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Initiative

Bienen als Botschafter für mehr Natur

Ein Volksbegehren will den Artenschwund in Bayern stoppen. Dafür gründet sich am Mittwoch ein Bündnis in Abensberg.
Von Martina Hutzler

Raps bringt weit höhere Erträge, wenn Bienen die Blüten anfliegen. In großflächiger Monokultur wird er allerdings zum Problem. Foto: Michael Reichel/dpa
Raps bringt weit höhere Erträge, wenn Bienen die Blüten anfliegen. In großflächiger Monokultur wird er allerdings zum Problem. Foto: Michael Reichel/dpa

Kelheim.Per Naturschutzgesetz das Artensterben stoppen: Darauf zielt das Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ ab. Im Kreis Kelheim formiert sich heute ein breites „Aktionsbündnis“, das dafür die Werbetrommeln rührt.

Denn „am Land“ sind die Sorgen von Imkern und Naturfreunden mittlerweile teils größer als in Stadtnähe, bestätigt zum Beispiel der Bad Abbacher Imker Tobias Niebauer: dann nämlich, wenn Spritzmittel und Mono-Kulturen den Bienen und anderen Insekten das Leben schwer machen.

Nicht vergiftet, aber verhungert

Das Verderben kommt heute schleichender daher, unauffälliger. Früher fanden Imkern mitten im Sommer plötzlich ein ganzes Bienenvolk tot im Stock, und ihnen war dann ziemlich klar: Die Tiere haben eine tödliche Dosis Spritzmittel abbekommen. Solche offensichtlichen Vergiftungen sind zwar seltener geworden, schildert Tobias Niebauer: Pestizide sind weiterentwickelt, die Anwendungsregeln verschärft worden. „Aber heute werden oft mehrere weniger giftige Spritzmittel kombiniert – und sind in der Summe trotzdem stark schädlich.“

Dazu kommen Mittel der berüchtigten Kategorie „Neonicotinoide“: Die töten zwar die Bienen nicht, schädigen aber ihr Nervensystem, so dass sie zum Beispiel orientierungslos sind. Das ist für das hochspezialiserte staatenbildende Insekt der Super-Gau: Die fürs Futtersammeln zuständigen Bienen finden nicht mehr zum Stock zurück – was schlimmstenfalls das ganze Volk verhungern lässt, schildert Markus Hämmerl, Essinger Vorsitzender der „Bienenflüsterer Niederbayern/Oberpfalz e.V.“. Hunger droht außerdem, weil Ackerflächen immer größer werden. Für kurze Zeit ist so zum Beispiel ein großes Rapsfeld ein reich gedeckter Tisch – aber nach der Blüte fällt die Riesenfläche komplett weg. Imker bringen daher mittlerweile an Ortsrändern, wo in Gärten und Grünflächen immer etwas blüht, ihre Völker oft leichter durch den Sommer als in der Feldflur.

Raps bringt weit höhere Erträge, wenn Bienen die Blüten anfliegen. In großflächiger Monokultur wird er allerdings zum Problem. Foto: Michael Reichel/dpa
Raps bringt weit höhere Erträge, wenn Bienen die Blüten anfliegen. In großflächiger Monokultur wird er allerdings zum Problem. Foto: Michael Reichel/dpa

Nicht nur Imker wie Hämmerl und Tobias Niebauer unterstützen daher im Landkreis Kelheim das Volksbegehren. Am Mittwoch, 9. Januar, um 19.30 Uhr wird im Abensberger Gasthof Jungbräu das Aktionsbündnis öffentlich gegründet; schon im Vorfeld haben mehrere Organisationen ihren Beitritt zugesagt, berichtet Koordinatorin Lucia Gruber: Bund Naturschutz-Kreisgruppe, Alpenvereins-Sektion Kelheim, Kreis-Fischereiverein, Kreis-Jagdverband, die Grünen, die Kelheimer „Bioland“-Gruppe, die Waldbesitzervereinigung Kelheim-Thaldorf. Mit Herbert Blascheck hat sogar schon ein CSU-Bürgermeister Unterstützung signalisiert, ergänzt ÖDP-Kreisvorsitzender Peter-Michael Schmalz, der Initiator des Aktionsbündnisses. Die breite Front sei aber auch mehr als nötig, ergänzt Schmalz.

Das Volksbegehren

  • Das Volksbegehren:

    „Rettet die Bienen!“ – mit diesem Volksbegehren wollen die Initiatoren erreichen, dass das bayerische Naturschutzgesetz um etliche Vorschriften zugunsten der Artenvielfalt erweitert wird. Fast 95 000 Menschen im Freistaat haben voriges Jahr dafür bereits unterschrieben. So nahm das Volksbegehren eine erste Hürde nahm: die Zulassung durch das bayerische Innenministerium.

