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Kolumne

Erstsemester – ein Albtraum!?

Im Hörsaal oder in der Cafete – überall sind jetzt Studienanfänger, grummelt unser Autor. Aber waren wir nicht alle mal jung?

Studenten des ersten Semesters sitzen in einem Hörsaal.
Studenten des ersten Semesters sitzen in einem Hörsaal. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Regensburg.Angst und Bange wird mir dieser Tage zumute, wenn ich über den Campus schreite. Jeder Hörsaal, jede Cafete, jedes Eck – ja sogar die Mensa ist voll fremder Gestalten. Ja, kurz vor Beginn der Vorlesungszeit, da hätte ich es erahnen müssen. Ahnen, als ich mich für Hausarbeiten und diverse bürokratische Angelegenheiten mühevoll und ermüdet den Galgenberg hinauf schleppte. Eine unüberschaubare Schlange bildete sich zu diesem Zeitpunkt schon vor der Studentenkanzlei. Die Erstsemester kommen wieder. Die Folge? Der einfache Student im höheren Semester ist der Leidtragende!

Die wollen jetzt auch ein Stück vom Studentenleben. Ein Stückchen geistigen Reichtum. Einen Platz im Hörsaal, dabei sind die doch sowieso schon überfüllt! Viel schlimmer noch, bei Seminaren mit Teilnehmerbegrenzung, da nehmen die einem die Plätze weg! Und unsere Kommilitoninnen, die gleich mit, die nehmen die uns auch weg! Diese elenden Erstsemestler!

Voller Wut und Besorgnis rasen mir diese Gedanken durch den Kopf, als ich nach einer weiteren überfüllten Vorlesung zur Cafete marschiere. Zwei köstlich aus der Bohne gewonnene Heißgetränke später, da beruhigen sich meine Nerven langsam. Diese vermaledeiten Erstis! Ewig musste ich für meinen Kaffee anstehen, wegen denen! Bevor mich wieder eine schäumende Wut ergreifen kann, krame ich in meiner Tasche und schlage meinen Cicero auf. „Wer als Fremder im Land wohnt, ist verpflichtet, nur seinen Geschäften nachzugehen, keine Nachforschungen über jemanden anzustellen und keinesfalls vorwitzig zu sein.“ Genau so ist es! Doch wer als Erstsemester an der Universität studiert, der geht nicht nur seinen Geschäften nach! Nein! Sie strömen in unsere Fachschaften, in unsere Theatergruppen, auf unsere Studentenpartys. Dabei sprechen sie nicht einmal unsere Sprache. So vernehme ich seit einigen Wochen immer wieder seltsames Kauderwelsch, ganz kuriose Ausrufe wie „Yolo“ oder „Läuft bei dir“. So befremdlich wie ihre Sprache, ist auch die ganze Kultur dieser Erstsemester. Youtube-Stars, Smartphone seit der 5. Klasse und Turnbeutel in der Vorlesung. Das gehört doch nicht zu unserem aufgeklärten akademischen Kulturkreis!

Fast wie selbst, nur getrieben vom blinden Hass, welcher in mir aufsteigt, erhebe ich mich von meinem Platz und steige auf einen Tisch in der Cafete. „Stoppt die uneingeschränkte Einwanderung der Erstsemester!“, schreie ich in die Menge. „Erstis raus! Erstis raus!“, beginne ich zu skandieren. „Wir höheren Semester dürfen uns das nicht mehr gefallen lassen!“. Mit freudiger Anspannung erwarte ich nun, wie die versammelten Massen mir zujubeln und die unwillkommenen Erstsemester aus der Cafete treiben. Stattdessen aber nur betretenes Schweigen, durchsetzt von kaum vernehmbaren Gekicher und Gemurmel aus allen Richtungen. Kurz darauf beginnen einige Studenten mir zuzurufen: „Spinner! Wir alle waren doch mal Erstsemester!“, „Was ist denn mit dir los, Junge!“ und allerlei obszöne Bemerkungen, welche hier unerwähnt bleiben sollen. Ja, eine der Mitarbeiterinnen der Unicafete drohte mir sogar mit dem Rauswurf, sollte ich nicht sofort vom Tisch herabsteigen.

Tief gegrämt, voll verletztem Stolz und mit schamesrotem Kopf renne ich hinaus auf den Campus. In meiner übereilten Hast stürze ich schmerzhaft zu Boden. Umgeben vom grauen Beton unserer geliebten Universität erblicke ich mein Spiegelbild in einer Pfütze. Aber es ist nicht mein von Hausarbeiten, Prüfungen und Erwartungsdruck geplagtes Selbst, welches mir entgegen blickt. Stattdessen sehe ich mich vor fünf Semestern, voller Neugierde, freudigen Erwartungen auf das Studentenleben, aber auch begleitet von Nervosität und ein bisschen Angst.

Schreiend schrecke ich aus dem Schlaf. Ach weh, welch grausamer Albtraum! Ich erhebe mich aus dem Bett, mache meine Morgenwäsche, trinke meinen Kaffee und räume meine Tasche für die Uni ein. Als ich die Haustüre hinter mir schliesse denke ich still lächelnd: „Ach, was für alberne Schreckgespenster, Erstsemester. Sowas gibts ja gar nicht.“

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