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Qualzuchten

Wenn Hunde und Katzen nach Luft japsen

Es gibt Hunde- und Katzenrassen, die so gezüchtet werden, dass ihnen das Leben zur Qual wird. Gibt es endlich ein Umdenken?
Von Sabine Maurer

Atemnot, Röcheln oder Schnarchen: Auch Englische Bulldoggen gelten als überzüchtet, da die kurze Nase und das platte Gesicht Atemwege, Augen und Gehirn einengen. Foto: Emily Wabitsch/dpa-tmn
Atemnot, Röcheln oder Schnarchen: Auch Englische Bulldoggen gelten als überzüchtet, da die kurze Nase und das platte Gesicht Atemwege, Augen und Gehirn einengen. Foto: Emily Wabitsch/dpa-tmn

Frankfurt.Sie kriegen schlecht Luft und sind schnell erschöpft, ihre Zähne stehen kreuz und quer, die Augen tränen ständig, wegen ihres eingeengten Gehirns neigen sie zu neurologischen Ausfällen. Nach dieser Beschreibung würde wohl niemand einen solchen Hund züchten oder gar kaufen wollen – und doch liegen einige dieser Rassen sogar im Trend.

Alle kurznasigen Hunde wie Pekinesen, Möpse oder Bulldoggen leiden nach der Auskunft von Tierärzten mehr oder weniger unter diesen Symptomen. Weil das platte Gesicht einem Schönheitsideal entspricht, wurden die Rassen so gezüchtet. Atemwege, Augen und Gehirn sind bei den Tieren aus diesen Qualzuchten eingeengt – an die damit verbundenen Leiden der Vierbeiner hat wohl kaum jemand gedacht.

Blockierte Atemwege

Wie und ob die Tiere ihr Leiden zeigen, ist individuell verschieden. „Atemnot, Röcheln oder Schnarchen, ohne dass sich das Tier anstrengt, sind sichere Zeichen dafür, dass die Atemwege nicht frei sind“, sagt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund in Bonn. „Dies verursacht Angst und Panik. Das weiß jeder, der selbst schon mal Atemnot hatte.“

Nach der Meinung von Experten ist beim Thema Qualzuchten immer noch keine Trendwende in Sicht. Es sei ein langer und mühevoller Weg, sagt die Tierärztin Petra Sindern aus Neu Wulmstorf. Zumal Tiere wie der Mops und die französische Bulldogge immer noch sehr gerne in der Werbung eingesetzt werden.

Den Einsatz in der Werbung sieht auch der Verband für das Deutsche Hundewesen kritisch. Außerdem biete man Züchtern regelmäßig Schulungen an, in denen es um übertriebene Rassemerkmale geht – inklusive der Probleme, die daraus entstehen, so der Verband. Allerdings müsse man Geduld haben. Es brauche mehrere Generationen von Hunden, um Verbesserungen zu erreichen.

Zucht des „Retro-Mopses“

Beim Mops gibt es immerhin bei einigen Züchtern ein Umdenken. Sie züchten den „Retro-Mops“, der dem ursprünglichen Mops wieder ähnlicher werden soll – inklusive einer längeren Nase.

„Bei den Schäferhunden wurde der Rücken so runtergezüchtet, dass Hüftgelenksdysplasien programmiert sind.“

Astrid Behr, Bundesverband Praktizierender Tierärzte

Es gibt aber viele Liebhaber dieser Rassen mit verformten Köpfen. Sie fasziniert das außerordentlich charmante Wesen dieser Tiere. Zudem ist es leicht, die Symptome des Leidens falsch zu interpretieren. Die angespannten Lefzen sind hochgezogen – es sieht aus, als lächle das Tier. Die Zunge hängt fotogen hinaus und die vor Anstrengung glänzenden Augen sehen ebenfalls hübsch aus. „Wenn dann noch der puppenhafte Kopf schief gehalten wird und der Hund ein wenig hüpft, ist das Tierhalterherz glücklich und ignoriert die schrecklichen Schnorchelgeräusche“, formuliert es Sindern. „Aber nur so lange, bis der erste lebensbedrohliche Kreislaufkollaps erfolgt.“

Aus ihrer Erfahrung schaffen sich Hundebesitzer, die einmal den Leidensweg bis zum Ende mitgegangen sind, häufig sogar wieder ein Tier dieser Rasse an. Die Begründung laute, dass diese Tiere so süß seien. „Aber andere Hunde sind das auch“, sagt Sindern.

