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Klimaforschung

Forschungsschiff friert in Arktis ein

Mammutexpedition mit Forschungseisbrecher: Von Packeis umschlossen soll die „Polarstern“ ein Jahr durch die Arktis treiben.
Von Janet Binder

Der Eisbrecher „Polarstern“ soll ein Jahr lang eingefroren im Packeis über die Polkappe driften. Foto: Esther Horvath/Alfred-Wegener-Institut/dpa
Der Eisbrecher „Polarstern“ soll ein Jahr lang eingefroren im Packeis über die Polkappe driften. Foto: Esther Horvath/Alfred-Wegener-Institut/dpa

Bremerhaven.Markus Rex war schon oft in der Arktis – so oft, dass er die genaue Zahl der Reisen nicht benennen kann. Doch die Expedition, die den Klimaforscher im September zum Nordpol führen wird, ist einzigartig.

Zusammen mit einem internationalen Forscherteam wird er sich an Bord der „Polarstern“ des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) im Eis einfrieren lassen. Ein Jahr wird das Forschungsschiff mit dem Eis treiben – ein Mammutprojekt, das es in dieser Form noch nicht gab. „Ich habe schon viele Expeditionen mitgemacht, aber diese ist unvergleichlich“, sagt Rex, der die Fahrt leitet.

Klimawandel genauer verstehen

Von Februar bis Juni ist die zentrale Arktis eigentlich unzugänglich, weil das Eis dann selbst für Eisbrecher zu dick ist. Die „Polarstern“ soll vom Eis eingeschlossen ohne eigenen Antrieb über die Polkappe driften – nach dem Vorbild der Reise des Norwegers Fridtjof Nansen mit dem Segelschiff „Fram“ vor rund 125 Jahren. Ziel des 120-Millionen-Euro-Projekts „Mosaic“ ist es, den Klimawandel genauer zu verstehen. Die Arktis gilt als Frühwarnsystem für Klimaveränderungen, sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von allen Erdregionen am stärksten erwärmt.

Polarlichter am Nachthimmel über der „Polarstern“ bei einer Expedition 2013 im Weddellmeer. Foto: Stefan Hendricks/Alfred-Wegener-Institut, AWI/dpa
Polarlichter am Nachthimmel über der „Polarstern“ bei einer Expedition 2013 im Weddellmeer. Foto: Stefan Hendricks/Alfred-Wegener-Institut, AWI/dpa

Im Unterschied zur „Fram“ wird die „Polarstern“ nicht auf sich allein gestellt sein. Sie wird auf den ersten und letzten Abschnitten von anderen Eisbrechern versorgt. „Wir brauchen frische Lebensmittel und Treibstoffnachschub“, sagt Expeditionsleiter Rex. Die Schiffsschraube wird zwar die meiste Zeit stehen. Um die „Polarstern“ mit Wärme und Strom zu versorgen, wird der Motor dennoch an sein.

Zunächst fährt das Schiff von Norwegen aus entlang der sibirischen Küste und dann polwärts ins Eis hinein. Am Ziel angekommen hat das Team zwei Wochen Zeit, auf dem Eis ein Camp aufzubauen. An mehreren Stationen sollen Messungen im Meerwasser, im Eis und in der Atmosphäre vorgenommen werden. Während der Aufbauphase gibt es tagsüber gerade noch vier Stunden Dämmerlicht. „Das wird richtig hektisch. Ab der zweiten Oktoberhälfte wird es zappenduster“, sagt Rex.

Mehrere Gefahren lauern

Die Polarnacht ist nur eine von vielen Herausforderungen, die es im Vorfeld zu bedenken gibt. Seit Monaten laufen beim AWI die Vorbereitungen auf Hochtouren. Auch Notfallpläne müssen erstellt werden, zum Beispiel für den Fall, dass das Packeis auseinanderbricht, während Wissenschaftler darauf stehen. „Dann gilt es: Erst die Menschen in Sicherheit bringen, danach das Equipment“, sagt AWI-Ingenieurin Bjela König, die für die Gefährdungsbeurteilung zuständig ist.

Expeditionsleiter Markus Rex steht während einer „Polarstern“-Expedition auf dem Meereis. Im Herbst soll unter der Leitung von Rex die größte Forschungsexpedition in die zentrale Arktis starten, die es jemals gegeben hat. Der Eisbrecher „Polarstern“ soll dabei ein Jahr lang eingefroren im Packeis über die Polkappe driften. Foto: Alfred-Wegener-Institut/Helmhol/dpa
Expeditionsleiter Markus Rex steht während einer „Polarstern“-Expedition auf dem Meereis. Im Herbst soll unter der Leitung von Rex die größte Forschungsexpedition in die zentrale Arktis starten, die es jemals gegeben hat. Der Eisbrecher „Polarstern“ soll dabei ein Jahr lang eingefroren im Packeis über die Polkappe driften. Foto: Alfred-Wegener-Institut/Helmhol/dpa

Gefährlich könnten auch Eisbären werden. Damit die Forscher sicher auf dem Eis arbeiten können, werden bewaffnete Wachen eingesetzt. „Wir müssen genau klären, wie viele Teams gleichzeitig geschützt werden können“, so König. Erschwert werde die Arbeit der Wachen von der Dunkelheit und vom nicht seltenen, dichten Nebel in der Arktis.

AWI-Eisspezialist Marcel Nicolaus ist derweil dabei, die Anordnung der Stationen auf dem Eis zu koordinieren. „Die Anzahl sprengt jede bisher bekannte Dimension von anderen Expeditionen“, sagt der Physiker. Damit sich die Wissenschaftler nicht ins Gehege komme, müsse die Scholle genau aufgeteilt werden.

Umgebung reist mit

Ende 2019 will Rex zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Crewmitgliedern mit dem Begleitschiff „Admiral Makarow“ wieder nach Norwegen fahren, andere Forscher kommen dann neu an Bord. Alle Expeditionsteilnehmer bleiben nur zwei bis drei Monate am Stück. Auf weiteren Fahrtabschnitten im Jahr 2020 wird Rex wieder auf der „Polarstern“ sein.

Ein mit Helium gefüllter Fesselballon wird unweit des Forschungsschiffs „Polarstern“ von den Wissenschaftlern für den Aufstieg vorbereitet. Foto: Stephan Schoen/Alfred-Wegener-Institut/AWI/dpa
Ein mit Helium gefüllter Fesselballon wird unweit des Forschungsschiffs „Polarstern“ von den Wissenschaftlern für den Aufstieg vorbereitet. Foto: Stephan Schoen/Alfred-Wegener-Institut/AWI/dpa

In der Zeit dazwischen soll auf dem dann dicken Packeis mit Pistenraupen eine Flugzeuglandbahn präpariert werden. Im April 2020 soll das erste Versorgungsflugzeug landen können, wenn es für Eisbrecher kein Durchkommen mehr durchs Packeis geben wird. Sollte es den Beteiligten nicht gelingen, eine stabile Landebahn zu präparieren, kommen Langstreckenhubschrauber zum Einsatz.

Ein Camp samt Landepiste anzulegen ist deshalb möglich, weil das Eis zusammen mit der „Polarstern“ Richtung Süden driftet. „Unsere Umgebung reist mit uns mit“, erklärt Expeditionsleiter Rex. Solange, bis im Juni 2020 wieder die Schmelzperiode beginnt. Dann wird die „Polarstern“ zwischen Grönland und Spitzbergen wieder „ausgespuckt“ – und die Auswertung der vielen gewonnen Daten kann beginnen.

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