MyMz

Natur

So beerenstark ist die Vogelbeere

Für Waldbewohner und Waldbauern im Landkreis Cham ist die Eberesche ein Glücksfall. Doch ihr haften Vorurteile an.
Von Petra Schoplocher

Die Vogelbeere wurde lange Jahre unterschätzt, erklärt Förster Jürgen Köbler. Foto: ps
Die Vogelbeere wurde lange Jahre unterschätzt, erklärt Förster Jürgen Köbler. Foto: ps

Cham.Mus, Tee, Marmelade, sogar Schnaps. Daran hätte ich am Allerwenigsten gedacht, als die Vogelbeere (oder Eberesche) auf der Baumartenliste auftaucht. Aber Förster Jürgen Köbler belehrt mich, wie schon so manches mal, eines Besseren. Sooo giftig, wie mir meine Mama eingetrichtert hat, sind die Früchte nämlich gar nicht. Eher irgendwas zwischen leicht giftig und ungenießbar, was für Bauchschmerzen und Schleimhautreizungen allerdings reicht. Schuld ist die Parasorbinsäure, die auch Rauschzustände herbeiführen kann... Wollte ich es wirklich (nicht) so genau wissen?

Die Vogelbeere wurde lange Jahre unterschätzt, erklärt mir Jürgen Köbler, und in den vergangenen Jahren stark an waldbaulicher, ökologischer und ökonomischer Bedeutung gewonnen. 63 Vogelarten (Rekord, was einheimische Bäume angeht), verzehren die Früchte des – der Alternativname ist Programm – Vogelbeerbaums, die im eigentlichen Sinne gar keine sind. Der nächste Irrtum. Ich lerne: Nicht auf die orangeroten Beeren, die sich im Herbst rot verfärben, kommt es an, sondern auf die Samen.

Eberesche wird bis zu 150 Jahre alt

Auch waldbaulich bedeutsam: Die Vogelbeere oder Eberesche Foto: ps
Auch waldbaulich bedeutsam: Die Vogelbeere oder Eberesche Foto: ps

Da bin ich beinahe beruhigt, dass sich zumindest eine Erinnerung an meine Kindheit als wahr erweist: Wenn der Baum blüht, riecht es unangenehm. Was zum Beinamen Stinkesche geführt hat. Jürgen Köbler wäre nicht Förster, wüsste er nicht um die biologischen Fakten: Als anspruchslose Licht- bis Halbschattenbaumart ist die Vogelbeere in fast ganz Europa verbreitet. Sie ist dank ihrer Widerstandsfähigkeit eine Pionierbaumart, eine Eigenschaft, die sie in stark immissionsbelasteten Gegenden und Phasen (Stichwort Waldsterben in den 1980er Jahren) als einzige überleben ließ. Die Eberesche zeichnet sich durch rasches Jugendwachstum aus. Ihr maximales Alter von 150 Jahren erreicht sie allenfalls im Gebirge, im Flachland sind 80 Jahre schon eine Menge. In den Höhenlagen des Bayerischen Waldes bildet sie zusammen mit der Fichte die Waldgrenze; dort, wo die Buche nicht mehr wachsen kann. Was den Vögeln die Beere, sind dem Schalenwild Knospen und Triebe. „Verbiss ist ein Thema“, weiß Köbler. Allerdings machen sich Waldbesitzer dies gerne zunutze, indem sie die Vogelbeere als „Blitzableiter“ einsetzen. Nach dem Motto: Wer die frisst, lässt die kleine Fichte daneben in Ruhe. Einzelne Drosselarten sind im Winter sogar auf die Nahrung von dem Baum angewiesen, Kleinsäuger lieben sie, und insbesondere der Dachs hat eine große Vorliebe.

Natur

Die Edelkastanie ist hier im Kommen

Die Edelkastanie liebt es eigentlich mediterran. Das macht sie im Klimawandel interessant – auch für den Bayerwald.

Diese Biodiversität und weitere waldbauliche Pluspunkte – gute Streuzersetzung und Bodenverbesserung durch das phosphorhaltige Laub – machen es dem Förster leicht, für den Baum zu werben: „Er sollte dank seiner positiven Eigenschaften auch im (kleinen) Privatwald stärker gefördert und gepflegt werden“. Statt rausgerissen, wie es immer wieder vorkommt.

Germanen war der Vogelbeerbaum heilig

Vogelbeerholz ist elastisch, fest und meist schön gemasert. Es lässt sich gut bearbeiten. Die Stämme werden allerdings kaum über 30 Zentimeter Durchmesser dick. Früher wurde es als Wagnerholz sehr geschätzt, heute vor allem in der Möbelproduktion und dem Innenausbau.

Unser Experte

  • Zur Person

    Jürgen Köbler (55) stammt aus dem Odenwald und engagierte sich schon als Schüler im Naturschutzbund. Nach dem Forstwirtschaftsstudium ist er seit 1990 „diesseits des Cerchovs“ in verschiedenen Funktionen für die Bayerische Forstverwaltung tätig, aktuell als Revierleiter Furth im Wald.

  • Verbundenheit

    „Mich hat es immer fasziniert, in möglichst naturnaher Landschaft unterwegs zu sein und dort die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen zu beobachten und verstehen zu lernen.“

Für die Germanen war der Vogelbeerbaum heilig, warum viele Schotten glauben, dass ein „Rowan tree“ vor dem Haus vor Hexen bewahren soll, verrät Jürgen Köbler nicht. Wohl aber, warum die Rezeptsammlung dann doch Vogelbeere beinhaltet. Wegen der vielfältigen Heilwirkungen, die der Vogelbeere nachgesagt werden: bei Verdauungsbeschwerden oder Gicht. Keine Sorge: Beim Kochen und Trocknen wird die Parasorbinsäure weitgehend zerstört. Es gibt sogar eine essbare Zufallssämung. Für Fortgeschrittene: Die hat eine andere Blattform. Ich bleib da bei einer anderen Frage: Ob es den Schnaps als Likör gibt?

Mehr Nachrichten rund um den Landkreis Cham lesen Sie hier.

Die wichtigsten Informationen des Tages direkt auf das Mobilgerät: Mit MZ und WhatsApp bleiben Sie stets auf dem Laufenden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht