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Tiere

Wenn der Hund zum Krankenpfleger wird

Assistenzhunde unterstützen ihre eingeschränkten Besitzer – egal ob beim Waschmaschine ausräumen oder Blutzucker messen.
Von Michaela Schabel

Das ist keine Attacke: Golden Retriever Bonny ist Assistenzhund und hilft hier seinem Frauchen, die Jacke auszuziehen. Foto: Assistenzhunde in Bayern e.V
Das ist keine Attacke: Golden Retriever Bonny ist Assistenzhund und hilft hier seinem Frauchen, die Jacke auszuziehen. Foto: Assistenzhunde in Bayern e.V

Ebersberg.Der Hund holt die Tabletten, schubst Herrchen an, wenn er im Rollstuhl einzuschlafen beginnt und die Balance verlieren könnte, hilft beim An- und Ausziehen, besteht darauf, dass täglich Gassi gegangen wird, sorgt dafür, dass Herrchen nicht an Hindernisse stößt.

Wie ein Krankenpfleger sorgt sich ein Assistenzhund um Menschen, deren Fähigkeiten eingeschränkt sind, die gehbehindert oder an einen Rollstuhl gebunden sind, an neurologischen Krankheiten oder Diabetes leiden. Hunde riechen, wenn der Blutzucker nicht stimmt, melden Unter- und Überzuckerung.

Assistenzhunde helfen wie echte Freunde und haben immer Zeit. Foto: Assistenzhunde in Bayern e.V
Assistenzhunde helfen wie echte Freunde und haben immer Zeit. Foto: Assistenzhunde in Bayern e.V

Ein Assistenzhund muss ganz bestimmte Eigenschaften mitbringen. Nur gesunde, kräftige Hunde, mit einem Stockmaß von mindestens 45 bis 60 cm kommen in Frage, denn sie müssen viele Dinge apportieren, etwas vom Boden aufheben können, Schalter betätigen. Kleinere Hunde müssten dabei immer hochspringen. Ganz wichtig sind ein ausgeglichener Charakter und die soziale Fähigkeit des Hundes, sich schnell auf andere Bezugspersonen einstellen zu können. Golden Retriever, Labrador und Australian Shepherd eignen sich wegen ihres ausgeglichenen und freundlichen Wesens als Assistenzhund, der Pudel eignet sich wegen seiner Klugheit. Dasselbe gilt für entsprechende Mischungen, vor allem für den Labrador-Doodle.

Wenn der Hund ein Jahr alt ist, startet die Ausbildung

Mit acht Wochen werden die Welpen gekauft, von der Trainerin oder einer Patenfamilie im Rahmen der „Fremdausbildung“ großgezogen. Etwa mit einem Jahr beginnt die Ausbildung. Andrea Stadler, IHK-zertifizierte Hundetrainerin, bildet in Steinhöring bei Ebersberg seit über zehn Jahren Assistenzhunde aus. Ein Jahr lang trainiert sie sechs Mal in der Woche mit ihren Azubi-Hunden, einzeln, auch in der Gruppe. Der Hund ist wie ein Familienmitglied, fährt sogar in den Urlaub mit und wechselt erst nach der Ausbildung den Besitzer. Nach dem ersten Ausbildungsjahr folgt mindestens noch ein weiteres halbes Jahr, in dem das künftige Hund-Mensch-Team ausgebildet wird.

Trainer schulen Hund und Mensch gleichermaßen

Bei der „Selbstausbildung“ werden Mensch und Hund von Anfang an gleichzeitig geschult. Einmal in der Woche besucht Andrea Stadler den Hundebesitzer und trainiert mit ihm und dem Hund. Der Hundebesitzer oder Familienmitglieder müssen in der Lage sein, den Hund Tag und Nacht zu betreuen, richtig zu ernähren, ihn täglich Gassi zu führen.

Andrea Stadler merkt sofort, wenn ein Hund vernachlässigt wird. Dann wird er zu dick, das Fell wirkt matt. Manche fangen zu stinken an. Ist der Hund vom Training überfordert oder stimmt das Umfeld nicht, wirkt der Hund gestresst. Er verliert an Gewicht, schläft wenig, schüttelt und kratzt sich. Ein gestresster Hund wird lustlos, verweigert die Arbeit, wehrt sich und beißt vielleicht sogar zu.

