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Tiere

Runter vom Sattel, rauf auf den Bock

Faszination Kutschefahren: In Niederbayern und der Oberpfalz ist das Einspannen von Pferden gerade wieder im Aufwind.
Von Kerstin Hafner

Anna Adlhoch mit ihrem Pony in der Fahrdressurprüfung auf Turnier. Foto: Elisabeth Adloch
Anna Adlhoch mit ihrem Pony in der Fahrdressurprüfung auf Turnier. Foto: Elisabeth Adloch

Region.Das Brautpaar verlässt die Kirche und vor dem Portal wartet eine geschmückte Kutsche – diesen Traum vom schönsten Tag im Leben erfüllen sich immer mehr Eheleute. Und es müssen nicht unbedingt weiße Pferde von imposanter Statur sein, weiß Simone Reiner aus Niedergebraching. „Ich bekomme auch viele Anfragen für unser Shetlandponygespann. Das ist witzig und gefällt den Hochzeitsgästen.“ Ihre Shetties sind gerade mal einen Meter große Ponyzwerge. Zusammen mit ihrem Mann betreibt sie seit drei Jahren einen Reit- und Fahrstall in Niedergebraching, bietet neben Pferdeausbildung, Reit- und Fahrunterricht auch sonntägliche Ausflugsfahrten mit der Kutsche, Geburtstags-, Jubiläums- oder Hochzeitsfahrten an – auch mit größeren Pferden.

Viele Fahrturniere in der Region und sogar eine WM in Deutschland

„Die Nachfrage steigt kontinuierlich“, berichtet Jürgen Reiner. „Rund ein Drittel der Anfragen kommt mittlerweile über E-Mail oder soziale Medien. Als Anbieter ist es wichtig, dass du innerhalb von maximal zwölf Stunden antwortest und die Plattformen regelmäßig fütterst.“ Wer bei Google das Schlagwort „Kutschfahrt“ in Kombination mit einem Landkreis eingibt, bekommt mittlerweile wieder einige Treffer. Im Bayerischen Wald werden in schneereichen Wintern auch romantische Pferdeschlittenfahrten angeboten. Simone Reiner lacht: „Wir hatten mal eine Anfrage für Hochzeitsfotos, aber es lag kaum Schnee. So haben wir den Schlitten mit dem Traktor auf eine Wiese gebracht, in die einzige Schneeverwehung gestellt, das Pferd davorgespannt und Standfotos mit dem Brautpaar gemacht. Man muss sich nur zu helfen wissen.“

Jürgen und Simone Reiner bieten mitihrem Reit- und Fahrstall Pferdeausbildung, Reit- und Fahrunterricht, aber auch sonntägliche Ausflugsfahrten mit der Kutsche, Geburtstags-, Jubiläums- oder Hochzeitsfahrten an – auch mit größeren Pferden. Foto: Hafner
Jürgen und Simone Reiner bieten mitihrem Reit- und Fahrstall Pferdeausbildung, Reit- und Fahrunterricht, aber auch sonntägliche Ausflugsfahrten mit der Kutsche, Geburtstags-, Jubiläums- oder Hochzeitsfahrten an – auch mit größeren Pferden. Foto: Hafner

Die patente Frau ist Schriftführerin beim Ponyzuchtverband Niederbayern-Oberpfalz und Trainer C Fahren.

„Die Bayerische Fahrervereinigung ist als Organisation gerade sehr bemüht, den Fahrsport in der Region zu pushen“, sagt sie. Nach einer gewissen Zeit der Flaute würden aktuell wieder mehr Turniere und auch mehr Kurse fürs Kutschenfahren angeboten.“ Dabei gebe es zwei Sparten: Wettbewerbe nach der Leistungsprüfungsordnung (LPO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) seien nur für Starter mit Basispass, Vereinszugehörigkeit und Leistungsabzeichen offen, Fahrturniere nach Wettbewerbsprüfungsordnung (WBO) dagegen ideal für Einsteiger oder junge Pferde, da sie weder eine Vereinszugehörigkeit noch eine Leistungsklasse voraussetzen.

„Alleine sitzt man als verantwortungsbewusster Fahrer nicht auf dem Kutschbock. Zum Glück nimmt sich immer jemand Zeit, mich zu begleiten – mein Freund oder meine Eltern.“

Anna Adloch, Verbandsmeisterin im Einspänner Niederbayern-Oberpfalz

Heuer findet in Niederbayern und der Oberpfalz ein aus vier Stationen bestehender „WBO-Cup Fahren“ statt. Das erste Turnier war schon im Mai, das zweite steigt am morgigen Pfingstmontag, 10. Juni, beim Labertaler Reitverein Mallersdorf, weiter geht es am 1. September in Oberpiebing bei Straubing und den Abschluss bildet das Turnier der Plattlinger Kutscher am 19. Oktober. „Unsere Ponys waren beim ersten Turnier schon recht erfolgreich dabei“, freuen sich die Reiners. „Mal schauen, wie es weitergeht.“

