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Delir

Verwirrung nach der Operation

Schwere Krankheiten und Operationen bleiben bei Älteren oft nicht ohne Nebenwirkung, dem sogenannten Delir.
Von Julia Felicitas Allmann

Eingriff mit Nachwehen: Gerade ältere Patienten haben nach einer Operation mit Narkose oft mit dem sogenannten Delir zu kämpfen. Foto: Zerocreatives/Westend61/dpa
Eingriff mit Nachwehen: Gerade ältere Patienten haben nach einer Operation mit Narkose oft mit dem sogenannten Delir zu kämpfen. Foto: Zerocreatives/Westend61/dpa

Bielefeld, Duisburg.Schwere Operationen oder Infekte können vor allem bei älteren Menschen ein Delir auslösen. Die Betroffenen sind verwirrt, urplötzlich müde oder so hyperaktiv wie nie zuvor. Angehörige verwechseln das Delir oft mit einer beginnenden Demenz – doch die Merkmale unterscheiden sich.

„Die Ursachen für ein Delir können unterschiedlich sein und es kann sich relativ breit im klinischen Bild zeigen“, sagt Stefan Kreisel, Ärztlicher Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Evangelischen Klinikums Bethel in Bielefeld. Er leitet dort das Programm help+, das Deliren vorbeugen soll. Früher wurde dafür auch der Begriff Durchgangssyndrom verwendet, das dem Experten zufolge aber nicht ganz zutrifft. Denn er verharmlose die Hintergründe und die teilweise schweren Auswirkungen.

Verschiedene Auslöser

„Es gibt mehrere essenzielle Merkmale eines Delirs“, erklärt Kreisel. „Es treten Symptome auf, die vorher nicht vorhanden waren – und zwar akut und nicht schleichend wie bei einer Demenz.“ Der Zustand des Patienten verändert sich in kurzer Zeit und fluktuiert im Lauf eines Tages: „Mal wirken die Patienten ganz klar, dann sind sie plötzlich weggetreten und kaum noch ansprechbar“, schildert Kreisel. Wichtig ist dann zunächst, dass die Symptome überhaupt jemand bemerkt. „Vor allem bei eher in sich gekehrten, apathisch wirkenden Patienten wird ein Delir oft übersehen.“

Sind ältere Menschen im Delir, sollten Angehörige für sie da sein und ein vertrautes Umfeld für sie schaffen. Foto: Mascha Brichta/dpa
Sind ältere Menschen im Delir, sollten Angehörige für sie da sein und ein vertrautes Umfeld für sie schaffen. Foto: Mascha Brichta/dpa

Deshalb gibt es in vielen Krankenhäusern eigene Präventionsprogramme. Für ältere Patienten kann es sich lohnen, bei der Wahl des Behandlungsortes darauf zu achten. Denn ihr Delir-Risiko ist besonders hoch. Entscheidend ist, wie verwundbar das Gehirn ist, so Kreise. „Menschen, die kognitiv intakt und gesund sind, können Ereignisse wie eine Operation besser verkraften.“

Ein Delir entwickelt sich durch einen Auslöser – das kann ein operativer Eingriff sein, ein anstrengender Krankenhausaufenthalt oder auch eine Infektion. „Bei einem schwer an Demenz erkrankten Patienten und somit ,empfindlicheren‘ Gehirn kann schon ein Harnwegsinfekt ausreichen, um ein Delir auszulösen.“

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Vertrautes Umfeld

Wie oft ein Delir auftritt, ist unklar. „Die Spanne reicht über alle Krankenhauspatienten hinweg von fünf bis 35 Prozent“, sagt Markus Schmitz, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Helios Klinikum Duisburg. „In den Risikogruppen, also bei Patienten über 65 Jahren oder Patienten mit Demenz, findet sich teilweise eine Delir-Häufigkeit von bis zu 70 Prozent.“ Eine effektive medikamentöse Behandlung gibt es nicht – es kommt vor allem auf die Betreuung der Betroffenen an.

