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Kinderonkologie

Wenn ein Kind an Krebs erkrankt

Krebs beim Kind ist ein schwerer Schicksalsschlag für die Familie. Doch es gibt Hoffnung: Vier von fünf Patienten überleben.
Von Julia Felicitas Allmann

Höhere Toleranz: Medikamente und Bestrahlungen sind bei der Behandlung krebskranker Kinder oft noch stärker als bei Erwachsenen. Foto: Matthias Balk/dpa
Höhere Toleranz: Medikamente und Bestrahlungen sind bei der Behandlung krebskranker Kinder oft noch stärker als bei Erwachsenen. Foto: Matthias Balk/dpa

Heidelberg.Jedes Jahr erkranken etwa 2000 Kinder und Jugendliche in Deutschland an Krebs. Nach Verkehrsunfällen ist Krebs die zweithäufigste Todesursache bei Minderjährigen. Das ist schrecklich. Aber gleichzeitig sind die Heilungschancen inzwischen relativ gut – und sie werden immer besser.

„Etwa 80 Prozent der jungen Patienten in Deutschland überleben heute ihre Krebserkrankung, bei manchen Krebsarten sind es über 90 Prozent“, sagt Prof. Stefan Pfister, Direktor der Präklinischen und Pädiatrischen Onkologie am Hopp-Kindertumorzentrum in Heidelberg (KiTZ). Ein Grund dafür sei die Organisation der Kinderonkologie: Unter dem Dach der Fachgesellschaft GPOH (Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie) arbeiten behandelnde Ärzte und Kliniken eng zusammen, fast alle Patienten werden in sogenannten Therapieoptimierungsstudien beobachtet.

Weiteroptimierung der Therapien

Das ist möglich, weil Kinder mit Krebserkrankungen in der Regel in spezialisierten Zentren behandelt werden, mit standardisierten Therapieplänen. „Das ermöglicht die ständige Weiteroptimierung der Therapien in relativ kleinen Patientenkollektiven“, sagt Pfister. Erkrankte Kinder und ihre Familien müssen sich so nicht nur auf das Urteil des Arztes vor Ort verlassen, sondern können sicher sein, dass die Behandlung auch mit den Experten abgestimmt ist. Zufriedengeben möchte sich Pfister mit der aktuellen Situation aber trotzdem nicht: „Die Behandlungen sind meist intensiv“, sagt der Experte. „Und viele Kinder kämpfen noch lange – oft ihr Leben lang – mit den Folgeschäden.“

„Ganz wesentlich für Kinder ist, dass ihr Alltag weitergeht“

Prof. Charlotte Niemeyer, Ärztliche Direktorin der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie in Freiburg

Bei der Häufigkeit verschiedener Krebserkrankungen gibt es große Unterschiede zu Erwachsenen: „Die häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind Leukämien, die ungefähr ein Drittel der Krebserkrankungen ausmachen“, sagt Pfister. Es folgten Tumoren des Zentralen Nervensystems, danach die Gruppe von Bindegewebstumoren. Die bei Erwachsenen am häufigsten auftretenden Krebserkrankungen – Darmkrebs, Brustkrebs und Lungenkrebs etwa – sind bei Kindern extrem selten.

Normalität und Alltag

Die Behandlung von Krebserkrankungen funktioniert bei Kindern nicht grundlegend anders als bei Erwachsenen. Häufig sind die Medikamente und Bestrahlungen aber noch stärker als bei Erwachsenen. „Kinder tolerieren in der Regel sehr viel intensivere Therapien“, sagt Pfister. „Vermutlich, weil ihr Körper noch wesentlich besser regenerierbar ist.“

Psychologie

Lernen, mit Papas Leukämie umzugehen

Bei einer Krebserkrankung leiden nicht nur Betroffene. Darum werden an der Uniklinik auch Angehörige psychologisch betreut.

Die medizinische Therapie ist aber nur eine Seite der Krebsbehandlung. „Ganz wesentlich für Kinder ist, dass ihr Alltag weitergeht“, sagt Prof. Charlotte Niemeyer, Ärztliche Direktorin der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie in Freiburg. „Dazu gehören auch die Schule und die Freunde. Insgesamt legen wir großen Wert darauf, dass die Normalität des Familienlebens ein Stück erhalten werden kann.“

Psychosoziale Unterstützung

In Kliniken ist normales Familienleben zwar kaum möglich, trotzdem – oder gerade darum – bekommen die kleinen Patienten und ihre Angehörigen aber viel Unterstützung. „Für die erfolgreiche Behandlung von erkrankten Kindern ist die psychosoziale Unterstützung auf den Stationen sehr wichtig“, sagt Jens Kort, Geschäftsführer der Deutschen Kinderkrebsstiftung.

Ursache und Verlauf der Krankheit

  • Ungeklärtes: Woher kommt Krebs bei Kindern? Da tappen die Forscher noch im Dunkeln, zumindest teilweise. „Krebserkrankungen bei Erwachsen brauchen oft sehr lange, bis sie entstehen“, sagt Prof. Charlotte Niemeyer, Ärztliche Direktorin der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie in Freiburg. „Hier spielt Lebensstil und Ernährung eine Rolle.“ Bei Kindern kann dies natürlich nicht der Fall sein – denn Kinder haben noch nicht so lange gelebt.

  • Grund: Ausschlaggebender Grund für die Erkrankung sind oft Fehlbildungen: „Die Krebszelle hat sich schon sehr früh, meist im Mutterleib, gebildet“, sagt Niemeyer. Sie kommt später im jungen Leben des Kindes zum Ausbruch. Welche Ursache zu diesem Ausbruch führen, ist bisher noch unbekannt.

„Da spielen Elternvereine und Selbsthilfeorganisationen eine große Rolle“, sagt der Experte. „Ohne private Initiativen wären die meisten Angebote gar nicht möglich.“ Psychologen und Sozialarbeiter sind zum Beispiel im Einsatz, auch Kunst- oder Musiktherapien können Kindern beim Umgang mit der Erkrankung helfen. Dazu gibt es digitale Projekte, durch die sie weiter am Schulunterricht teilnehmen können.

Psychische Entlastung

Wichtig sind auch Angebote für die Geschwister der jungen Patienten: „Es ist in den meisten Familien natürlich häufig so, dass das erkrankte Kind im Mittelpunkt steht und Geschwister in der Aufmerksamkeit in den Hintergrund rücken“, sagt Kort. „Deshalb kann es vorkommen, dass Geschwisterkinder sogar verhaltensauffälliger sind als die Patientenkinder.“ Um das abzufangen, gibt es für die Geschwister Betreuungs- und Gesprächsangebote, außerdem werden gemeinsame Freizeitaktivitäten angeboten.

Wenn ein Kind krank ist, ist das für die ganze Familie eine enorme psychische Belastung. Foto: Carmen Jaspersen/dpa
Wenn ein Kind krank ist, ist das für die ganze Familie eine enorme psychische Belastung. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Auch für die Unterbringung der Familien in der Nähe der Klinik ist in vielen Fällen gesorgt: „Es gibt viele Elternvereine, die Elternhäuser bereitstellen“, sagt Kort. Hier können die Familien oder ein Elternteil in der Zeit der Behandlung wohnen – in der Regel zu einem Satz, der dem entspricht, was von den Krankenkassen erstattet wird. Eine Alternative wäre oft nur ein Hotel. Für Familien hat das nicht nur finanzielle Vorteile: „Natürlich sitzt man in den Elternhäusern auch abends zusammen und tauscht sich aus“, sagt Kort. „Das verschafft zusätzlich eine psychische Entlastung.“

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