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Literatur

Buch über einen Grenzgänger der Sprache

Der Regensburger Slawist Walter Koschmal würdigt Kito Lorenc, den wichtigsten sorbischen Lyriker der Moderne.
Von Harald Raab

Professor Dr. Walter Koschmal hat sich intensiv mit dem Werk von Kito Lorenc befasst.Foto: altrofoto.de
Professor Dr. Walter Koschmal hat sich intensiv mit dem Werk von Kito Lorenc befasst.Foto: altrofoto.de

Regensburg.In Deutschland herrscht alles andere als eine ignorante Monokultur – auch und vor allem nicht in der Sprache. Das ist kein Phänomen der jüngsten Zuwanderungszeit. Deutschlands Geschichte ist von vielfältigen Kulturen geprägt, auch den osteuropäischen. Dieser Einfluss erhält Mehrheitskultur lebendig und ist im übrigen Motor für notwendige Entwicklungen und Erneuerungen einer Gesellschaft. Mögen die auch manchmal schmerzen.

Ein Protagonist für dieses Phänomen ist der sorbische Schriftsteller, Lyriker, Übersetzer, Dramatiker und Literaturwissenschaftler Kito Lorenc. Er gilt als der wichtigste Vertreter der modernen sorbischen Literatur. Lorenc starb im vergangenen Jahr. Er wäre heuer 80 Jahre alt geworden.

Kito Lorenc
Kito Lorenc

In einer umfassenden Monographie stellt der Regensburger Slawist Walter Koschmal diesen Brückenbauer zwischen dem Sorbischen, das sich ober- und niedersorbisch manifestiert, und dem Deutschen vor. Nun ist sein Buch „Der Dichter – Kito Lorenc – dazwischen“ erschienen. Koschmal hat nicht nur eine einfühlsame Biographie verfasst, er legt zudem eine eingehende poetologische Analyse von Lorenc’ Werk vor und würdigt dessen Leistungen als Sprachwissenschaftler und unermüdlichen Kämpfer für den Erhalt der sorbischen Kultur in der Ober- und Niederlausitz. 60 000 Sorben leben dort und halten diese zwölfte und dreizehnte slawische Sprache lebendig.

Sprachkulturen befruchten sich

Identität durch Sprache ist das Anliegen von Kito Lorenc. Er, der in Schleife, Kreis Weißwasser, als Sohn eines sorbischen Holzkaufmanns geboren wurde, ist Grenzgänger zwischen der sorbischen und der deutschen Sprache. Er schrieb in beiden. In seinen Gedichten befruchten und befeuern sich die beiden Sprachkulturen gegenseitig. Harmoniesüchtige Heimattümelei ist seine Sache nicht. Er spielt mit sprachlicher Doppelbödigkeit, liebt überraschende, bewusst verstörende Brüche und auch den ironischen Blick auf das, was als alternativlose Notwendigkeit deklariert worden ist – wie die Umsiedlung mancher sorbischer Dörfer für den Kohleabbau.

Viele Auszeichnungen

  • Die Bedeutung

    von Kito Lorenc Bedeutung als Dichter und Philologe wurde mit namhaften Preisen gewürdigt: Literaturpreis der Domowina (1968), Heinrich-Heine-Preis (1974) und Heinrich-Mann-Preis (1991). Zudem ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste.

  • Das Buch:

    Walter Koschmal, „Der Dichter – Kito Lorenc – dazwischen“, Domowina Verlag, Bautzen, 2018, 239 Seiten, 24,90 Euro

Er war überzeugt, jede Sprache könne etwas, was die andere nicht könne. Deutsch tauge für Philosophie und Bürokratie, Sorbisch für Haus und Garten, für den Nussbaum im Hof. Peter Handke hat den Kollegen Lorenc in einem Vorwort zu dessen Band „Gedichte“ sehr treffend charakterisiert: „Kito Lorenc ist ein Kind, ein Kind im umfassenden Sinn der Landschaft an den Ostgrenzen Deutschlands, der Lausitz, Kind der Luzica, so wie seine Poesie deren Kind ist, der Bäche, Felder, Hügelwälder, Moore und Heide . . .“ Lorenc selbst sieht sich als Bruder im Geiste Johannes Bobrowskis, des Dichters zwischen deutscher und slawischer Kultur und ihrer Sprachen. Er habe ihm „die Zunge gelöst“, bekennt er. Walter Koschmal verweist darauf: „Bobrowski bleibt Ahne und poetologischer Doppelgänger von Lorenc.“ Auch wenn er sich von seinem Vorbild gelöst und seine eigenen Themen und seine eigene Schreibweise gefunden habe.

Um uns den Dichter und Philologen Lorenc näher zu bringen, stellt Koschmal dessen literarische Texte und deren Herausforderungen an die Leser in den Vordergrund: „Die Gedichte balancieren nicht selten an den oft kuriosen Rändern beider Sprachen entlang.“ Bekannte doch der Dichter: „Was über all den Herrlichkeiten / der Welt besitze ich den Größeres / als meine Sprache, die lebendige.“

Einzigartige Position

Und Koschmal urteilt: „Der sorbischsprachige Dichter ist immer und in viel höherem Maße als der deutsche Sprachschöpfer.“ Lorenc stehe in der der sorbischen Literatur einzigartig da. „Er ist ihr Vater, zumindest jener der modernen Poesie.“ Lorenc sei über Jahrzehnte hinweg „die zentrale literaturwissenschaftliche und literaturhistorische sorbische Instanz“ gewesen. Davon zeuge sein zweisprachiges „Sorbisches Lesebuch“ , ein Eingangstor zur sorbischen Kultur. Koschmal schreibt dazu: „Lorenc ist der große Vermittler sorbischer Literatur, der Vergangenheit wie der Gegenwart. Eine vergleichbare Dominanz einer einzelnen Person auf diesem Feld ist aus anderen Literaturen und Kulturen nicht bekannt.“

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