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Tiere

Die krabbelnde „Waldpolizei“

Das Artenschutz-Volksbegehren bietet Anlass, den Blick auf ein oft unterschätztes Insekt zu richten – die Ameise.
Von Hubertus Stumpf

Ameisen sind klein, aber von großer Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern
Ameisen sind klein, aber von großer Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern

Nabburg.Bis zum 13. Februar können die Bayern für die Durchführung des Volksbegehrens „Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern“ unterschreiben, das eine stärkere gesetzliche Verankerung von Artenschutz und Biodiversität zum Ziel hat. Zentraler „Werbeträger“ dieser Initiative der ÖDP ist zwar die Biene, doch natürlich geht es auch um den Erhalt vieler anderer Insektenarten im komplexen Geflecht des Ökosystems – zum Beispiel der Ameisen.

Deshalb gehört auch die Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern zu den Unterstützern des Volksbegehrens. In Nabburg und damit im Herzen der Oberpfalz befindet sich die Zentrale dieses Verbandes, der die Arbeit der bayerischen Ameisenschützer koordiniert. Zugleich befindet sich hier mit dem Bayerischen Informationszentrum für Ameisenkunde eine weltweit einzigartige Einrichtung von internationaler Bedeutung für den Artenschutz.

Ameisen sind unverzichtbar für die Natur

Ameisen sind in der Beliebtheitsskala im Allgemeinen ein ganzes Stückchen hinter den Bienen zu finden. Ihr Ruf ist nicht der beste, weil sie der Mensch in seinem Lebensraum meist als Störenfriede wahrnimmt, zum Beispiel, wenn sie sich in Haus und Garten breitmachen. Darüber gerät leicht in Vergessenheit – oder ist schlichtweg nicht bekannt –, dass die kleinen Krabbler einen unverzichtbaren Beitrag zum Erhalt des empfindlichen ökologischen Gleichgewichts leisten: Indem ihr Lebensraum immer weiter eingeschränkt wird und immer mehr Ameisenarten verschwinden, wird auch der Ast morsch, auf dem wir alle sitzen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das öffentliche Bewusstsein für Wert und Nutzen der Ameisen verbessert. Das ist ein Verdienst von bayernweit rund 1260 meist ehrenamtlich tätigen Ameisenschützern, die im Verein Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern mit Zentrale in Nabburg organisiert und vernetzt sind. Die waldreiche Oberpfalz ist naturgemäß ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit, weshalb allein aus dem Landkreis Schwandorf rund 450 Mitglieder dieser Naturschutzorganisation kommen.

Widerstand gegen WAA war Initialzündung

Ein „Motor“, Mentor und Mann der ersten Stunde bei den bayerischen Ameisenschützern ist der Nabburger Hubert Fleischmann als Stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes. Der 64-Jährige gehörte 1985 zur Gründungsmannschaft des damaligen Ameisenschutzvereins Hirschberg, aus dem – zusammen mit anderen regionalen Gliederungen in Bayern – später die Ameisenschutzwarte Bayern in der heutigen Form hervorgehen sollte.

Die 1980er-Jahre waren bewegte Zeiten in der Oberpfalz, waren sie doch geprägt von den Auseinandersetzungen um die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf. Die vermeintlich so biederen Oberpfälzer lehnten sich gegen Machtmissbrauch, Behördenwillkür und Konzerninteressen auf. Und es war auch eine Zeit, in der sich eine zunehmende Zahl von Menschen intensiver mit Fragen des Naturschutzes zu befassen begann.

Ameisen sind klein, aber von großer Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern
Ameisen sind klein, aber von großer Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern

Ein ganzes Waldgebiet im Taxöldener Forst bei Wackersdorf sollte damals der künftigen Atomfabrik weichen. Davon betroffen waren unter anderem 29 der dort erfassten 42 Waldameisenvölker. Hubert Fleischmann, schon von Kindesbeinen an fasziniert von der komplexen Welt der Ameisen, und einige Bekannte wollten bei der Umsiedlung der bedrohten Populationen helfen und zu diesem Zweck einen Verein gründen.

Dabei musste improvisiert werden: „Wir waren nur zu viert bei der Gründungsversammlung in einem Wirtshaus in Fuhrn. Aber zu einer Vereinsgründung brauchte man damals mindestens sieben Leute“, erinnert sich Fleischmann schmunzelnd. Was tun? Kurzerhand wurden der Wirt und ein weiterer Gast am Nebentisch „rekrutiert“, womit man schon mal sechs Mann hatte. Als Siebter im Bunde wurde ein Bekannter des Wirts aus dem Nachbarhaus herausgeklingelt und ebenfalls von der Bedeutung des Ameisenschutzes überzeugt. Der Ameisenschutzverein Hirschberg e.V. war aus der Taufe gehoben.

