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Wettbewerb

Hunde mit tausend Talenten

Retriever treten beim Go South Cup zur simulierten Niederwildjagd an. Für Hunde und Halter ist das eine Herausforderung.
Von Melanie Bäumel-Schachtner

Dieser Hund bringt das Spielzeug, das die Jagdbeute simuliert, zurück. Schnelligkeit, Präzision und Arbeitswille sind gefragt. Fotos: Melanie Bäumel-Schachtner
Dieser Hund bringt das Spielzeug, das die Jagdbeute simuliert, zurück. Schnelligkeit, Präzision und Arbeitswille sind gefragt. Fotos: Melanie Bäumel-Schachtner

Bernried.Retriever sind echte Familienhunde und rangieren in den Charts der beliebtesten Begleithunderassen ganz oben. Doch oft wird vergessen, dass in Labrador Retriever, Golden Retriever, Flat Coated Retriever und Co. auch ein gehöriger Schuss Jagdhundeblut steckt. Gezüchtet wurden die beliebten Rassen eigentlich dafür, dass die Hunde nach dem Schuss dem Jäger die erlegte Beute bringen.

In England hat diese Form der Jagd eine lange Tradition. Dabei können die sonst so sanften Schmuser zeigen, welche Talente in ihnen schlummern. Gelegenheit dazu gibt Retrievern jedes Jahr der Go South Cup. Diese zu den hochrangigsten Wettbewerben in Europa zählende Prüfung simuliert eine Niederwildjagd und findet seit Beginn an in Bernried im Landkreis Deggendorf statt. Auch heuer waren wieder über 30 Hunde aus ganz Europa am Start und zeigten ihr Können.

„Quak, quak, quak“: Eine Pfeife simuliert das Schnattern einer Ente. Dann fällt hoch über den Dächern von Bernried ein Schuss. Vier Labrador Retriever sitzen eng am linken Fuß ihres Hundeführers, dazwischen die Richter. Sie vibrieren vor Aufregung, nachdem das Gewehr geknallt hat, dürfen aber noch nicht los pesen. „Number five“, sagt der Richter aus Frankreich, und der Hundeführer mit der „5“ am Oberarm schickt seinen schwarzen Labrador per Kommando los. Dieser schnellt nach vorne wie ein schwarzer Blitz, hochkonzentriert auf seine Aufgabe.

Hund kann selbstständig agieren

Was die Hunde in Bernried zeigen, ist das Ergebnis jahrelanger Übung. Der Labrador schießt über die Wiese. Der Hundeführer pfeift, und wie festgenagelt bleibt der Hund mitten im Schwung stehen. Der Arm des Menschen zeigt nach rechts, und er gibt seinem vierbeinigen Partner das Signal, in das Dickicht des Waldes einzudringen. Der Hund gehorcht und ist ab sofort komplett auf sich allein gestellt. Der Mensch sieht ihn nicht mehr. Doch das Tier hat gelernt, auch selbstständig zu agieren mit dem Ziel, die Beute aufzustöbern.

Auf der Lichtung in Bernried herrscht Totenstille, damit der Wettkampf nicht gestört wird. Die Richter aus Frankreich und England verfolgen jede Regung am Waldesrand. Da plötzlich taucht der Hund auf. Im Fang hat er keine echte Ente, sondern ein grünes Säckchen aus Stoff, mit Granulat gefüllt – den Dummy. Beim Go South Cup wird die Beute durch ein Spielzeug simuliert. Die Hunde sind dennoch mit vollem Ernst dabei. Der Labrador rennt mit schnellen, zielstrebigen Schwüngen durch das hohe Gras zurück zu seinem Halter und setzt sich vor ihm hin, den Dummy immer noch im Fang. Dieser gibt ihm das Signal, die Beute abzugeben, und der Labrador gehorcht. Der Richter macht sich Notizen. Dieses Team ist eine Runde weiter.

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Am Rande der Prüfung steht Günter Bläsius und beobachtet das Geschehen. Der Besitzer von zwei gelben Labrador Retrievern hat vor vier Jahren den Go South Cup ins Leben gerufen. Am Ende geht es für die Teilnehmer um den großen Wanderpokal, der Jahr für Jahr neu verliehen wird. Am Start sind ausschließlich Retriever. „Retriever sind ein Hund für den faulen Jäger, weil sie ihm die Beute bringen“, sagt der Chef-Organisator und schmunzelt. Am Start sind Hunde aus den sogenannten Arbeitslinien, die in der Regel kleiner, graziler und triebiger sind als die Vierbeiner aus den Show-Linien, die häufig als Familienbegleithunde ausgewählt werden.

Sie sind auch Familienhunde: Stephan Linz kommt mit seinem Labrador Toni bis aus Landau in der Pfalz.
Sie sind auch Familienhunde: Stephan Linz kommt mit seinem Labrador Toni bis aus Landau in der Pfalz.

So ein Hund ist auch Toni. Der junge schwarze Labrador geht mit Stephan Linz an den Start. Der ist aus Landau in der Pfalz angereist. „Am Go South Cup schätze ich das Miteinander und das tolle Gelände sowie die perfekte Organisation“, sagt Tonis Herrchen und trinkt einen Schluck Kaffee auf der Sonnenterrasse des Hotels Winterl, das schon von Beginn des Cups an der Treffpunkt für die wettkämpfenden Menschen und Hunde war. Hier verschnauft man zwischen den Prüfungen und kommt ins Gespräch. „Wir sind alle hundeverrückt, haben das gleiche Hobby und das gleiche Thema“, freut sich Günter Bläsius.

Klare Kommandos

Heute sind Teilnehmer aus fünf Ländern da. Am weitesten gereist ist ein Flat Coated Retriever aus Slowenien, der vor der Prüfung ganz retrievertypisch erst einmal im nahen Bach baden geht. Vorher dürfen die Hunde sich lösen und die Pfoten vertreten, beim Wettkampf ist dies verpönt. Es herrscht höchste Konzentration. Geübt werden können die Aufgabestellungen nur schlecht.

„Hase!“, ruft plötzlich einer der Helfer in der Warnweste, und wieder knallt ein Schuss. Ein Golden Retriever läuft los, und dieses Mal hat er einen Dummy aus Fell im Fang, den er brav abgibt. Wer etwas verkehrt macht, bekommt entweder Abzug oder scheidet aus. „Wir gehen nach einem K.o.-System vor“, erklärt Bläsius. Dabei hat auch der Mensch einen entscheidenden Anteil, denn er muss seine Kommandos und Handzeichen möglichst präzise geben, damit der Hund ihn verstehen kann. Wieder rennt ein Labrador los, reagiert aber plötzlich nicht mehr auf die Vorgaben seines Halters. Wedelnd steht er in der Wiese, geht nicht mehr vor und zurück.

Der Richter erklärt die Prüfung für beendet und den Labrador für ausgeschieden. Der Halter ruft ihn wieder zu sich zurück – und tätschelt ihn dennoch leicht am Kopf, ohne ein einziges böses Wort. „No problem“, sagt er zum Richter. Er zeigt: Die Hunde sind nicht nur Jagdgefährten, sondern auch bester Freund und echte Familienmitglieder.

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