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Interview

Aufklärung ist das A und O

Dr. med. Udo Wildner, Allgemeinarzt, sieht bei der Verwendung von Antibiotika auch die Ärzte in der Verantwortung.
Von Angela Sonntag

Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. med. Andreas Müller, Dr. med. Evi Lohner und Yvonne Illichmann aus der Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis nimmt Dr. med. Udo Wildner an der Kampagne „Resist“ der kassenärztlichen Vereinigung teil, die auf einen sorgsamen Umgang mit Antibiotika aufmerksam macht. Foto: Wildner
Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. med. Andreas Müller, Dr. med. Evi Lohner und Yvonne Illichmann aus der Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis nimmt Dr. med. Udo Wildner an der Kampagne „Resist“ der kassenärztlichen Vereinigung teil, die auf einen sorgsamen Umgang mit Antibiotika aufmerksam macht. Foto: Wildner

Regensburg.Herr Dr. Wildner, als Einstieg eine einfache oder eher einfach klingende Frage: Wann braucht der Mensch Antibiotika?

Bei einem bakteriellen Infekt. Und zwar dann, wenn der Körper selbst nicht mehr in der Lage ist, die Infektion einzudämmen. Das heißt, dass ich nicht bei jedem bakteriellen Infekt sofort Antibiotika brauche. Bei einer Mandelentzündung beispielsweise kann es gut sein, dass sich der Körper nach zwei, drei Tagen wieder selbst regeneriert, ganz ohne Antibiotika. Wenn es nach drei Tagen nicht besser wird, das Fieber nicht sinkt und man sich schlechter fühlt, dann sind Antibiotika nötig. Auch, um weitere Komplikationen zu vermeiden. Und dann ist es auch sinnvoll.

Die „2-bis-3-Tage-Regel“ kann ich aber nicht generell auf Infektionen umlegen, oder?

Nein, natürlich kommt es auf den bakteriellen Infekt an. Bei einer Infektion des Unterhautgewebes beispielsweise muss ich schneller reagieren, denn die kann „explodieren“. Da ist ein Antibiotikum fast unabdingbar. Aber die erwähnte Mandelentzündung heilt in der Hälfte der Fälle ohne Antibiotika. Stattdessen mit Spüllösungen, Gurgeln, Lutschtabletten. Sogar bei einer eitrigen Nebenhöhlenentzündung wartet man ein bis zwei Wochen, denn in 80 bis 90 Prozent der Fälle geht sie von alleine wieder weg.

Schädigen Antibiotika das Immunsystem?

Nicht direkt. Antibiotika schädigen die körpereigene Bakterienflora, gerade die Darmflora. Aber das findet normalerweise in einem Ausmaß statt, in dem sich der Darm beispielsweise wieder relativ schnell regenerieren kann. Ebenso gibt es Maßnahmen mit Hefepilzen und Probiotika, mit denen man gegensteuern kann. Die Antibiotika sollten ja zudem recht spezifisch auf die bei dem Infekt beteiligten Keime reagieren.

„Bei einer Erkältung Antibiotika prophylaktisch zu verschreiben, ist ein Kunstfehler, da in den seltensten Fällen ein bakterieller Infekt folgt.“

Dr. Udo Wildner, Allgemeinarzt

Wann werden oftmals Antibiotika verschrieben beziehungsweise verabreicht, wenn es eigentlich nicht nötig wäre?

Manchmal werden Antibiotika bei Virus-Infekten verschrieben, wie bei Erkältungen. 90 Prozent dieser Erkrankungen werden rein durch Viren ausgelöst. Aber es wird vermutet, dass es ein bakterieller Infekt sein könnte, beziehungsweise werden die Antibiotika oft auch als „Prophylaxe“ verschrieben. Es kann schon sein, dass sich auf einen Virus-Infekt Bakterien „draufsetzen“. Wenn ein Patient eine Erkältung hat, sich schon wieder besser fühlt und auf einmal die Krankheit wieder zurückkommt, kann das bakteriell sein. Deshalb verschreiben viele Ärzte vorsorglich ein Antibiotikum. Das ist aber eigentlich ein Kunstfehler, weil der Verlauf in den seltensten Fällen so ist, dass Antibiotika wirklich vonnöten wären. Also eine Prophylaxe, die nicht gerechtfertigt ist.

Was kann ich als Patient bei der Einnahme von Antibiotika falsch machen?

Als Erstes natürlich, dass ich mich nicht nach der Dosis richte: Wenn die Vorgabe drei Tabletten am Tag sind, und der Patient nur eine nimmt. Zu wenig hilft auch zu wenig, dann werden Bakterien nicht vollständig abgetötet. Der zweite Klassiker ist, dass man die Antibiotika zu kurz nimmt. Wenn der Arzt die Anweisung gibt: „Bitte eine Woche lang einnehmen“ oder „Bitte die Packung aufbrauchen“, dann hat das Gründe. Der Mensch neigt aber leider dazu, dass er Medikamente absetzt, sobald es ihm besser geht. Antibiotika zeigen meist sehr schnell Wirkung, aber bis alle Bakterien abgetötet sind, muss man sie eben länger einnehmen. Bleiben Restbestände der Bakterien, kann auf einmal der Infekt wieder aufflammen, der dann meist sogar stärker ist. Und noch dazu züchtet man sich so seine körpereigene Resistenzlage, weil die übrig gebliebenen Bakterien die Informationen weitergeben können.

