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Die Nachkriegszeit aus jüdischer Sicht

1946 und 1947 erschien in Regensburg eine jiddische Zeitung. Eine Ausstellung zeigt, was die Autoren bewegte und stellt mit Mendl Man einen näher vor.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Die Titelseite der ersten Ausgabe von „Der nayer moment“, die im März 1946 in Regensburg erschien.
  • Gedruckt wurde „Der nayer moment“ im MZ-Verlag. Foto: MZ-Archiv
  • Der Autor Mendl Man Foto: privat
  • Die Setzerei der MZ – hier arbeitete auch der Zeitzeuge Leopold Prechtl. Foto: MZ-Archiv

Regensburg. „Die Geburt des Friedens ist schwer“, schreibt der Journalist und Dichter Mendl Man am 29. November 1946 in der jiddischen Wochenzeitung „Der nayer moment“ (Der neue Moment). Die später in „Undzer moment“ (Unser Moment) umbenannte Zeitung erschien zwischen März 1946 und November 1947 in Regensburg – gedruckt wurde sie im MZ-Verlag. Die Artikel befassen sich mit dem Holocaust, den Kriegsverbrecherprozessen und der Lage in Palästina, aber auch mit dem jüdischen Leben in der Oberpfalz.

Diese lange in Vergessenheit geratene Zeitung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist Ziel eines Projektes des Lehrstuhls für Slavische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. „Die Zeitung ist ein Glücksfall für die Forschung“, betont Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Walter Koschmal. Es handle sich um ein seltenes Beispiel einer jüdischen Zeitung direkt nach dem Krieg, die die Auseinandersetzung mit dem Holocaust aus der Sicht der Betroffenen zeige.

Artikel wurden erstmals übersetzt

Auf die Zeitung gestoßen waren die Wissenschaftler im Rahmen eines anderen Projektes: 2008 hatte die Privatdozentin Dr. Sabine Koller, die am Lehrstuhl Koschmal zu ostjüdischer Literatur und Malerei forscht, gemeinsam mit der damaligen Jiddisch-Lektorin Evita Wiecki und Studierenden des Instituts die Erzählung „A tog in Regensburg“ (Ein Tag in Regensburg) des jiddisch-amerikanischen Schriftstellers Joseph Opatoshu erstmals ins Deutsche übersetzt und 2009 die Ausstellung „Ein Tag im jüdischen Regensburg mit Joseph Opatoshu und Marc Chagall“ im Historischen Museum der Stadt Regensburg organisiert.

Ebenso wie Opatoshus Erzählung ist auch „Der nayer moment“ auf Jiddisch verfasst, der Sprache der europäischen Juden, und wurde mit hebräischen Lettern gedruckt. „Wir wussten zuerst gar nicht, was in der Zeitung drinsteht“, berichtet Holger Nath, der sich als Spezialist für das Jiddische Anfang 2012 an die Übersetzung der Artikel machte. Seit Oktober arbeiten nun 16 Studierende des Elitestudiengangs Osteuropastudien aus Regensburg und München im Rahmen eines Projektseminars mit dem Material. Sie beschäftigen sich mit verschiedenen Themenschwerpunkten wie Jüdisches Selbstverständnis, Regionales, Israel/Zionismus, Polen und dem Publizisten, Dichter und Maler Mendl Man.

Die Ergebnisse sollen ab 15. November bei einer Ausstellung in der Städtischen Galerie im Leeren Beutel präsentiert werden. „Wir wollen die Zeitung vorstellen, aber auch Mendl Man als prägenden Autor“, berichtet Diane Mehlich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Slavistik. Geplant ist, mehrere deutschsprachige Ausgaben der Zeitung mit kommentierten Artikeln zu erstellen, um den Besuchern einen Überblick über die Inhalte zu geben. Auch Aquarelle von Mendl Man, die sein in Israel lebender Sohn Zvi Man zur Verfügung stellt, sollen gezeigt werden. Zvi Man will selbst nach Regensburg kommen und einen Vortrag über seinen Vater und dessen Arbeit halten. Als kleiner Junge hatte er Regensburg kennengelernt, die Familie wohnte aber in Sulzbach. Eine Zeichnung von Marc Chagall mit dem Titel „Der Dichter Mendl Man in seinem Dorf“, die der Maler seinem Freund 1969 widmete, soll ebenfalls in der Ausstellung gezeigt werden.

Prof. Dr. Armin Eidherr von der Universität Salzburg übersetzt zudem die Gedichte Mendl Mans erstmals ins Deutsche. Der erste Lyrikband Mans, „Di shtilkayt mont“ (Die Stille mahnt), war 1945 im polnischen Lód´z erschienen, ein zweiter Band mit dem Titel „Yerushe“ (Erbe) 1947 in Regensburg. „Wir planen, den Gedichtband zweisprachig herauszubringen“, sagt Prof. Koschmal. In zwei Workshops mit einem Projektmanager erarbeiten die Studenten derzeit das didaktische Konzept für die Ausstellung. „Die Zeitung ermöglicht faszinierende Einblicke in den damaligen Alltag“, sagt die Studentin Sharon Brehm.

Verfolgung auch nach Kriegsende

Was die Seminarteilnehmer überrascht hat, sind Artikel über die andauernde Verfolgung von Juden nach dem Zweiten Weltkrieg – etwa über den Pogrom von Kielce. In der polnischen Stadt hatten Bewohner im Juli 1946 jüdische Holocaust-Überlebende angegriffen und 42 Menschen getötet. In der Folge flüchteten viele Juden aus Polen. Auch Juden aus Russland, die in ihre Heimat zurückkehrten, seien mit Steinen beworfen und „auf allen Wegen“ ermordet worden, schreibt Mendl Man im Dezember 1946 – und das, obwohl sie geglaubt hatten, „daß nach der furchtbaren Judenvernichtung die große Verbrüderung mit den slawischen Völkern kommen werde“. Man ruft die Juden daher dazu auf, Europa den Rücken zu kehren: „Es muss offen der Auszug aus Europa proklamiert werden. (...) Lasst uns aus dem europäischen Schlachthaus heraus!“

„Antisemitismus wird oft mit der Nazi-Zeit gleichgesetzt – dass diese Strömung sehr viel weiter verbreitet war, wird in der Schule nicht thematisiert“, sagt Student Boris Ganichev. Auch die Lager der Vertriebenen – „displaced persons“, kurz: DPs – würden im Geschichtsunterricht nicht angesprochen, ergänzt Rebecca Podlech. An die Juden, die in den DP-Lagern in und um Regensburg lebten, richtete sich „Der nayer moment“. Mit der Selbstverwaltung in diesen Lagern und dem Zusammenleben zwischen jüdischen DPs und Regensburgern beschäftigen sich die Studenten ebenfalls. „Offenbar wurde der Kontakt damals vermieden“, sagt Studentin Annika Nielsen. Heute, fast 70 Jahre später, beginnt mit der Übersetzung von „Der nayer moment“ ins Deutsche und der geplanten Ausstellung ein Dialog.

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