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Lehre

Die Professur vom Discounter

Von Unternehmen wie Lidl bezahlte Stiftungsprofessuren stehen in der Kritik. Manche sehen die Freiheit der Lehre in Gefahr.
Von Louisa Knobloch

An vielen deutschen Universitäten lehren Stiftungsprofessoren, deren Stellen von Unternehmen bezahlt werden. Foto: Peter Kneffel/dpa

Regensburg.20 neue Professuren für Betriebswirtschaftslehre auf einen Streich: Eine Kooperation der Technischen Universität München (TUM) mit der Stiftung des Lidl-Gründers Dieter Schwarz sorgt aktuell für Aufsehen. Denn in den meisten Fällen finanzieren Unternehmen oder Stiftungen einer Hochschule nur eine sogenannte Stiftungsprofessur, die in der Regel auf fünf bis sieben Jahre befristet ist und im Anschluss von der Hochschule selbst weitergeführt wird. Die Dieter-Schwarz-Stiftung bezahlt dagegen 20 neue Professorenstellen, und zwar über die komplette Dienstzeit – also von der Berufung bis zur Emeritierung. 13 dieser Professuren werden an einem gemeinsamen Lehr- und Forschungsstandort der TUM und der Dieter-Schwarz-Stiftung im baden-württembergischen Heilbronn angesiedelt sein, sieben weitere an der TUM selbst.

Kritiker sehen hier die im Grundgesetz verankerte Freiheit von Forschung und Lehre in Gefahr. Im bayerischen Landtag forderte die Grünen-Abgeordnete Verena Osgyan ein Transparenzregister für Stiftungsprofessuren. Darin sollten Spender, Vertragsinhalte und Forschungsgegenstand offengelegt werden. Das bayerische Wissenschaftsministerium reagierte zurückhaltend auf den Vorstoß. Grundsätzlich sei Transparenz sinnvoll, sagte Pressesprecher Dr. Ludwig Unger. „Über eine geeignete Form muss im Dialog mit den Hochschulen entschieden werden.“

Insgesamt ist die Zahl der Stiftungsprofessuren überschaubar: Von bundesweit rund 47 000 Professuren sind es 1000, also knapp über zwei Prozent. In Bayern gab es – Stand Ende 2016 – 140 Stiftungsprofessuren, den Großteil davon an den Universitäten (103).

Uni Regensburg: Daten sind vertraulich

An der Universität Regensburg gibt es derzeit neun Stiftungsprofessuren, unter anderem für Volkswirtschaftslehre, Immobilienökologie, Theoretische Physik und Klinische Neurowissenschaften. Wer die Stifter sind oder wie viel Geld über welchen Zeitraum fließt, gibt die Uni nicht bekannt. „Aufgrund von Vertraulichkeitsverpflichtungen ist es der Universität Regensburg nicht möglich, detailliert Auskunft zu den jeweiligen Stiftern zu geben“, sagt eine Sprecherin. Die Stiftungsprofessuren würden es der Universität ermöglichen, „außerhalb des Curriculums neue Akzente in Forschung und Lehre zu setzen“. Die Sorge über eine mögliche Einflussnahme der Stifter sei unbegründet: „Die Universität Regensburg wahrt in all ihren Verträgen die Publikationsfreiheit der Forschenden“, so die Sprecherin.

Mehr Informationen bekommt man an der OTH Regensburg, die auch die Stifter nennt. So haben die Barmherzigen Brüder gemeinnützige Krankenhaus mbH und die Sonderkrankenhäuser des Bezirks Oberpfalz jeweils eine Professur im Bereich Pflege gestiftet. Von der Scheubeck-Jansen Stiftung wird eine Stiftungsprofessur ist im Bereich Biomedical Engineering finanziert. Noch nicht besetzt ist eine Stiftungsprofessur für den Bereich „Digitalisiertes Bauen“ vom Verein für Bauforschung und Berufsbildung des Bayerischen Bauindustrieverbands.

