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Interview

Warnzeichen nicht ignorieren

Dr. med. Lutz Röntgen, Gefäßchirurg und Endovaskularspezialist am Gefäßzentrum Regensburg über Behandlungen zu Venenleiden
Von Katia Meyer-Tien

Dr. med. Lutz Röntgen arbeitet am Gefäßzentrum Regensburg, das seit über 30 Jahren besteht. Vier Ärzte betreuen hier mehr als 10000 Patientenkontakte jährlich und führen etwa 1300 Operationen an den Venen durch. Foto: C. Mayer
Dr. med. Lutz Röntgen arbeitet am Gefäßzentrum Regensburg, das seit über 30 Jahren besteht. Vier Ärzte betreuen hier mehr als 10000 Patientenkontakte jährlich und führen etwa 1300 Operationen an den Venen durch. Foto: C. Mayer

Regensburg.Mit welchen Symptomen kommen Patienten zu Ihnen?

Patienten kommen, wenn plötzlich Gefäße an den Beinen zu sehen sind, die vorher nicht da waren. Oder Entzündungen der Haut auftreten, die nicht abheilen wollen. Leider ignorieren nicht wenige Patienten die typischen Warnzeichen wie Krampfadern oder juckende Hautekzeme, weil sie aus ihrem Umfeld erfahren haben, dass behandelte Krampfadern wiedergekommen sind. Man verkennt dabei, dass man, wenn man diese anfänglichen Symptome nicht ernst nimmt, häufig riskiert, eine ernsthafte Komplikation zu erleiden. Beispiele für solche Komplikationen sind ein offenes Bein, eine Thrombose oder eine Venenentzündung. Ohne zu dramatisieren: Wenn man bemerkt, dass man Krampfadern bekommt, bedarf es der Untersuchung durch einen Spezialisten.

In welchem Alter sind Ihre Patienten?

Venöse Erkrankungen betreffen jedes Lebensalter. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Wir beobachten, dass sich das Leiden häufig durch viele Generationen einer Familie verfolgen lässt. Es gibt wohl eine große genetische Disposition. Bei diesen Patienten kann die Problematik im Jugendalter auftreten. Die Veranlagung lässt sich leider nicht beseitigen, aber wir können im frühen Stadium so behandeln, dass zukünftig nicht mehr an gleicher Stelle eingegriffen werden muss. Ich vergleiche die Veranlagung zum Venenleiden gerne mit der Zahngesundheit. Auch hier gilt: Je früher eingegriffen werden kann, desto besser ist das Langzeitergebnis. Man muss akzeptieren, dass man eine derartige Erkrankung hat, und dafür sorgen, dass konsequent behandelt wird, bevor das Ausmaß so groß wird, dass auch die Eingriffe kompliziert und umfangreich werden.

Gibt es auch noch andere Faktoren, die Venenkrankheiten befördern können?

Wenn Menschen sehr statische Aufgaben zu bewältigen haben, also viel und lange Zeit auf einer Stelle stehen, sind das Umstände, die das Venensystem belasten.

Was ist mit Rauchen? Oder Übergewicht?

Wir wissen, dass Menschen, die rauchen und die womöglich noch ein Hormonpräparat einnehmen wie beispielsweise die Pille, stark thrombosegefährdet sind, das ist bei venösen Erkrankungen auch ein wichtiges Thema. Übergewicht fördert das Risiko zu erkranken ebenfalls. Nicht selten beobachten wir, dass sich ein Venenleiden im Verlauf der Schwangerschaft erheblich verschlimmern kann. Deshalb ist es ratsam für junge Frauen, die eine Schwangerschaft planen, die Beine in Augenschein zu nehmen und zu schauen: Könnte da ein Problem sein, das man besser noch vor Eintritt der Schwangerschaft angeht?

„Je früher eingegriffen werden kann, desto besser ist das Langzeitergebnis.“

Dr. med. Lutz Röntgen, Gefäßchirurg und Endovaskularspezialist

Nicht jede Krampfader ist gefährlich. Wann muss denn operiert werden?

