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Landwirtschaft

Die neue Generation Hoferben

Die landwirtschaftliche Hofnachfolge wird nicht nur wegen der Digitalisierung zu einer neuen Herausforderung.
Von Rebecca Sollfrank-Großmann

Landwirte stehen in der Öffentlichkeit unter starkem Rechtfertigungsdruck. Aber nicht nur deswegen wollen viele junge Leute den Hof der Eltern nicht mehr übernehmen. Foto: Budimir Jevtic
Landwirte stehen in der Öffentlichkeit unter starkem Rechtfertigungsdruck. Aber nicht nur deswegen wollen viele junge Leute den Hof der Eltern nicht mehr übernehmen. Foto: Budimir Jevtic

Region.Als die alte Herrschaft mit über 90 Jahren endlich den Thron räumt, fühlt sich der Thronerbe selbst schon viel zu alt für die Nachfolge und letztendlich übernimmt direkt der Enkel. Hier geht es nicht um die englische Königin Elisabeth, ihren ewigen Thronfolger Charles und die junge Generation in Person von Prinz William. Es geht um einen besonders krassen Fall von Nachfolge in der Landwirtschaft, den Leopold Ritzinger, seines Zeichens Landwirtssohn, Bürgermeister und Mediator für Nachfolgefragen beim Bayerischen Bauernverband, erlebte.

„Unsere Landwirte sind im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zwar noch jung“, sagt Markus Peters, Pressesprecher des Bayerischen Bauernverbandes, „aber eine Welle im Generationswechsel ist in Sichtweite.“ 35 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebsleiter sind hierzulande unter 45 Jahre alt. In Italien sind es nur noch 13 und in Portugal gar nur neun Prozent. Laut einer Umfrage von 2010, so Peters, hätten jedoch nur 31 Prozent der damals über 45-Jährigen ihre Nachfolge bereits geregelt. Dabei sei der Wechsel in die neue Generation heute durchaus „ein Paradigmenwechsel“. Peters denkt dabei weniger an die Digitalisierung. „Junge Landwirte wollen heute eine gute Work-Live-Balance und sich nicht mehr nur für den Hof aufarbeiten.“

Die neue Generation muss weiterentwickeln

In Bayern sei die Wirtschaft zudem sehr erfolgreich und für manchen potenziellen Hoferben eine attraktive Alternative zur Landwirtschaft. Peters: „Das saugt Fachkräfte weg.“ Die Landwirtschaft stehe im Rahmen der Diskussionen über Insektensterben, Flächenverbrauch und umstrittenen Pflanzenschutz in der Öffentlichkeit unter starkem Rechtfertigungsdruck. Trotzdem sieht der BBV-Pressesprecher eine wesentliche Stärke. Hoferben müssten einen bestehenden Betrieb meist nur weiterentwickeln. „Eigentum ist nicht nur ein wichtiger Faktor für die bäuerliche Identifikation, sondern ein gutes Argument gegenüber Banken, wenn Investitionen anstehen.“ So oder so ist sich Peters sicher, „wer heute eine Hofnachfolge stemmt, ist nicht nur leidenschaftlich, sondern gut ausgebildet“.

Duales Studium, Politik und ein Praktikum in Kanada

Jakob Zwingel ist ein Paradebeispiel für die „hohe Bildungsbereitschaft“, die Anton Dippold, Leiter des Referats „Bayerische Agrarpolitik, Sonderaufgaben, Agrarstatistik, Wirtschaftsbeobachtung“ im Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, den Junglandwirten attestiert. Der 23-jährige Mittelfranke machte sein Abitur an der Fachoberschule Triesdorf und startete 2015 neben seiner Ausbildung zum Landwirt ein duales Landwirtschaftsstudium. Selbst die Semesterferien nutzte der umtriebige Junglandwirt zur Weiter-Bildung, im wahrsten Sinne. Sein zweimonatiges Auslandspraktikum in Kanada stellt sicher immer noch eine Ausnahme in der bayerischen landwirtschaftlichen Ausbildung dar.

Der Mediator Leopold Ritzinger stammt selbst aus einem Hof. Seit vielen Jahren engagiert er sich neben seinem Bürgermeisteramt in der Verbandsarbeit. Foto: Ritzinger
Der Mediator Leopold Ritzinger stammt selbst aus einem Hof. Seit vielen Jahren engagiert er sich neben seinem Bürgermeisteramt in der Verbandsarbeit. Foto: Ritzinger