Wie entstehen sonst Resistenzen?

Wenn ich ein Antibiotikum zu oft nehme, kann es zwar sein, dass ich die krankmachenden Bakterien damit abtöte, aber andere Bakterien, die sich naturgemäß im und auf dem Körper aufhalten und erstmal keine negative Auswirkung hätten, nehmen die Information auf und geben sie dann weiter. So können sie Resistenzen auf- und ausbauen. Die Probleme sind also zu geringe Dosierung, zu kurze Einnahmedauer, zu häufig das gleiche Präparat.

Was hat es mit den Breitband-Antibiotika auf sich?

Zuerst sollte man mit den sogenannten „Firstline“-Antibiotika behandeln, denn die wirken relativ spezifisch auf die infrage kommenden Bakterien. Diese Antibiotika wirken also nicht breit, sondern relativ zielgerichtet auf einzelne Keime. Sollte diese Medikation dann nicht wirken, liegt entweder eine Resistenz vor oder es ist ein anderer Keim. Gerade im ambulanten, hausärztlichen Bereich ist es manchmal schwierig, die Keime durch viele Tests genau nachzuweisen. Deshalb wird dann, wenn die „Firstline“-Antibiotika nicht anschlagen und ein Bakterien-Nachweis zu aufwändig ist, breiter gearbeitet, also mit Breitband-Antibiotika. Diese Antibiotika sollten aber mit Bedacht und selten eingesetzt werden, denn wenn Bakterien darauf resistent werden – was ja schon immer häufiger passiert – stehen wir vor einem großen Problem. Seit vielen Jahren kommt kein neues Antibiotika-Konzept mehr auf den Markt. Momentan gibt es nur Abkömmlinge von den Antibiotika, die bereits vorhanden sind. Daher ist die enge, zielgerichtete Therapie unglaublich wichtig.

Kann man schon vorhandene Resistenzen vorab erkennen oder erst, wenn das Antibiotikum nicht hilft?

Relativ einfach geht das beispielsweise bei einer Blasenentzündung. Nach einer Urinprobe weiß man innerhalb von drei Tagen relativ sicher, welche Bakterien die Beschwerden verursachen. Daraufhin kann man eine Resistenztestung machen und dann dementsprechend gezielt therapieren beziehungsweise herausfinden, gegen welche Antibiotika die Bakterien resistent sind.

Was kann ich als Patient machen, um zu häufige Antibiotika-Therapien zu vermeiden?

Das sind die klassischen Dinge: Immunsystem stärken, durch viel Rausgehen an die frische Luft, gesunde Ernährung mit Obst und Gemüse, körperliche Bewegung. Nicht nur schonen, sondern sich auch ohne zu frieren der Kälte aussetzen. Das Immunsystem muss gefordert werden. Die trockene Heizungsluft im Winter ist nicht unbedingt gesund, also für Abwechslung sorgen. Und ganz viel trinken. Wenn man die Schleimhäute feucht hält, hat man schon mal den besten Abwehrmechanismus. Bei einem Virus-Infekt gilt: schonen und vor allem auskurieren. Nicht mit Schmerzmitteln dopen, die dem Körper vorgaukeln, wieder fit zu sein. Dann kommt es normalerweise auch nicht zu einer bakteriellen Infektion und Antibiotika können vermieden werden. Viel schlafen, viel trinken sind die beiden goldenen Regeln und auch oft wirksamsten Maßnahmen, um schnell wieder gesund zu werden.

Und was können Ärzte tun, um den Einsatz von Antibiotika zu verringern?

Aufklärung! Ich muss mir die Zeit nehmen, um meinem Patienten zu erklären, ob, wann und warum Antibiotika nötig sind. Oftmals sitzen Patienten beim Arzt, wollen Antibiotika, weil sie der Meinung sind, nur das macht sie schnell wieder gesund. Und leider gibt es immer noch einzelne Kollegen die sehr schnell wegen banalen Infekten Antibiotika verschreiben. Das ist jedoch zum Glück weiter rückläufig, auch dank solcher Kampagnen wie „Resist“ der kassenärztlichen Vereinigungen, die darauf aufmerksam machen, Antibiotika achtsam einzusetzen. Nach dieser Kampagne ist die Antibiotikaverordnungsrate bereits um ein paar Prozentpunkte gesunken. Die Sensibilität steigt also auch bei den Ärzten. Die Aufklärung ist einfach das A und O, sowohl beim Patient, als auch unter den Ärzten. Denn wir sind diejenigen, die Antibiotika verschreiben.

Gibt es Alternativen zu Antibiotika? Stichwort Alternativmedizin und Homöopathie?

Als Allererstes gilt: Antibiotika vermeiden, so gut es geht. Mit pflanzlichen Mitteln kann ich beispielsweise bei Blasenentzündung erfolgreich behandeln. Naturheilkunde und Hausmittel bewirken häufig sehr viel, wie beispielsweise die ätherischen Öle in der Zwiebel, die bei Mittelohrentzündung helfen. Das sollte man auch immer zuerst ausprobieren. Wichtig ist, den Verlauf einer Krankheit zu beobachten. Wenn ich die sichere Erkenntnis habe, dass es ein schwerer bakterieller Infekt ist und die Hausmittel einfach nicht mehr helfen, dann gibt es wenig Alternativen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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