  • Die Anforderung:

    Die zweite Hürde, die jetzt bevorsteht, ist allerdings weit höher: Vom 31. Januar bis 13. Februar müssten sich zehn Prozent aller wahlberechtigten Bayern in ihren Rathäusern in offizielle Listen eintragen, also rund 950 000 Menschen. Wird diese Mindestzahl erreicht, findet binnen sechs Monaten ein Volksentscheid über den Gesetzentwurf statt. Im Kreis Kelheim wären rein rechnerisch gut 8800 Unterschriften nötig.

  • Die Initiatoren:

    Die ÖDP hat das Volksbegehren angestoßen. Sie bildet mit dem Landesbund für Vogelschutz und den Grünen den „Trägerkreis“. Dem mittlerweile breiten „Unterstützer“- Kreis gehören weitere Parteien wie Linke und Bayernpartei an; Bund Naturschutz und andere Umweltverbände; Imker- und Öko-Landbau-Organisationen sowie einige Firmen wie die Bad Abbacher „OmniCert“.

  • Die Ziele:

    Im Naturschutzgesetz soll u.a. verankert werden: Förderung von Artenvielfalt und Öko-Landbau als Staatsaufgabe; verpflichtende 5-Meter-Schutzstreifen an Gewässern, ein Biotopverbund, der bis 2027 mindestens 10 Prozent des Offenlandes in Bayern umfasst; Verbot von Pestiziden in Biotopen und Einschränkungen im Grünland; ein Verbot, Grünland umzubrechen oder neu zu entwässern. (hu)

Die Biene ist zwar das „fliegende Aushängeschild“ des Volksbegehrens; ihr komplexes Verhalten fasziniert seit langem Wissenschaftler wie Laien gleichermaßen:

Spannend

Bauen mit Physik und Heizen mit Honig

In Forschungsprojekten wie „Smart Hobos Münchsmünster“ verraten Bienen so einiges aus ihrem hoch komplexen Zusammenleben.

Aber Bienen sind bei weitem nicht die einzig Betroffenen: Forscher beobachten in der gesamten Insektenwelt dramatische Arten- und Bestandsrückgänge. Darunter leidet die Bestäubung von Nutz- und Wildpflanzen. Außerdem fehlen die Insekten den Vögeln und anderen Tieren als Nahrung. So sind die Fledermaus-Bestände im Landkreis zwischen den 1960/70ern und 1988 um bis zu 90 Prozent gesunken, nennt Schmalz ein belegtes Beispiel. Und zudem belasten Pestizide auch die Gewässerwelt.

Einsicht bei Bauern wächst

Wichtig freilich ist zum Beispiel den Imkern, Bauern nicht pauschal zum Sündenbock fürs Insektensterben zu erklären. „Es gibt auch Landwirte, die sich sehr für Bienen einsetzen“, bekräftigt etwa Markus Hämmerl. Mit einem zusammen hat er bei Rothenbügl Blühwiesen angelegt. „Es bewegt sich was“, registriert auch Tobias Niebauer wachsende Einsicht bei Landwirten, dass der Schutz der Insektenwelt nicht zuletzt im eigenen Interesse liegt: „Bei Raps zum Beispiel steigt massiv der Ertrag, wenn die Blüten von Bienen beflogen werden.“ Besser ins Gespräch kommen müsste man halt noch, findet Niebauer: etwa, damit Bauern beim Spritzen und Mähen mehr Rücksicht auf Bienenvölker nehmen. Oder um über neue, schonende Techniken zu informieren, etwa die „Dropleg“-Spritzen, die unter statt auf die Blüte zielen.

Lucia Gruber betreut im Kreis Kelheim das Aktionsbündnis für das Volksbegehren „Rettet die Bienen“.Foto: Christian Preimesser
Lucia Gruber betreut im Kreis Kelheim das Aktionsbündnis für das Volksbegehren „Rettet die Bienen“.Foto: Christian Preimesser

Einen Grundsatzstreit zwischen Öko- und konventionellem Landbau will auch Aktionsbündnis-Managerin Lucia Gruber nicht machen aus dem Volksbegehren – obwohl sie und ihre Schwester Marlene seit kurzem selbst auf Bio-Landwirtschaft umgestellt haben. „Es wäre einfach wichtig, dass die Landwirtschaft nicht nur ausschließlich auf Höchst-Erträge schaut.“ Dafür aber „muss auch die Politik Regeln vorgeben“, schlägt die studierte Forstwissenschaftlerin und Agrarökologin den Bogen zum Naturschutzgesetz, das via Volksbegehren genau solche Leitplanken erhalten soll. Denn langfristig geht es in Grubers Augen um noch mehr als Biene und Blume: „Ohne Artenvielfalt brechen unsere ganzen Ökosysteme zusammen!“

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