Zu Semesterende wird Zwingel seinen Gesellen in der Tasche haben. Im Studium geht es mit dem Bachelor in Agrarökonomie noch bis März 2020 weiter. Neben der persönlichen Bildung ist Zwingel politisch engagiert. Seit Dezember 2018 ist er Mitglied im Arbeitskreis Agrarpolitik der Bayerischen Jungbauernschaft. Als „Digital Native“ sagt er, wenig verwunderlich: „Die technische Weiterentwicklung in der Landwirtschaft sehe ich nicht als Problem. Es geht um die Stimmung der Landwirte, die in Mitleidenschaft gezogen ist.“ Der Gedanke ans Aufgeben sei unterschwellig bei vielen Hoferben vorhanden. Den Trend zum Nebenerwerb, der sich laut Experten beim nächsten Generationswechsel auf den Höfen noch verstärken wird, sieht Zwingel zweischneidig. „Wenn der Nebenerwerb zur Leidenschaft des Juniors wird, ist das ein gutes Modell. Aber uns sollte klar sein, dass Nebenerwerb die Enkelgeneration noch weiter von der Landwirtschaft entfernt.“ Nach Zwingels Einschätzung wird mit dem Nebenerwerb die Anzahl der viehlosen Betriebe steigen. Bei der Feldarbeit müsse man zwar in der Erntesaison 60 Stunden in der Woche arbeiten, „aber im Winter eröffnen sich Freiräume, die man in der Viehhaltung das ganze Jahr über nicht hat“. Zwingel selbst stellt eindeutig den Vollblutlandwirt der neuen Generation dar. Der Vorstand der „Triesdorfer Schüler und Studenten e.V.“ hält nach eigenem Bekunden viel vom alten Wissen der Väter, will aber genauso sein neues Wissen aus dem Studium mit einbringen. „Gelerntes anwenden, altes Wissen nutzen“, lautet sein Credo für die Zukunft. Die Rolle des Seniors am Hof hält er dabei für sehr wichtig. „Übergeben heißt nicht übergangen werden!“

„Wenn der Nebenerwerb zur Leidenschaft des Juniors wird, ist das ein gutes Modell. Aber uns sollte klar sein, dass Nebenerwerb die Enkelgeneration noch weiter von der Landwirtschaft entfernt.“

Jakob Zwingel, Junglandwirt

Für Ministerialrat Anton Dippold kann die landwirtschaftliche Wertschöpfungskette nur gestärkt werden, „wenn die landwirtschaftlichen Unternehmer der Zukunft einen stabilen Rechtsrahmen vorfinden“. Die gefühlte Orientierungslosigkeit darüber, was Politik und Gesellschaft von den Bauern erwarteten, müsse überwunden werden. Eine wesentliche Rolle kann dabei die Mitsprache der Jungbauern spielen. Anfang Mai tagte zum ersten Mal die neue 38-köpfige Junglandwirte-Kommission, die die Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber einberufen hatte. Junge, agile und technologieaffine Bäuerinnen und Bauern sollen, so die Ministerin, in den agrarpolitischen Diskurs mit eingebunden werden. „Wir wollen den jungen Landwirten zuhören und ohne Scheuklappen diskutieren, was ihrer Meinung nach die bayerische Landwirtschaft zukunftsfähig macht.“

Miteinander reden ist das beste Rezept

Miteinander reden – für Leopold Ritzinger ist das der Knackpunkt bei einer gelungenen Nachfolge. „Als Mediator spürt man schnell, ob alle mit offenen Karten spielen.“ Ganz ähnlich wie bei der übrigen Wirtschaft wird das Thema „Übergabe“ gerne totgeschwiegen, bis es sich nicht mehr vermeiden lässt. Selbst wenn die Nachfolgephase schon eingeläutet sei, so Ritzingers Erfahrungen, bräuchten die Menschen immer noch Führung. Es komme durchaus vor, dass er eine Familie nach der Erstberatung mit der „Hausaufgabe“ zurücklasse, offene Fragen zu klären, beim nächsten Besuch sich jedoch herausstellt, dass nichts in der Richtung passiert sei.

Ist die Rente sicher?

  • Im August 2018 erklärte das Karlsruher Bundesverfassungsgericht die Hofabgabeklausel in ihrer bisherigen Form für verfassungswidrig. Sie besagte, dass Landwirte mit 65 Jahren ihr Eigentum am Hof überschreiben mussten, um aus den Pflichtzahlungen in die Landwirtschaftliche Alterskasse eine Rente zu bekommen. Wer also keinen natürlichen Nachfolger hatte, der ihm nach der Hofüberschreibung ein auskömmliches Austraggeld bezahlte, verlor sein Eigentum, weil er den Hof verkaufen musste, oder ging rententechnisch leer aus. Die Intention hinter der Klausel: Landwirte sollten nicht nur ihren Kindern, sondern Innovationen Platz machen. Dass die Klausel gekippt wurde, haben viele Landwirte begrüßt. Eine offizielle Nachfolgeregelung gibt es aber noch nicht. Bis dahin müssen aktuell betroffene Landwirte versuchen, sich die erwartete Rente zu erklagen.