Assistenzhunde können sogar Waschmaschinen ausräumen. Foto: Thomas Frey/dpa
Assistenzhunde können sogar Waschmaschinen ausräumen. Foto: Thomas Frey/dpa

Es kommt immer wieder vor, dass einem Hund die Ausbildung zu viel wird. Dann ist er als Assistenzhund nicht geeignet. Er würde die Prüfung, die am Ende der beiden Ausbildungsarten steht, nicht bestehen. Sie wird extern über den „Berufsverband für Hundeerzieher und Verhaltensberater“ bundesweit nach denselben Kriterien durchgeführt. Allerdings gibt es noch nicht wie in Österreich eine staatlich anerkannte Prüfung. Nach der Ausbildung bleiben die Mensch-Hunde-Teams über Nachschulungen und Informationsveranstaltungen mit ihrer Trainerin in Kontakt.

Beruf

Kollege Hund unter dem Schreibtisch

Nur wenige Betriebe erlauben Hunde am Arbeitsplatz. Dabei profitiert auch der Arbeitgeber, wenn die Zufriedenheit wächst.

Hundeausbildung kostet zwischen 25 000 und 30 000 Euro


25000 bis 30000 Euro kostet ein Assistenzhund mit Fremdausbildung. Dabei trägt die Trainerin alle Kosten, die ganze Verantwortung und das Risiko, falls der Hund sich doch nicht eignet. Das richtige Hund-Mensch-Team muss gefunden und trainiert werden. Oft sind die Vorstellungen künftiger Hundebesitzer zu vage. Sie sehen die Vorteile, ohne an die Verantwortung zu denken. Der neue Besitzer muss zumindest so fit sein, dass er fachgerecht mit dem Hund umgehen oder gegebenenfalls Familienmitgliedern dabei helfen kann. Die Selbstausbildung ist um einiges preiswerter, da nur die Kosten für die Ausbildung anfallen. Aber selbst dann ist eine Ausbildung zum Assistenzhund unter 10000 Euro nicht zu haben.

Assistenzhunde in Bayern e. V.

  • Verein:

    „Assistenzhunde in Bayern“ e. V. in Planegg kümmert sich seit 2013 um die Ausbildung von Assistenzhunden, leistet Öffentlichkeitsarbeit bei der Behindertenmesse in Ebersberg und der Freizeitveranstaltung „Kunstart“ in Krailling.

  • Finanzierung:

    Assistenzhunde werden nicht von Krankenkassen bezahlt, weshalb der Verein bei der Finanzierung durch Spendenaufrufe hilft. Der gesponserte Hund geht nach der Teamprüfung als Geschenk an den lebenspraktisch behinderten Menschen über.

  • Ausbildung:

    Der Verein bietet Fremdausbildung sowie Selbstausbildung mit oder ohne Patenprogramm an und wird dabei von zwei Hundeausbilderinnen unterstützt. Das entsprechende Training wird individuell auf den einzelnen Hund bzw. das Mensch-Hund-Team abgestimmt und angepasst.

  • Ausweis:

    Nach der Prüfung erhält das Mensch-Hund-Team durch einen unabhängigen Experten eine Kenndecke und einen Ausweis, um den Zugang zu Einrichtungen in der Öffentlichkeit zu vereinfachen.

Für Menschen, deren lebenspraktische Fähigkeiten eingeschränkt sind, beginnt mit einem Assistenzhund ein neues Leben, denn sie gewinnen (wieder) einen beachtlichen Teil ihrer Selbstständigkeit zurück. Isolierte Menschen finden wieder den Weg nach draußen, Kontakt zu anderen Menschen, beginnen wieder sich selbst zu versorgen und schöpfen dadurch neue Lebensfreude. Sie können sich auf ihre Hunde hundertprozentig verlassen. Und im Gegensatz zu Menschen haben Hunde immer Zeit.

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