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Kolumne

Also sprach die Kugel (Auszug)

Hätte die Kugel auf dem Regensburger Campus Augen, dann hätte sie schon so viel gesehen. Ein nächtlicher Dialog mit Folgen.

Die Kugel auf dem Campus der Universität Regensburg
Die Kugel auf dem Campus der Universität Regensburg Foto: Knobloch

Regensburg.Prolog in der Mensa:

„Ein Tofuwürstchen, bitte“, hauchte Naddl. Die Frau hinter der Mensatheke schaute verdutzt. „Tofu-Wüüüürstchen!“, wiederholte Naddl nun energischer. „Ich bin doch so hungrig!“ „Leberkas ist aus!“, schnauzte die Mensenfachkraft.

Von den Lehrstühlen der Tugend

24 Uhr. Aus der Uni leuchtete kein Licht. Der stickige Schweißgeruch war beinahe schon komplett aus dem H2 gezogen. Die Mensa und die Kanzlei schliefen. Ein kalter Wind wehte über den Uniteich. Vollmond. Bewegt sich unsere Kugel nicht vielleicht, wenn niemand hinschaut in tiefster Nacht? Vielleicht raunt sie von vergangenen Semestern; hätte sie Augen, dann hätte sie schon so viel gesehen. Ein fauliger Modergeruch stieg aus den Katakomben der Universität empor, wo der leere Schrank der Gender Studies der Forschungsergebnisse harrte. In ihm wohnte eine kleine Spinne, niemand störte sie beim Weben ihres Netzes. Vor dem Audimax zeichneten sich nebelige Konturen ab. Eine kleine Flamme glomm auf. Plötzlich füllte ein schwerer süßlicher Duft die Nacht. „Hier bist du also. Viele Jahre warte ich nun auf deinen Bachelor. Unzählige Semester trugst du die grüne Fackel der Unvernunft über den Campus. Nun trägst du die Asche deines Studiums zu mir herab. Fürchtest du nicht des Brandstifters Strafen?“, also sprach die Kugel. Von der brutalistischen Präsenz der mächtigen Kugel erstarrt, antwortete der ertappte Sünder: „Zehn Jahre kam ich hier herauf zu deiner Höhe: ich würde meines Lichtes und meines Weges satt geworden sein, ohne dich. Es gibt einen neuen Wahn, der heißt Bachelor und Master. Um Kultusminister und Bologna-Konferenzen drehte sich bisher das Rad dieses Wahns. Einst glaubte man an Kultusminister und Bologna-Konferenzen: und darum glaubte man alles ist Anwesenheitspflicht: ‚du sollst, denn du musst!‘ Dann wieder misstraute man allen Kultusministern und Bologna-Konferenzen: und darum glaubte man alles ist Freiheit: ‚du kannst, denn du willst!‘ O holde Kugel, über Studium und Abschluss ist bisher nur gewähnt, nicht gewusst worden: und darum ist über Bachelor und Master bisher nur gewähnt, nicht gewusst worden!“ „Gut gesprochen, mein Bester; doch schlecht gedacht. Hartz und Hölle, Minijob und Mindestlohn erwarten dich auf deinem künftigen Lebensweg. Doch so lange du die BWL nicht in den Grund deines Herzens lässt, gibt es keine Rettung für dich“, erwidert die graue Sphäre, der bürgerlichen Vernunft. Ein neckisches Lächeln auf den Lippen ergriff der kecke Sünder erneut das Wort: „Was sprach ich von Freiheit? Ich bringe euch Glimmstängel und Goa, Party und Psychedelika. Das sind die Werte, die ich euch predigte. Die Werte eines kommenden Studentengeschlechts!“

Ernüchtert erhob sich die Kugel aus ihrem kalten Betongrab und stürzte sich den Galgenberg herab. Seitdem ward sie nie mehr gesehen. Man munkelt, einer habe sie in Passau erblickt, wo noch brave Studenten ihr verwertbares Dasein als Konsumenten erwarten. Doch dies sind bloß Gerüchte.

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