Für Zuschauer bieten sich 2019 in Bayern oder Deutschland aber noch viele Gelegenheiten, auch ganz große Könner an den Fahrleinen zu erleben. Absolute Saisonhighlights sind die Europameisterschaften der Vierspänner vom 15. bis 18. August in Donaueschingen und die Weltmeisterschaften der Zweispänner vom 12. bis 15. September in Drebkau/Brandenburg. Dazu kommen die Bayerischen Meisterschaften der Zwei- und Vierspänner zusammen mit den niederbayerisch-oberpfälzischen Verbandsmeisterschaften der Ein- und Zweispänner von 2. bis 4. August in Plattling, ein Nationenpreis für Zweispänner im Haupt- und Landgestüt Schwaiganger vom 4. bis 7. Juli und die Deutschen Jugendmeisterschaften vom 11. bis 14. Juli auf der Olympiareitanlage in München-Riem. Auf manchen Turnieren starten über 100 Teilnehmer.

Anna Adloch ist Verbandsmeisterin im Einspänner Niederbayern-Oberpfalz (links). Ihre Mutter ist Internationale Fahrturnier-Richterin. Foto: Hafner
Anna Adloch ist Verbandsmeisterin im Einspänner Niederbayern-Oberpfalz (links). Ihre Mutter ist Internationale Fahrturnier-Richterin. Foto: Hafner

Der logistische Aufwand für die Ausrichtung eines solchen Events ist ziemlich groß, vor allem bei den Vierspännern. Da reisen Teilnehmer mit bis zu sechs Pferden (Ersatzpferde) und zwei Kutschen an. Es müssen Remisen und mehrere Stallzelte bereitstehen. Ferner ist ein mindestens 40 mal 80 Meter großer Fahrplatz vonnöten (oder eine flache Wiese) und ein Aufwärmplatz derselben Größe, eventuell auch noch eine Geländestrecke von zehn bis 15 Kilometern Länge. Gefahren werden die Disziplinen Dressur, Hindernis (ein Kegelparcours) und Marathon.

Rasante Geländefahrt mit Brücken und Hindernissen

Marathon ist eine rasante Geländefahrt über Brücken und Hügel, durch Teiche und kleine Labyrinthe. Wer so etwas noch nicht gesehen hat, wird staunen, welche Manöver mit einem Pferdegespann im Galopp möglich sind. Voraussetzung hierfür ist ein speziell konstruierter ‚Sportwagen‘, der die ruppige Behandlung aushält – und geübte Beifahrer, die in engen Kurven mit ihrem Gegengewicht dafür sorgen, dass die Kutsche nicht umkippt. Fahrer und Pferde können so eine Prüfung nur mit viel Übung meistern. Wer solche Tiere nur mit Kraft lenken will, hat schon verloren. Ein gutes Gespann reagiert auf feinste Hilfen.

Regeln und Turnier-Disziplinen

  • Begleitung:

    2017 wurde von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung der Kutschenführerschein eingeführt, für das Fahren im Straßenverkehr ist er jedoch genauso wenig vorgeschrieben wie ein Fahrabzeichen. Nur für die Teilnahme an publikumsreichen Umzügen ist eine erfolgreich abgelegte Prüfung Voraussetzung. Beim freiwilligen Kutschenführerschein oder einem Fahrabzeichen lernt der Kutscher drei Dinge: richtiges Verhalten für Sicherheit im Verkehr, tierschutzrelevante Aspekte (zum Beispiel, dass der Wagen nicht zu schwer für das Pferd ist) und die von der Straßenverkehrsordnung vorgeschriebene Ausstattung (Reflektoren bei Tag, Beleuchtung bei Nacht, Feststellbremse und Betriebsbremse) sowie Begleitung durch einen Beifahrer.

  • Dressur:

    Im Dressurfahren stehen die Gymnastizierung des Pferdes und die akkurate Ausführung der geforderten Übungen im Vordergrund.

  • Hindernis:

    Beim Hindernisfahren durch einen Kegelparcours werden Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Gehorsam der Pferde abgefragt. Die Durchfahrten sind oft nur 20 Zentimeter breiter als die Fahrspur. Auf den Kegeln liegen kleine Bälle. Fallen sie herunter, gibt es Strafpunkte.

  • Marathon:

    Herzstück eines jeden großen Fahrturniers ist die Geländeprüfung mit ihren spektakulären Aufgaben und Wasserdurchfahrten. Anders als beim Reiten werden die Hindernisse hier in bestimmter Weise umfahren … und das möglichst schnell.

