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Wald

Erholungsort und Quell des Lebens

Die Deutschen haben eine besondere Beziehung zu ihrem Wald. Doch der Klimawandel macht ihm zu schaffen.
Von Renate Ahrens

Stichwort Klimawandel: Die Zukunft gehört den Mischwäldern. Foto: Guenter Albers
Stichwort Klimawandel: Die Zukunft gehört den Mischwäldern. Foto: Guenter Albers

Region.Wald ist für viele Menschen der Inbegriff von Natur. Doch das Idyll täuscht: Die prognostizierten Klimaveränderungen stellen unsere Ökosysteme vor große Herausforderungen – besonders auch den Wald. Gerade in der Oberpfalz sind weite Teile der Landschaft von Wald geprägt. In Bayern bedeckt er sogar rund 2,5 Millionen Hektar oder ein Drittel der Landesfläche. Außerdem: Im vorindustriellen Zeitalter war Holz der nahezu einzige Energielieferant und auch der bedeutendste Bau- und Werkstoff. Für jeden Bedarf hat die Bevölkerung deshalb die passenden Holzarten aus dem Wald gewonnen.

Besonders gut kann man das im Freilandmuseum Neusath-Perschen bei Nabburg erfahren. Hier stehen noch kleine Waldformen, die in der Oberpfalz üblich waren. Der Wald dort wird auch noch so bewirtschaftet, wie es im Verlauf der letzten 200 Jahre geschehen ist, und man beobachtet genau, welche Folgen sich daraus ergeben. Der Niederwald, die Waldweide, der Hutewald und der Auwald produzierten Hölzer, die für die unterschiedlichsten Dinge des Lebens gebraucht wurden.

Kommunen und Waldbesitzer rüsten ihre Wälder wegen des Klimawandels um

„In letzter Zeit spielt Holz wieder eine wichtige Rolle, denn die fossilen Rohstoffe gehen zur Neige und wir wissen, dass Plastik, Erdöl und Kohle eingespart werden müssen, um den Klimawandel zu stoppen“, erklärt Dr. Birgit Angerer, Leiterin des Freilandmuseums. Das Museum vermittle, wie wichtig der Wald ist, „weil er Luft, Boden und Wasser schützt und einen Artenreichtum enthält, der erhalten werden muss“. Überdurchschnittlich viele Wasserschutzgebiete liegen laut Dr. Angerer in Wäldern. Die meisten Häuser, die im Freilandmuseum stehen, sind in Block- und Fachwerkbauweise errichtet. Auch zahlreiche Möbel oder Geräte wurden früher aus Holz gefertigt.

Der Aufenthalt im Wald senkt nachweislich Stresshormone. Deshalb werden auch in Ostbayern immer mehr Kurse, wie hier im Bild der Kurs „Fit im Wald“, mit zertifizierten Gesundheitswanderführern angeboten. Foto: Ahrens
Der Aufenthalt im Wald senkt nachweislich Stresshormone. Deshalb werden auch in Ostbayern immer mehr Kurse, wie hier im Bild der Kurs „Fit im Wald“, mit zertifizierten Gesundheitswanderführern angeboten. Foto: Ahrens

Noch immer ist der Wald unverzichtbar. Waldbesitzer und Kommunen rüsten deshalb ihre Wälder für den Klimawandel und machen mit Aktionen darauf aufmerksam. Die bereits im Jahr 2015 gestartete „Initiative Zukunftswald Bayern“ hat zum Beispiel laut dem Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten dem Umbau labiler Nadelwälder in klimatolerante Mischwälder neuen Schwung verliehen. Die Anpassung der Wälder an den Klimawandel ist dem Ministerium zufolge eine der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft. Allein in den ersten zwei Jahren hatten in den bislang ausgewiesenen rund 60 Projektgebieten 1300 Waldbesitzer mehr als 800000 Bäume gepflanzt sowie Pflege- und Durchforstungsmaßnahmen durchgeführt.

Klimatolerante Mischwälder statt labiler Nadelwälder

Denn der von Experten erwartete deutliche Temperaturanstieg in den nächsten Jahrzehnten wird gerade in den warm-trockenen Regionen sowie im Alpenraum zu einer gravierenden Änderung der Wachstumsbedingungen für die Bäume führen. Der Wald müsse mit klimatoleranten Baumarten wie Tanne, Buche und anderen Laubbäumen angereichert werden. Nur so seien die Leistungen der Wälder für Rohstoffversorgung, Naturschutz und Erholung dauerhaft zu erhalten. „Das ist ein langfristiger Prozess“, erklärt Erwin Engeßer, ehemaliger Forstdirektor und Bereichsleiter Forsten im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Regensburg. Seit 40 Jahren arbeitete er mit und in den Wäldern. Gerade im Jura gebe es sehr vielfältige Baumsorten, sagt der erfahrene Förster. „Das ist etwas ganz Besonderes – und es ist uns erst bewusstgeworden.“

Das Walderlebniszentrum in Sinzing

  • Angebot:

    Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Regensburg unterhält bei Sinzing das einzige Walderlebniszentrum der Oberpfalz. Das Angebot richtet sich dabei an viele verschiedene Zielgruppen: vor allem an Schulklassen, aber auch an Familien, Erwachsene und Multiplikatoren. Nach dem Motto „Wald ist mehr als nur Holznutzung“ wird vermittelt, dass Wald auch den Boden schützt, sauberes Trinkwasser produziert, Klimaextreme dämpft, das Landschaftsbild abwechslungsreich erhält und Lebens- und Erholungsraum für Mensch und Tier ist.

