen die Ostermessen per Livestream im Internet. Das Bistum Regensburg teilt dazu mit, dass am Ende der Feier wie üblich die Osterspeisen gesegnet werden). Auch der Osterhase ist immer der Osterhase und nicht zur Abwechslung mal ein Osterkänguru, weil es einen so schönen Beutel für die Eier hätte. Machen Sie alles bitte möglichst genauso wie immer und seien Sie ruhig ein bisschen fundamentalistisch – Rituale sind eben keine Wahlfächer. Das ist der Grund, warum sie gegen Unsicherheit in einer unberechenbaren Umgebung helfen.“

Haben auch Sie Fragen? Dann schreiben Sie uns an redaktion@mittelbayerische.de.

Leserfrage: Brot selbst backen, die tägliche Yoga-Einheit und ein ausgemisteter Kleiderschrank: Warum müssen wir uns eigentlich auch in der Krise ständig optimieren?

Gerhard Hecht: „Ich teile die moderne Kritik an der Selbstoptimierung nicht. Ich finde, damit ist es viel entspannter geworden. Wir optimieren uns nicht erst seit gestern. Bis vor kurzem haben fast alle Menschen ununterbrochen die eigenen Gedanken und Handlungen optimiert, um ja keine Sünde zu begehen und in der Hölle zu landen. Optimierungsstress ist also beileibe nichts Neues. Aber eins ist jetzt wirklich wichtig: Wir brauchen einen Rahmen und wir müssen uns selbst eine psychische Heimat aus Gewohnheiten, Ritualen und Plänen erschaffen. Alles, was unser Alltag und unsere Umgebung normalerweise vorgeben. Wir müssen uns selbst Halt geben, um psychisch robust genug zu sein für diese schwierige Zeit. Deshalb ja – wenn Sie gerne Brot backen, tun Sie es und backen Sie am besten immer das gleiche und am besten auch noch zur selben Zeit. Beim Yoga genauso. Und wenn Sie mich als Psychotherapeuten fragen, was das Beste ist, um sich psychisch zu stabilisieren – dann sage ich: „Aufräumen!“. Die Dinge in der näheren Umgebung anfassen und ordnen. Einen konkreten Überblick bekommen und alles, was mich umgibt, wirklich wahrnehmen. Psychologen nennen das Selbstpräsentifikation, man kann aber auch „Rammadammamia“ sagen. Oder Sie versuchen mal „Magic Cleaning“ mit Marie Kondo.“

Leserfrage: Das „Home-Schooling“ fordert mich sehr. Ich möchte auf keinen Fall, dass meine Kinder einen Nachteil haben, wenn die Schule wieder startet. Aber mich plagt das Gefühl, der Aufgabe einfach nicht gerecht zu werden.

Viele Eltern setzen sich unter Druck. Sie möchten auf keinen Fall, dass die Kinder einen Nachteil haben, wenn die Schule wieder startet. Foto: Marks/dpa
Viele Eltern setzen sich unter Druck. Sie möchten auf keinen Fall, dass die Kinder einen Nachteil haben, wenn die Schule wieder startet. Foto: Marks/dpa Foto: dpa-tmn

Gerhard Hecht: „Geben Sie auf! Sie werden der Aufgabe nicht gerecht. Sie sind keine Pädagogen und werden jetzt im Schnelldurchgang auch keine. Sie haben das in diesem Umfang noch nie gemacht, Sie können es nicht können. Erlauben Sie sich also ihre Unfähigkeit und geben Sie dennoch jeden Tag aufs Neue gutmütig und freundlich ihr Bestes. Denken Sie daran: Schüler sind an einem normalen Schulvormittag nicht oft im Zentrum der Aufmerksamkeit der anderen Schüler oder der Lehrkraft, also voll gefordert. Den Rest der Zeit können sie träumen und an Wichtigeres denken als an die Schule. Wenn Sie – vermutlich lange – neben ihren Kindern sitzen, sind Sie vor allem eins: eine Riesenstressquelle. Vielleicht vermitteln Sie Angestrengtheit, Angst und Druck. Und all das steht jedem Lernerfolg im Weg. Bleiben Sie humorvoll! Ermahnen Sie sich zur Geduld! Alle Kinder haben in einer absoluten Sondersituation – wenn überhaupt – Hobbypädagogen an der Backe. Nichts ist normal. Fragen Sie sich immer wieder, was eigentlich das Interessante ist, an dem, was sie da abfragen oder erklären. Lernen findet in einer Atmosphäre der Neugier statt – nicht des Drucks. Kinder brauche zwar einen Rahmen, aber keinen Druck. Halten Sie feste Zeiten ein und überlegen Sie sich immer gleiche Belohnungen. Seien Sie freundlich präsent und unverdrossen! Scheitern Sie heiter!“

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