„Es ist wichtig, den Patienten möglichst wenig zu ängstigen – denn Stress und Angst sind große Faktoren bei der Entstehung eines Delirs.“

Simone Gurlit, Oberärztin in der Abteilung für Perioperative Altersmedizin

„Im Vordergrund sollte die Optimierung der Orientierungsfähigkeit stehen, damit sich die Patienten besser zurechtfinden“, sagt Schmitz. Dabei helfe es, wenn in den Zimmern Uhren und Kalender aufgehängt seien, mit deutlicher und gut lesbarer Beschriftung. Je schneller Patienten wieder in ihr vertrautes Umfeld entlassen werden können, desto hilfreicher ist es aus Sicht des Experten. Ambulante Eingriffe seien deshalb oft die beste Wahl.

„Nach Operationen ist das oberste Ziel, eine möglichst rasche Mobilisierung zu erreichen“, sagt Schmitz. „Hierzu müssen gerade ältere Menschen aktiv angehalten werden.“ Denn die gewohnte Umgebung und eine gute Orientierung der Patienten können dazu beitragen, dass die Symptome nachlassen. In der Regel verschwinden sie spätestens nach einigen Wochen von selbst. Ein Delir kann in Ausnahmefällen aber auch zu anhaltenden kognitiven Problemen führen – vor allem, wenn es unerkannt bleibt.

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Stressfreie Betreuung

Auch im Franziskus-Hospital in Münster gibt es spezielle Maßnahmen, um einem Delir möglichst gut vorzubeugen und schnell auf dessen Auftreten zu reagieren: Bei Risikopatienten wird nach Eingriffen zum Beispiel ein Delir-Screening durchgeführt. „Dabei werden Patienten auf das Vorliegen kognitiver Einschränkungen untersucht“, erklärt Simone Gurlit, Oberärztin in der Abteilung für Perioperative Altersmedizin. „Außerdem ist es sehr wichtig, alle eingenommenen Medikamente zu erfassen. Alles, was verschrieben wurde – aber auch Präparate, die Patienten selbst kaufen und regelmäßig nehmen.“

Plötzlich verwirrt: Bei einem Delir gerät das Gehirn aus dem Gleichgewicht. Im Krankenhausalltag tritt diese Störung vor allem nach Operationen auf. Intensivstationen beugen vor. Foto: Paul Zinken/dpa
Plötzlich verwirrt: Bei einem Delir gerät das Gehirn aus dem Gleichgewicht. Im Krankenhausalltag tritt diese Störung vor allem nach Operationen auf. Intensivstationen beugen vor. Foto: Paul Zinken/dpa

Denn nur bei einem umfassenden Bild ist es möglich, besondere Maßnahmen zur Prävention zu ergreifen. „Wenn ein erhöhtes Delir-Risiko besteht, kann man das beim Narkosemanagement berücksichtigen“, sagt Gurlit. Die Maßnahmen dazu würden individuell zugeschnitten. „Aber meistens versuchen wir, auf alles zu verzichten, was das Bewusstsein beeinflusst.“

Beruhigungsmittel bekommen die Patienten nicht. Stattdessen soll eine enge Betreuung durch eine Pflegekraft die Angst vor der Behandlung nehmen. „Es ist wichtig, den Patienten möglichst wenig zu ängstigen – denn Stress und Angst sind große Faktoren bei der Entstehung eines Delirs.“

Unterstützung durch Angehörige

Hier kommt auch den Angehörigen eine große Rolle zu. Sie sollten im Vorfeld über das Risiko eines Delirs informiert sein. Denn sie können den Krankenhausaufenthalt so begleiten, dass einem Delir möglichst gut vorgebeugt wird. „Es hilft, wenn Patienten vertraute Dinge bei sich haben, zum Beispiel das Hochzeitsfoto, das seit 15 Jahren auf ihrem Nachttisch steht. Das nimmt dem Klinikaufenthalt den Schrecken.“

„Vor allem bei eher in sich gekehrten, apathisch wirkenden Patienten wird ein Delir oft übersehen.“

Stefan Kreisel, Ärztlicher Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie

Sinnvoll ist es auch, viele Besuche von nahestehenden Personen zu organisieren. Das hilft einerseits den Patienten, da es ein Gefühl von Vertrautheit verschafft. Gleichzeitig erhöht sich die Chance, dass Symptome eines Delirs sofort bemerkt werden. „Angehörige kennen den Patienten am besten – sie merken deshalb besonders schnell, wenn etwas nicht stimmt.“

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