  • Wachstum:

    Holzwächst in unseren Wäldern kontinuierlich nach – in jeder Sekunde entsteht so etwa ein Kubikmeter Holz in Bayern.

  • Jahresthema:

    Für den Landkreis Regensburg entspricht dies in etwa 14 000 LKW-Ladungen Holz pro Jahr oder 40 LKW-Ladungen pro Tag. Jahresthema sind heuer die Biodiversität und die biologische Vielfalt. Es sollen die Vielfalt im Wald, aber auch das Gefährdungspotenzial durch unsere Wohlstandsgesellschaft aufgezeigt werden. Im Walderlebniszentrum will man vor allem Mut machen und positive Beispiele darstellen, schließlich könne jeder seinen Beitrag zu mehr biologischer Vielfalt leisten. Der Walderlebnispfad des Walderlebniszentrums bietet dazu spannende und informative Stationen für ein breites Publikum.

  • Info:

    Alle Termine des Walderlebniszentrums findet man auf
    www.aelf-re.bayern.de

Besonders viel über den Wald diskutiert worden sei im Jahr 1990, erinnert sich Engeßer. Damals wüteten die Jahrhundertstürme Wiebke und Vivien über weite Teile Europas und brachten große Schäden mit sich. Nun ist es die Trockenheit, die Sorge bereitet. „Es gab drei Käferjahre in Folge“, sagt Engeßer. Damit spricht er den Borkenkäfer an, aber nicht nur: „Klimaerwärmung erkennt man als Erstes an Insekten, die sich vermehren.“ Eichenprozessionsspinner oder Schwammspinner seien ebenfalls auf dem Vormarsch. Die Aufgabe der Waldverantwortlichen ist es deshalb, mischbaumreich zu pflanzen, sagt auch Engeßer – so, wie es unsere Vorfahren schon getan haben, was allerdings etwas in Vergessenheit geraten sei. „Unsere Vorfahren haben bereits gewusst, wie man den Zukunftswald gestalten muss“, betont der Fachmann. „Sie haben sehr mischbaumartenreiche, wertvolle und naturnahe Wälder geschaffen. Zum Beispiel sieht man heute nur noch wenige Elsbeer-Bäume, doch gerade sie sind wärmeliebend und haben wertvolles Holz.“ Jeder Einzelne könne viel zum Schutz des Waldes und zum Klimaschutz beitragen. „Man sollte zum Beispiel viel mehr mit Holz bauen“, rät Engeßer. „Das ist dauerhaft fixiertes Kohlendioxid.“

Wälder werden als nachwachsender Baustoff-, Brennstoff- und Biomasselieferant anstelle der zur Neige gehenden fossilen Rohstoffe und Energieträger immer wichtiger. Erwin Engeßer: „Wir müssen runter von diesem Wohlstand. Aber das wollen die Leute nicht gerne hören. Wir entziehen unseren Nachkommen die Lebensgrundlage, wenn wir so weiterleben. Ein wichtiger Baustein dabei ist der Wald.“ Tragendes Fundament müssten Baumarten sein, die mit der prognostizierten Klimaerwärmung in den nächsten 50 bis 100 Jahren gut zurechtkommen.

Der Wald mahnt uns, in Generationen zu denken

Im vergangenen Jahr haben Ministerpräsident Dr. Markus Söder und Forstministerin Michaela Kaniber gemeinsam mit den forstlichen Verbänden einen „Waldpakt“ unterzeichnet. Laut Söder ist Bayern „deutsches Waldland Nummer eins“. „Rund 2,6 Millionen Hektar Wälder prägten die bayerische Landschaft, aber auch Brauchtum und Kultur.“