Ritzinger steht noch vor einem ganz anderen Problem. Betrieb und Familie sind in der Landwirtschaft meist viel enger verwoben als in einem Familienbetrieb anderer Wirtschaftssparten. Der Nachfolge-Mediator dringt hier als Fremder in etwas sehr Intimes ein. „Vertrauensaufbau und Wertschätzung sind die Währung, die ich erst einmal investieren muss.“ Dem weichenden Landwirtserben Ritzinger fällt das nicht schwer. Den Hof seiner Eltern hat der Bruder übernommen. Ritzinger entschied sich für die bäuerliche Verbandsarbeit. Unter anderem arbeitete er lange Jahre im BBV-Computerdienst. Dass er „nebenbei“ Bürgermeister der Gemeinde Zenting im Landkreis Freyung-Grafenau ist, qualifiziert ihn zusätzlich. „Schließlich muss ein Bürgermeister genauso zwischen unterschiedlichen Interessen vermitteln.“

Kartoffeln sind die Spezialität der Familie Zwingel. Zwei der drei Söhne steigen in die Landwirtschaft ein. Im Vordergrund Jakob, der demnächst sein duales Studium beendet. Hinten links sein Bruder Peter, der seit 2016 Mitgesellschafter im Betrieb ist. Foto: Josef Scherm
Kartoffeln sind die Spezialität der Familie Zwingel. Zwei der drei Söhne steigen in die Landwirtschaft ein. Im Vordergrund Jakob, der demnächst sein duales Studium beendet. Hinten links sein Bruder Peter, der seit 2016 Mitgesellschafter im Betrieb ist. Foto: Josef Scherm

So unterschiedlich sollten die Interessen von Alt und Jung bei einer Hofübergabe doch eigentlich nicht sein. Es geht meist beiden um den Erhalt des Hofes und der findet bis auf Ausnahmen in der Landwirtschaft immer noch über die klassische Linie Eltern-Kinder statt. Mancher Bauer auf dem Altenteil mag sich angesichts immer digitalisierterer Maschinen oder dem inzwischen akademisch gebildeten Nachwuchs abgehängt vorkommen. So musste sich Ritzinger, der einen Lehrauftrag in der Landwirtschaftsschule Passau-Rotthalmünster hatte, schon mal anhören: „Du züchtest uns unsere Jungen ja so hoch.“ Nichtsdestotrotz ist der älteren Generation die gute Ausbildung der Nachfolger wichtig.

Mitreden ist das Ziel der Junglandwirte in der von Landwirtschaftsministerin Kaniber jüngst einberufenen neuen Kommission. Foto: Hauke Seyfarth
Mitreden ist das Ziel der Junglandwirte in der von Landwirtschaftsministerin Kaniber jüngst einberufenen neuen Kommission. Foto: Hauke Seyfarth

Der Teufel steckt bei der Nachfolge eher im Detail. Völlig unerwartete Kleinigkeiten können nach Ritzingers Erfahrung zum Scheitern führen. „Man übergibt ja nicht nur ein Unternehmen, sondern ein Stück Familiengeschichte“, betont der Mediator, der sich an einen ganz speziellen Fall erinnert. Eine Hofnachfolge war bestens vorbereitet. Es gab keinen Streit um den Ablauf oder das Finanzielle. Die Schwiegertochter in spe war im Hause gut gelitten. „Und dann hat der Hoferbe seinem Vater eröffnet, dass er nach der Heirat den italienischen Namen seiner Frau annehmen will. Das war das K.o.-Kriterium für den gesamten Nachfolgeprozess.“

Der ältere Part muss wirklich loslassen

Ganz so krass geht es natürlich nicht immer zu. Die Ausgestaltung des Austraggeldes – sprich die familiäre Rentenzahlung, die der Nachfolger dem Erblasser gegen die Eigentumsüberschreibung bezahlt – kann aber zum Zankapfel werden. Wie in dem einen Fall, als der Senior plötzlich ein horrend hohes Austraggeld verlangte, das der Sohn nicht hätte erwirtschaften können. Ritzinger stellte im Gespräch schließlich fest, dass der Sohn wohl in der Vergangenheit finanziell immer wieder mal Fehler gemacht hatte. Und der Vater wollte den Sohn mit Hilfe des Austraggeldes disziplinieren: „Wenn er spurt, kriegt er das Geld retour.“ Eine vielleicht verständliche, aus Ritzingers Sicht aber ungesunde Einstellung des Vaters. Ideal stellt er sich eine Übergabe so vor, „dass der ältere Part wirklich loslassen und sein Rentenleben neu definieren will“. So wie der Landwirt, der nach der Übergabe mit 65 noch einen Motorradführerschein machte, um endlich zu reisen. Doch selbst wenn die junge Generation die Mitarbeit des Seniors nach der Übergabe erbittet, sollte die Elterngeneration sensibel im Hintergrund bleiben. Denn: „Ratschläge sind auch Schläge.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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