Hubert Fleischmann aus Nabburg engagiert sich seit Jahrzehnten für Schutz und Erhalt der Ameisen. Der 64-Jährige ist „Motor“, Mentor und Mann der ersten Stunde bei den bayerischen Ameisenschützern. Foto: Hubertus Stumpf
Hubert Fleischmann aus Nabburg engagiert sich seit Jahrzehnten für Schutz und Erhalt der Ameisen. Der 64-Jährige ist „Motor“, Mentor und Mann der ersten Stunde bei den bayerischen Ameisenschützern. Foto: Hubertus Stumpf

Bei dieser ersten Umsiedlungsaktion – bis heute neben der bayernweiten Kartierung von Ameisenvölkern eine Hauptaufgabe der Ameisenschützer – sammelte man grundlegende Erfahrungen. Denn die Helfer fingen bei null an: „Wir mussten uns das Wissen erst nach und nach anlesen, und es ist damals sicher auch mancher Fehler passiert, den wir heute nicht mehr machen würden“, erinnert sich Hubert Fleischmann. Doch der Anfang war gemacht, und man gewann schnell weitere Helfer: „Schon im Jahr nach der Gründung hatten wir über 200 Mitglieder“, so Fleischmann.

Nicht nur die klassischen Naturschützer mit „Müsliman“-Image kamen, sondern auch Leute, die beruflich in der Natur unterwegs waren und mit ihr und von ihr lebten: Imker, Jäger, Landwirte. Die Bedrohung durch die WAA vor der eigenen Haustür hatte viele Menschen aufgerüttelt und ein Bewusstsein für ökologische Zusammenhänge bei ihnen geweckt. „Damals haben viele zum ersten Mal gesehen und begriffen, was alles durch so ein Großprojekt kaputtgemacht wird“, erinnert sich Fleischmann. Dass diese Keimzelle der heutigen Ameisenschutzwarte Bayern als Reaktion auf die nie realisierte Wiederaufbereitungsanlage entstand, ist eine ironische Fußnote dieses Kapitels, das auch 30 Jahre später noch präsent ist, nicht zuletzt durch den Film „Wackersdorf“…

Bei vielen jungen Leuten ist durchaus ein Bewusstsein für den Artenschutz vorhanden.

Hubert Fleischmann, Stellvertretender Vorsitzender der Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern

Doch mit dem endgültigen Aus für die WAA-Pläne im Jahr 1989 hatte sich die Notwendigkeit eines organisierten und wissenschaftlich begleiteten Ameisenschutzes nicht erübrigt: Auch ohne Vorhaben der Atomindustrie engt das Fortschritts- und Wachstumsmantra einer modernen Industriegesellschaft natürliche Lebensräume immer mehr ein. Flächenfraß durch Bauprojekte und Verdichtung des Straßennetzes machen vielen Tier-, Pflanzen- und Insektenarten das (Über)Leben schwer. Dies wird am Beispiel der Ameisen deutlich: Von den vor etwa 120 Jahren in Deutschland gezählten weit über 100 Arten waren im Jahr 2003 nur noch 72 übrig.

Unermüdliche Arbeiter für ökologisches Gleichgewicht

Das ist eine alarmierende Entwicklung, so optisch unscheinbar die kleinen Tierchen auch sein mögen. Denn die Grundlage unseres Daseins im wahrsten Wortsinn ist der Boden, und zwar nicht der mit Beton und Asphalt versiegelte, sondern das Erdreich. Dessen Qualität ist von maßgeblicher Bedeutung für ein intaktes Ökosystem. „Wie die Regenwürmer im Freiland sind die Ameisen im Wald wichtig für die Bodenqualität“, erklärt Fleischmann. Ein Ameisenvolk mit seinen Millionen Insekten lockert, durchmischt und durchlüftet durch seine Grabtätigkeit den Waldboden bis zu einer Tiefe von zwei Metern. Durch die Beförderung mineralhaltiger, tieferer Erdschichten an die Oberfläche wird der Boden angereichert.

Darüber hinaus vertilgen die Millionen Raubinsekten in einem mittelgroßen Waldameisenvolk bis zu 100 000 Insekten pro Tag und dezimieren dadurch auch Forstschädlinge. In ihrer Funktion als „Gesundheitspolizei des Waldes“ entsorgen Ameisen Tierleichen, bieten in ihren Bauen Lebensraum für andere Insekten und dienen verschiedenen Vogelarten als wichtige Nahrungsquelle. Außerdem sind nicht weniger als 184 Arten von Bodenpflanzen des Waldes bei ihrer Samenverbreitung auf Ameisen angewiesen.