Auf die Bedeutung des Waldes soll außerdem eine Sonderausstellung unter dem Motto „Das richtige Holz“ im Museumsgebäude „Paulerverl“ im Freilandmuseum Neusath-Perschen aufmerksam machen. Holz und Wald waren und sind nützlich und vielfältig – so lautet die zentrale Botschaft. Nicht nur die Entwicklung und Nutzung, sondern auch die Verwendung von Holz als Bau-, Brenn- und Werkstoff werden mit Blick auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft thematisiert. So wird in der Küche des rund 300 Jahre alten Hofes auf Holz als Brennstoff eingegangen, im Stallbereich der Rückgriff der Landwirtschaft auf den Wald thematisiert und in dem als Lagerraum genutzten Dachgeschoss die Nutzung von Holz als Werkstoff veranschaulicht. In der Stube steht das Bauen mit Holz im Vordergrund. Drei weitere bespiegelte Räume in beiden Stockwerken zeigen die Waldgeschichte und Baumvielfalt. Das Thema sei schier unerschöpflich, erklärt Dr. Angerer. „Der Wald mahnt uns, in Generationen und nicht nur an morgen zu denken.“

Erwin Engeßer, ehemaliger Forstdirektor und Bereichsleiter Forsten im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Regensburg, setzt sich für das Pflanzen von Baumarten ein, die mit der prognostizierten Klimaerwärmung in den nächsten Jahren gut zurechtkommen. Foto: Engesser privat
Erwin Engeßer, ehemaliger Forstdirektor und Bereichsleiter Forsten im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Regensburg, setzt sich für das Pflanzen von Baumarten ein, die mit der prognostizierten Klimaerwärmung in den nächsten Jahren gut zurechtkommen. Foto: Engesser privat

„Heute“, führt Angerer aus, „steht nicht mehr nur die ökonomische Waldnutzung im Vordergrund. Noch wichtiger ist der ökologische Nutzen, der den Wald für uns überlebenswichtig macht. Der Wald hat die Fähigkeit, durch Verbrennung entstandenes Kohlendioxid wieder in organische Substanz zu verwandeln. Der Wald kann Wasser binden und Bodenerosion verhindern.“ Solche Zusammenhänge erklären die Forstwirte Schülern im Freilandmuseum jedes Jahr bei der Weltwasserwoche, einer der größten Umweltbildungsveranstaltungen Bayerns.

Natürlich stellt der Wald für die Menschen auch einen Erholungsort dar – und das wissen immer mehr zu schätzen. „Es ist wissenschaftlich erwiesen“, erklärt Diplom-Geografin Birgit Simmeth, Gebietsbetreuerin für den Naturpark Oberpfälzer Wald, „dass der Aufenthalt in der Natur das Stresshormon Cortisol senkt. Waldspaziergänge beugen unter anderem psychischen Erkrankungen vor und helfen bei deren Heilung.“ Aus Japan, berichtet Simmeth, schwappt neuerdings die Bewegung des „Waldbadens“ zu uns herüber – Shinrin-Yoku genannt. An den Universitäten des Landes gebe es die fachärztliche Spezialisierung „Waldmedizin“. Und bis zu fünf Millionen Japaner nutzen jedes Jahr die angelegten Wege eines nationalen Erholungswaldes.

Fachleute sind sich sicher: In Zukunft kommt dem Holz als Baustoff hinsichtlich des Klimaschutzes eine höhere Bedeutung zu. Schließlich sei Holz „fixiertes Kohlendioxid“. Foto: Renate Ahrens
Fachleute sind sich sicher: In Zukunft kommt dem Holz als Baustoff hinsichtlich des Klimaschutzes eine höhere Bedeutung zu. Schließlich sei Holz „fixiertes Kohlendioxid“. Foto: Renate Ahrens

„Da Wälder Erholung versprechen, haben sich ausnahmslos alle fünf Oberpfälzer Naturparke nach den Eigennamen der Wälder in der Region benannt“, sagt Simmeth. Im Uhrzeigersinn beginnend sind das im Norden der Steinwald, der Nördliche Oberpfälzer Wald, der Oberpfälzer Wald, der Obere Bayerische Wald und der Hirschwald. Darüber hinaus reicht noch ein kleiner Anteil des Naturparks Fränkische Schweiz – Frankenjura – in den Oberpfälzer Landkreis Amberg-Sulzbach. Es gibt dort sehr viele Möglichkeiten, den Wald zu erkunden und zu erleben: zu Fuß, per Rad, über Lehrpfade, Aussichtstürme, Burgen, Aktionen wie Geo-Caching, Waldbaden, Kurse wie „Fit im Wald“ und, wenn man noch sehr jung ist, über Waldkindergärten.

Wander- und Radwege laden zum „Waldbaden“ ein

Zahlreiche örtliche und überörtliche Wanderwege führen durch den Wald, etwa der Goldsteig, der Nurtschweg, der Jurasteig, der Erzweg und viele andere mehr. Zudem lässt sich der Wald auf vielen Radwege entdecken, wie auf dem Bayerisch-böhmischen Freundschaftsweg oder dem Bocklradweg. „Die Waldpädagogik ist im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden“, sagt Simmeth. Auch bei den staatlichen Forstbehörden nehme sie einen hohen Stellenwert ein. Förster und andere in der Umweltbildung aktive Personen bieten auf Anfrage zahlreiche waldpädagogische Veranstaltungen an.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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