Anna Adlhoch aus Hauzendorf wurde 2018 Verbandsmeisterin Niederbayern-Oberpfalz. Sie ist die Tochter der ehemals erfolgreichen Fahrerin und mittlerweile internationalen Fahrturnier-Richterin Elisabeth Adlhoch. Anna ist 23 und fährt seit drei Jahren turniermäßig Einspänner. „Um ein konkurrenzfähiges Niveau und eine ideale Feinabstimmung zu erreichen, muss man wirklich viel trainieren“, sagt sie. „Zum Glück nimmt sich immer jemand Zeit, mich zu begleiten – mein Freund oder meine Eltern.“ Denn alleine sitzt man als verantwortungsbewusster Fahrer nicht auf dem Kutschbock. „Pferde sind Fluchttiere und können durchgehen, wenn sie sich erschrecken. Oder sie treten mal über die Stränge, dann ist es auch besser, zu zweit zu sein. Auf Turnieren ist ein Beifahrer vorgeschrieben.“ Leider nicht auf der Straße, findet Elisabeth Adlhoch: „Es ist manchmal schon abenteuerlich, mit welchen selbst zusammengezimmerten Gefährten einige Leute unterwegs sind, ohne Beleuchtung, ohne ausreichende Bremsen – und dann auch noch allein auf dem Bock.“ Eine freiwillige Prüfung wie den Kutschführerschein oder ein Fahrabzeichen zu machen, legt sie jedem Freizeitkutscher wärmstens ans Herz.

Allerdings weist sie auch auf einen Missstand hin: „Manche Verkehrsteilnehmer verhalten sich sehr rücksichtslos, fahren viel zu dicht auf, überholen zu schnell, schneiden beim Einscheren fast die Pferde vorne. Manche hupen sogar oder lassen den Motor aufheulen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Wir tun wirklich alles, um unsere Pferde gehorsam, verlässlich und verkehrssicher auszubilden, aber bei solchen Aktionen können dem gelassensten Tier die Nerven reißen.“ Ein panisches Pferd springe womöglich direkt vors Auto – eine lebensgefährliche Kollision für alle Beteiligten.

Das Fahren von Pferden hat tatsächlich eine längere Tradition als die Reiterei. Schon 1400 v. Chr. kannten die Hethiter ausgeklügelte Trainingspläne für ihre Streitwagenpferde. Überliefert sind sogar Anleitungen für Aqua- und Intervalltraining. Im antiken Olympia gehörten Wagenrennen zum Programm. Die heutige Königsklasse sind die Vierspänner, deren Weltmeisterschaften seit 1990 fester Bestandteil der Weltreiterspiele sind. Anders als im alten Rom, wo die Quadriga die Standardanspannung bei Pferderennen war, laufen heute nicht vier Tiere nebeneinander, sondern zwei ‚Stangenpferde‘ an der Deichsel und zwei ‚Vorderpferde‘ davor.

Mit seinen unterschiedlichen Gespannen ist Matthias Irrgang auf verschiedenen Messen und Shows zu Gast. Foto: Irrgang
Mit seinen unterschiedlichen Gespannen ist Matthias Irrgang auf verschiedenen Messen und Shows zu Gast. Foto: Irrgang

Matthias Irrgang betreibt in der Nähe von Bad Kötzting einen Ferienhof und ist ein äußerst versierter Viererzug-Fahrer. Er spannt dafür die Süddeutschen Kaltblüter seiner Hengststation ein, also richtig barocke Brauereipferde, wie man sie vom Wiesn-Auszug kennt. „Früher sind wir immer in Straubing mitgefahren, heute haben wir uns mehr auf Show verlegt“, sagt er. In unterschiedlichsten Anspannungen stellt er seine schweren Jungs dem Publikum in Pullman City oder im Schauprogramm einschlägiger Messen vor, zum Beispiel auf der „Faszination Pferd“ in Nürnberg oder der „Pferd International“ in München. Überall sind Fahrschaubilder ein Besuchermagnet, vor allem die imposanten Zehnerzüge.

Jedes einzelne Pferd muss top ausgebildet und gehorsam sein

Zehn Hengste spannt Irrgang zwar nicht vor den Wagen, aber er fährt das anspruchsvolle „Tandem“ (zwei Pferde voreinander), eine russische „Troika“ (drei Tiere nebeneinander) oder die ungarische Jucker-Anspannung mit fünf Pferden. Dabei lässt er es auch mal ordentlich krachen, so dass der Boden unter den gewaltigen Hufen im Galopp erzittert und die Zuschauer vor Begeisterung johlen. Je nach Anspannung müssen am Ende der Arena mehrere Tonnen Lebendgewicht präzise zum Stehen gebracht werden. „Dafür muss jedes einzelne Pferd top ausgebildet und gehorsam sein“, erklärt er. „Showpferde und Umzugspferde brauchen gute Nerven und Kaltblüter haben normalerweise ein ideales Gemüt für sowas, aber es gibt auch Zartbesaitete – für die ist lauter Beifall und Blasmusik einfach nix.“ Auf solche Seelchen warten dann andere Aufgaben: gemütliche Ausflugsfahrten mit Bayerwald-Urlaubern zum Beispiel.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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