Prof. Dr. Klaudia Winkler ist die Vizepräsidentin der OTH Regensburg. Foto: Knobloch

Vizepräsidentin Prof. Dr. Klaudia Winkler, verantwortlich für den Bereich Berufungen, zufolge ermöglichen die Stiftungsprofessuren der Hochschule, schneller auf neue wissenschaftliche Themen zu reagieren. „Die OTH Regensburg kann durch die finanziellen Mittel der Stifter Professoren entsprechender neuer Fachgebiete zeitnah einstellen“, so Winkler. Denn für gewöhnlich würden neue Professoren nur berufen, wenn andere Professoren in Pension gehen. Nach dieser auf fünf oder sechs Jahre beschränkten „Anschubfinanzierung“ durch die Stifter führe die Hochschule die Stellen als ganz normale Professuren weiter.

Die Freiheit von Forschung und Lehre gerate durch diese Praxis nicht in Gefahr: „Unsere Stifter haben weder Einfluss darauf, wer eine Stiftungsprofessur erhält, noch haben sie Einfluss auf den Inhalt von Lehre und Forschung der jeweils finanzierten Professorenstelle“, betont Winkler. Die Verträge zu den Stiftungsprofessuren seien – wie alle anderen Verträge der Hochschule auch – aber nicht öffentlich einsehbar, sagt eine Sprecherin der OTH Regensburg.

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Kommentar

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An der TH Deggendorf sind aktuell sieben Professuren von Stiftern finanziert, nähere Informationen zu Stiftern oder Umfang des finanziellen Engagements bekommt man auch hier nicht. Laut Hochschul-Präsident Prof. Dr. Peter Sperber würden die Stiftungsprofessuren dazu beitragen, „Überlasten in der Lehre abzufedern und den Studierenden eine bessere Betreuung anzubieten“. Auch Sperber verwahrt sich dagegen, dass die Stifter Einfluss auf Forschung und Lehre nehmen könnten. „Natürlich werden Forschungsthemen auch mit dem Stifter durchgeführt – aber die würden auch dann durchgeführt, wenn keine Stiftungsprofessur vorhanden wäre. Die Hochschule ist weiterhin völlig frei bei der Ausrichtung der Forschungsthemen.“

Stiftungsprofessuren sind nur ein Beispiel für die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Neben gemeinsamen Forschungsprojekten gehören dazu auch die Vergabe von Stipendien wie dem Deutschlandstipendium, Hörsaal-Sponsoring oder ein Sitz von Wirtschaftsvertretern als externe Experten im Hochschulrat.

Horst Hippler ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Prof. Dr. Horst Hippler, hält Kooperationen von Hochschulen und Wirtschaft für wichtig: „Grundsätzlich ist es unbedingt wünschenswert, dass die Wirtschaft Forschung und Lehre fördert, weil das Teil eines lebendigen Austauschs ist“, so Hippler. Auch der Deutsche Hochschulverband sieht positive Aspekte: „Der Transfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft kann Forschung und Lehre befruchten. Gerade Studierende erhalten wertvolle Einblicke in die berufliche Praxis. Die Wirtschaft kann an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen partizipieren. Im Idealfall entsteht so eine ,Win-win-Situation‘“.

Kooperation ja, aber mit Grenzen

Hippler sieht jedoch eine Grenze überschritten, wenn eine Hochschule bei der Besetzung einer Stiftungsprofessur nicht das letzte Wort habe oder ein Stifter versuche, die Inhalte der Lehre oder die Ergebnisse von Forschung zu beeinflussen. Auch Dr. Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband betont, dass ein Stifter „insbesondere auf die Personalrekrutierung von Professoren oder deren Forschungsergebnisse“ keinen keinen Einfluss nehmen dürfe. Sein Verband spreche sich daher für „größtmögliche Transparenz“ aus: „Hochschulen und Stifter sollten ihre Kooperationsverträge der Öffentlichkeit umfassend zugänglich machen. Nur so kann Vertrauen entstehen.“

An der TU München werden Stiftungsprofessuren mit Themengebiet, Laufzeit, Höhe der Fördersumme und Namen des berufenen Wissenschaftlers veröffentlicht. „Was soll man noch mehr sagen?“, fragt der Sprecher. Zudem seien Stiftungsprofessuren – anders als etwa Auftragsforschung – keine Kooperation mit der Wirtschaft: „Bei einer Stiftung gibt es keine Gegenleistung.“

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