Generell sind Krampfadern nur das Symptom, das auf eine für die Patienten oft nicht sichtbare, in der Tiefe liegende Problematik hinweist. Nicht jede Krampfader muss jedoch operiert werden. Es ist die Aufgabe des Gefäßspezialisten, das Ausmaß und damit das Risiko für den Patienten zu bestimmen und entsprechend zu beraten. Wenn ich einen jungen, ansonsten gesunden Menschen habe und ich weiß, es gibt in der Familienanamnese eine Prädisposition, dann werde ich die Krampfader, wenn möglich, entfernen. Wenn ich aber einen älteren Menschen habe, der möglicherweise auch Begleiterkrankungen hat, dann muss ich sehr genau abwägen, welche Strategie ich einschlage. Es gibt auch konservative Behandlungsmöglichkeiten, die in Einzellfällen hilfreich sind. Die Kompressionstherapie durch Kompressionsstrümpfe zum Beispiel. Oder Behandlungsmethoden, die nicht operativ sind, also, dass man ein Medikament in die Vene einspritzt, um die Vene zu veröden. Bis hin zu kleineren operativen Maßnahmen, wo die Krampfadern unter der Haut entfernt werden.

Nun sind Venen ja nicht ohne Grund im Körper. Kann man die einfach so entfernen?

Kranke Venen, ja. Die zu entfernende Krampfader ist eine Vene, die ihre eigentliche Funktion verloren hat und dem Patienten schadet. Unser Organismus ist reichhaltig mit gesunden Venen ausgestattet, die den Transport des Blutes übernehmen.

Was halten Sie von sogenannten „schonenden“ Alternativbehandlungen?

Sie müssen wissen: Fast jeder Zweite ist im Laufe seines Lebens mit dieser Problematik konfrontiert. Es handelt sich also um eine riesige Anzahl potenzieller Patienten, die mit ihren Fragen und Problemen auf uns zukommen. Demgegenüber steht nur eine relativ kleine Zahl von gut ausgebildeten Gefäßspezialisten. Anderseits ist das Bedürfnis groß, diese Patienten auch zu behandeln. Und es gibt eine Vielzahl von Behandlungsmethoden, die dem Patienten versprechen, besonders schonend zu sein, dabei aber oft ihr Ziel verfehlen.

Woran erkenne ich einen geeigneten Gefäßspezialisten?

An der Facharztbezeichnung! Das Führen der Facharztbezeichnung Gefäßchirurgie oder der Zusatzbezeichnung Phlebologie ist in Deutschland an strenge Kriterien gebunden und gewährleistet dem Patienten die nötige Kompetenz des Arztes. Leider ist die Durchführung der Therapie aber nicht an die Facharztkompetenz gebunden, so dass nicht jeder Therapeut auch über die nötige Expertise verfügt.

Gibt es denn in den vergangenen Jahren Neuerungen im Bereich der Therapien?

Ja, es hat in den letzten Jahren eine sehr starke Innovation gegeben: So genannte Katheterverfahren mit Radiowellen oder Laser, bei denen ein Teil der Krampfaderoperation durch den Einsatz von Kathetern ersetzt wird. Bei beiden Verfahren werden mit hoher Temperatur die Eiweiße in der Venenwand dazu gebracht zu schrumpfen und die Vene so verödet. Behandelt werden dabei die sogenannten Stammvenen, was einen Teil der herkömmlichen Operation ersetzen kann. Unsere Patienten bemerken dies durch Wegfall des ansonsten häufig nötigen Leistenschnittes. Eine größer werdende Anzahl von Krankenkassen übernimmt die Kosten der Behandlung bereits im Rahmen „Besonderer Versorgungsverträge.“

Ist das eine vielversprechende Methode?

Diese neuen Verfahren können für viele Patienten sehr segensreich sein. Unter anderem profitieren zum Beispiel ältere Patienten, bei denen man das operative Trauma gering halten oder denen man keine Narkose zumuten möchte. Es kann aber auch für jüngere Menschen eine echte Alternative sein, wenn der Einsatz der Methode gewissenhaft gegen herkömmliche Alternativen abgewogen wurde. Man muss aber wissen, dass man mit dem Katheterverfahren im Wesentlichen die Stammvenen behandelt, was immer nur einen Teil des operativen Aufwandes ausmacht. Der operative Eingriff im Bereich der sichtbaren Krampfadern bleibt also immer der gleiche. Das wird leider oftmals nicht so dargestellt, wenn gesagt wird, „wenn ich das mit Laser oder Radiofrequenz mache, brauche ich keine Operation.“ Das ist Unsinn.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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