Eingedenk dieser Funktionen der Ameisen wird deutlich, welche Bedeutung die Arbeit der Ameisenschützer im Miteinander der Naturschutzverbände hat. Neben der sogenannten Rettungsumsiedlung von Ameisenvölkern, die an ihrem angestammten Standort durch Baumaßnahmen, Rodung oder Flurbereinigung bedroht sind, zählen vor allem Erfassung, Artbestimmung, Kartierung, Pflege und Überwachung der bayerischen Ameisenbestände zu den Hauptaufgaben der Ameisenschutzwarte.

Hubert Fleischmann (vorne) und rund 1260 weitere Ameisenheger in Bayern betreuen derzeit 12536 Ameisenvölker im Freistaat. Sie helfen bei der Umsiedlung von Völkern, deren angestammter Standort bedroht ist oder zum Problem für Anwohner wird. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern
Hubert Fleischmann (vorne) und rund 1260 weitere Ameisenheger in Bayern betreuen derzeit 12536 Ameisenvölker im Freistaat. Sie helfen bei der Umsiedlung von Völkern, deren angestammter Standort bedroht ist oder zum Problem für Anwohner wird. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern

Derzeit werden in Bayern 12 536 Waldameisenvölker und viele Lebensräume anderer Ameisenarten betreut. Diese Bestände sind zentral in der bayerischen Ameisendatei registriert. Ihre Standorte sind in einer digitalen Karte im Maßstab 1:25 000 erfasst. Bei Eingriffen in die Lebensräume der Insekten, etwa durch Baumaßnahmen, erleichtern diese Daten die Abstimmung mit den beteiligten Stellen und die Einleitung von Schutzmaßnahmen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit, um bei Bürgern und Behörden ein Bewusstsein für die Schutzwürdigkeit der Insekten zu schaffen. Dazu gehören auch Waldbegehungen, Führungen und Vorträge für Kinder und Jugendliche im Rahmen des Schulunterrichts.

Gefragte Anlaufstelle für Ameisenheger aus aller Welt

Für den eigenen Nachwuchs veranstaltet die Ameisenschutzwarte Seminare, in denen die Teilnehmer gründlich in Biologie, Artenbestimmung und ökologischer Bedeutung der Ameisen sowie im artgerechten und schonenden Umgang mit dieser Spezies geschult werden. Damit hat die Ameisenschutzwarte Bayern eine Multiplikatorfunktion, die weit über den Freistaat hinausreicht: Hubert Fleischmann und seine Kollegen sind oft in anderen Bundesländern als Experten gefragt, wenn es um Umsiedlungen geht.

Das im Nabburger Stadtmuseum Zehentstadel untergebrachte Bayerische Informationszentrum für Ameisenkunde ist mit derzeit rund 14 800 Büchern und Schriften eine weltweit einzigartige Sammlung von Fachpublikationen über diese Tierart. Man steht im Austausch mit Wissenschaftlern von internationalem Rang und die hier angebotenen Lehrgänge, die mit einer Prüfung zum Ameisenheger abschließen, wurden schon von Teilnehmern aus Schweden, Norwegen, den USA, Österreich und der Schweiz besucht.

Die Millionen Insekten eines Ameisenvolkes leisten einen vielfältigen Beitrag zu Verbesserung und Erhalt der Bodenqualität im Wald. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern
Die Millionen Insekten eines Ameisenvolkes leisten einen vielfältigen Beitrag zu Verbesserung und Erhalt der Bodenqualität im Wald. Foto: Ameisenschutzwarte Landesverband Bayern

Es war ein weiter Weg von den ersten Anfängen des organisierten Ameisenschutzes in Bayern bis zu diesem hochorganisierten Naturschutzverband: Bereits am 31. August 1798 erließ der Vice-Präsident der Churfürstlichen Oberpfälzer Hofkammer zu Amberg, Sigmund Graf von Kreith, ein Verbot, Waldameisennester zu zerstören. Dieses heute im Amberger Staatsarchiv aufbewahrte Dokument ist die älteste bekannte Schutzbestimmung für Waldameisen.

Um die Zukunft des Ameisenschutzes in Bayern ist Hubert Fleischmann nicht bange: „Bei vielen jungen Leuten ist durchaus ein Bewusstsein für den Artenschutz vorhanden“, hat er festgestellt. Zwar mache die Altersgruppe des 40- bis 70-Jährigen die Mehrheit der Mitglieder im Verband aus, gleichzeitig gebe es aber auch viele Aktive unter den 25- bis 40-Jährigen. Das spricht für die Nachwuchsarbeit bei der Ameisenschutzwarte. Nur wenn sich auch in Zukunft genügend Ameisenschützer finden, wird weiterhin möglich sein, was Hubert Fleischmann und seine Mitstreiter seit langem praktizieren und was er so formuliert: „Naturschutz muss täglich neu gelebt werden.“

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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