Lange Rückzüchtungen

Es sind nicht nur die Hunde mit den zu kurzen Köpfen, die bei den Haustieren unter den Begriff Qualzucht fallen. „Bei den Schäferhunden wurde der Rücken so runtergezüchtet, dass Hüftgelenksdysplasien programmiert sind“, sagt Astrid Behr vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte in Frankfurt am Main.

Die niedlich anmutenden Knickohren sind Ausdruck eines Gendefekts: Die Schottische Faltohrkatze ist ein Beispiel für eine Qualzüchtung. Foto: Igor Kovalenko/epa/dpa-tmn
Die niedlich anmutenden Knickohren sind Ausdruck eines Gendefekts: Die Schottische Faltohrkatze ist ein Beispiel für eine Qualzüchtung. Foto: Igor Kovalenko/epa/dpa-tmn

Hier haben die Zuchtverbände jedoch reagiert, langsam wird das Problem nach Meinung von Experten weniger. Doch solche Rückzüchtungen dauern lange. „Bei Reinzuchten kann nicht einfach eine andere Rasse eingekreuzt werden“, beschreibt Behr das Problem. Wenn es kaum noch Möpse mit längeren Nasen oder Schäferhunde mit normalem Rücken gibt, wird es schwierig.

Ähnliche Probleme gibt es auch bei Rassekatzen. „Rassen wie Perser, extrem ausgeprägte Britisch Kurzhaar oder Schottische Faltohrkatzen zählen wir dazu“, zählt Sindern auf. So sind die niedlich anmutenden Knickohren der Schottischen Faltohrkatze Ausdruck eines Gendefekts, der bei vielen der Tiere für sehr schmerzhafte Knochen- und Knorpeldegenerationen an den Beinen und Gelenken sorgt.

Dauerpatienten beim Tierarzt

Tierschützer raten dazu, sich kein Tier aus diesen Qualzuchten zu kaufen. „So lange solche Tiere nachgefragt werden, so lange werden sie auch gezüchtet“, sagt Behr. Wenn man von seiner Lieblingsrasse keinesfalls abrücken will, sollte man sich wenigstens im Tierheim nach ihr umsehen. Laut Schmitz werden diese Vierbeiner manchmal auch deshalb im Heim abgegeben, weil sich ihre Besitzer die Tierarztkosten nicht mehr leisten können.

Denn ihr abnormer Körperbau macht die Vierbeiner zum Dauerpatienten beim Tierarzt, manchmal müssen sie sogar operiert werden. „Außerdem haben nicht wenige dieser das Kindchenschema bedienende Hunde und Katzen Probleme, geordnet Futter aufzunehmen, weil die Zähne so schief sind“, sagt Sindern. Es gibt sogar extra Futter, das so geformt ist, dass die Tiere es mit ihren schiefen Zähnen fressen können.

Tierärzte gehen mittlerweile auch mit Infokampagnen gegen die Qualzuchten vor. Und manch ein Arzt lässt die Besitzer am eigenen Leib erleben, wie sich ihr Hund ständig fühlt: Sie geben ihnen eine Gesichtsmaske zum Überziehen, durch die sie schlecht Luft bekommen. Ein drastisches Mittel. „Aber jeder Hundebesitzer, der so eine Maske mal nur eine einzige Minute lang tragen musste, versteht endlich, wie es dem Tier geht“, sagt Sindern.

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