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Wie viel Friedhof braucht ein Katholik?

Der Further Kaplan hat sich mit Veränderungen bei der Trauer beschäftigt. Die Zahl der katholischen Beerdigung ist stabil.

Die Formen der Beerdigung und der Trauer haben sich verändert. Kaplan Thomas Kohlhepp beklagt, dass die Trauer immer weniger in der Öffentlichkeit gezeigt werde. Foto: dpa
Die Formen der Beerdigung und der Trauer haben sich verändert. Kaplan Thomas Kohlhepp beklagt, dass die Trauer immer weniger in der Öffentlichkeit gezeigt werde. Foto: dpa

Furth im Wald.Brauchen wir noch Friedhöfe? Haben sie als persönliche Erinnerungsstätten keine Zukunft mehr? Werden sie immer mehr zu Graswüsten? Zu Entsorgungsstätten? Kaplan Thomas Kohlhepp behandelte all diese Fragen am Donnerstagabend im Kolpinghaus im Rahmen einer Veranstaltung der Katholischen Erwachsenenbildung. Beerdigt – verbrannt – versenkt, die Beerdigungskultur im Wandel lautete das Thema, das viel Spannung versprach. Ruth Fischer, als zuständige der Pfarrei für die Erwachsenenbildung, konnte ca. 50 Besucher willkommen heißen.

Kaplan Thomas Kohlhepp sagte eingangs, dass in den spätmodernen westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten vor allem zu einer Verdrängung von Tod und Sterben gekommen sei. Die Ursachen dafür seien: Die verlängerte Lebenserwartung mit einer starken Reduktion der Kindersterblichkeit.

Von 33 Prozent bis zum ersten Lebensjahr in Jahr 1875 auf heute unter ein Prozent. Zum zweiten: Die Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung von ca. 35 Jahren (1875) auf über 80 Jahre (heute). Sterben und Tod waren früher allgegenwertig, heute seien sie die Ausnahme und ungewohnt: Nur noch alle 15 bis 20 Jahre trete heute im Schnitt ein Todesfall im engeren familiären Kreis ein.

Sterben wird banalisiert

Der Tod als Fiktion. In den Medien werden Sterben und Tod banalisiert, inflationär verharmlost und empfindungslos dargestellt. „Ars moriendi“ versus „ars vivendi“? In früheren Zeiten war angesichts des allgegenwärtigen Todes eine gute und stete Vorbereitung auf das Sterben notwendig. Die Kunst der Einübung für diesen „guten Tod“ wurde als „ars moriendi“, die Kunst des Sterben bezeichnet. Die Verlagerung des Sterbeortes: Nur mehr 20 bis 25 Prozent der Menschen sterben zuhause: 50 Prozent im Krankenhaus, der Rest in Alten- und Pflegeheimen.

Im Umfeld von Tod und Trauer habe ein Traditionsschwund eingesetzt, das Wissen um Bräuche fehle. Zugleich wachse die Unsicherheit, was möglich sei, z.B. offene Aufbahrung des Leichnams zuhause oder in der Trauerhalle. Die Versorgung des Leichnams und andere Dienste werden an Bestatter delegiert. Kondolieren, Trauerkleidung und Trauerzeit seien nicht mehr selbstverständlich.

Trauer ist nicht mehr öffentlich

Es gebe eine wachsende Privatisierung der Trauer. Früher waren Tod und Trauer eine Angelegenheit der Öffentlichkeit, die daran teilnahm. Heutzutage schwindet die öffentliche Beteiligung bis auf den Kreis der Nahestehender. Auch die letzten Verfügungen von Verstorbenen bzw. die Anweisung der Hinterbliebenen führen häufig zu einer Privatisierung des Todes. Sterben, Tod und Trauer finden immer weniger öffentlich, sondern stärker im Privaten statt.

Auseinandertreten von Tod und Trauer: Früher waren Tod und Bestattung meist örtlich und zeitlich eine enge Einheit. Heute treten – selbst kirchlich – Tod und Trauerfeierlichkeiten oft stärker auseinander. Die kirchlichen Begleiter erfahren vom Trauerfall erst bei der Anmeldung der Bestattung, nicht mehr zum Zeitpunkt des Todes. Auch Sterbeort und Bestattungsort treten weiter auseinander. Gesellschaftlich betrachtet begegnet eine Hospitalisierung, Privatisierung und Individualisierung vom Sterben, Tod und Trauer. Die Berührungsängste und Schwierigkeiten im Umgang mit dem Tod wachsen daran, ebenso wie die Verdrängung.

In heutiger Zeit gebe es Alternativen zur kirchlichen Bestattung. Die Kirchen finden sich hier in einer Marktsituation wieder: Sie stehen im Wettbewerb mit anderen Anbietern. Lang geübte Bräuche gehen heute immer mehr verloren: Aussegnung, Überführung, Totenrosenkranz, Teilnahme der Gemeinde am Begräbnis, Totengedenken etc. Vielfach werde beim Begräbniszug von der Friedhofshalle zum Grab nicht mehr geschwiegen bzw. gebetet. Der Sarg werde beim Begräbnis zuweilen nur noch ein Stück eingesenkt und erst nach der Trauerfeier ganz.

Als ermutigende Bemühungen und Entwicklungen um eine neue Bestattungskultur und eine angemessene Pastoral können genannt werden: Die Hospizbewegung, Gebets- und Begräbnisgemeinschaften sowie Gebetsgruppen. Die bei den Bestattern in den letzten Jahren durch Fortbildungsprozesse gewachsene Kompetenz in der Trauerbegleitung müsse von den Kirchen nicht nur als Konkurrenz gesehen werden, sondern könne auch Vorbereitung und hilfreiche Ergänzung sein für die eigentliche Kompetenz der Kirchen. Wichtig seien ein enger Austausch und ein gutes Einvernehmen von Seelsorgern und Bestattern.

Liebespflicht der Angehörigen

Seit den Anfängen des Christentums sei die Sorge um die Sterbenden und um die Verstorbenen eine Liebespflicht der Angehörigen, aber auch der christlichen Gemeinden. Darum entwickle sich eine eigene kirchliche Sterbe- und Begräbnisliturgie, geprägt von der christlichen Auferstehungshoffnung. Die Pastoral habe hier eine doppelte Aufgabe: einerseits die Sorge um die Sterbenden wie um die pietätvolle Beisetzung der Verstorbenen, andererseits die Sorge um die trauernden Hinterbliebenen. Zentral in der Pastoral um Tod und Trauer sei natürlich die Bestattung. Liturgie und Brauchtum kennen darüber hinaus weitere Totengedächtnisfeiern: Wochen-, Monats- und Jahresmessen, Gräbersegnung und Totengedenken an Allerseelen bzw. Allerheiligen, Volkstrauertag und volksfrommes Brauchtum wie z.B. Marterln.

Das Greifbare des Todes verloren

Auch auf die Veränderungen der Bestattungsformen und ihre pastoraltheologische Bedeutung ging der Kaplan ein. Der Leichnam mache den Tod eines Menschen und die Notwendigkeit des Abschieds sinnfällig greifbar. Der tote Körper habe seine Würde, weil er in Kontinuität mit dem Verstorbenen stehe. Theologisch sei der Leib durch die Taufe „Tempel des Heiligen Geistes“. Der Leib diene auch als Medium der sinnhaft-symbolischen Vermittlung sakramentaler Gnade. Der Leib ermögliche dem Menschen die Erfahrung Gottes in der Natur sowie das Hören seines Wortes und dessen Umsetzung in die Tat.

Durch seine Inkarnation (Fleischwerdung) habe Jesus Christus die Würde des Leibes unterstrichen. Der ehrfurchtsvolle Umgang mit Jesus Leichnam war Vorbild auch für das Christentum. Weil der tote Körper also Würde besitzt, ergebe sich christlich die Forderung nach einem pietätvollen Umgang mit dem Verstorbenen und die Sorge um ihre angemessene Bestattung. Das ergebe sich jedoch nicht nur christlich, sondern schon aus humanen Gründen. In Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, wo Menschen heute vor allem sterben, sollte in würdiger Weise mit den Toten umgegangen werden.

Theologisch zentral seien Gebet und Gottesdienst für die Verstorbenen. Christen gedenken ihrer Verstorbenen, nicht damit sie leben, sondern weil sie leben. Christen seien überzeugt: Gott schenkt den Toten Leben, weil er an sie denkt – unabhängig von der Erinnerung der Menschen. Vor Gott seien wir keine anonyme Wesen, sondern er kenne uns beim Namen, wir seien seine geliebten Kinder und Schwestern und Brüder Jesu Christi.

Die Bestattung der Toten sei in allen Gesellschaften ein Übergangsritual: Übergang der Toten von der Welt der Lebenden zum neuen Platz bei den Toten. Alle Religionen kennen die Bestattung als religiösen Akt. In der heutigen Zeit seien weitere Möglichkeiten der Beisetzung hinzugekommen – ein Zeichen der Individualisierung und der Pluriformität.

Erdbegräbnis ist althergebracht

Das Erdbegräbnis sei christlich die bevorzugte Bestattungsform – nach dem Vorbild der jüdischen Begräbniskultur und der Bestattungsform Christi. Auch die Voraussetzungen für die übrigen Bestattungsformen wie z.B. Feuerbestattung und Sozialbestattung sprach der Kaplan an. Bei anonymen Bestattungen, Urnenbestattungen auf See oder im Wald werde die Trauerarbeit erschwert, weil Trauer und Totengedenken ortlos sind. Die anonyme Bestattung werde zur technischen Entsorgung von Leichen, mit Menschenwürde und Pietät kaum vereinbar. (fsa)

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