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Lehrerausbildung auf neuen Wegen

Am AMG Regensburg wird die erste „UR-Klasse“ eingerichtet. Ziel ist es, die Aus- und Fortbildung von Lehrern zu verbessern.
Von Louisa Knobloch, MZ

Interessiert beobachten die Lehrkräfte den Test der videogestützten Unterrichtsbeobachtung.
Interessiert beobachten die Lehrkräfte den Test der videogestützten Unterrichtsbeobachtung. Foto: Knobloch

Regensburg.Konzentriert beugen sich die Schüler über ihre iPads. Die Arbeit mit Texten steht in dieser Englischstunde im Mittelpunkt und Lehrer Martin Fritze hat drei Aufgaben zur Wahl gestellt: Aus Beispieltexten sollen die Schüler mit Hilfe des Tablets entweder eine Präsentation, einen Comic oder ein informatives Video erstellen. Eigentlich eine ganz normale Schulstunde für die „PadUcation-Klasse“ 9e der Johann-Turmair-Realschule Abensberg. Wären da nicht die Kameras und Mikrofone über den Köpfen der Schüler, die alles aufzeichnen.

Im Nebenraum sitzen zwei Dutzend Personen und beobachten interessiert die Szenen aus dem Klassenzimmer nebenan, die aus fünf verschiedenen Kameraperspektiven parallel übertragen werden. Es ist der erste Test für die sogenannte „UR-Klasse“, die derzeit am Regensburger Albertus-Magnus-Gymnasium (AMG) eingerichtet wird. Projektleiterin Prof. Dr. Petra Kirchhoff, Professorin für Fachdidaktik Englisch an der Universität Regensburg, und Projektkoordinator Stefan Prock möchten den AMG-Lehrkräften das neue System vorstellen. Dazu hat Kirchhoff den Abensberger Lehrer Martin Fritze, der auch einen Lehrauftrag an der Universität hat, mit seiner Klasse eingeladen.

Die Einrichtung der „UR-Klassen“ ist Teil des Projekts „KOLEG – Kooperative Lehrerbildung Gestalten“ der Universität Regensburg, das durch die bundesweite Initiative „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ gefördert wird. Bis 2017 sollen an vier öffentlichen Schulen im Raum Regensburg – je einer Grund-, Mittel-, Realschule sowie einem Gymnasium – solche „UR-Klassen“ zur videogestützten Unterrichtsbeobachtung eingerichtet werden. Den Anfang macht zum Schuljahr 2016/17 das AMG.

Die Kameras sind teils dreh- und Schwenkbar – so können auch einzelne Schülergruppen beobachtet werden.
Die Kameras sind teils dreh- und Schwenkbar – so können auch einzelne Schülergruppen beobachtet werden. Foto: Screenshot

Seit April wurde die erforderliche Technik eingebaut: Fünf teils dreh- und schwenkbare Kameras und sechs Konferenzmikrofone sind an der Decke befestigt und übertragen Bild und Ton an einen Rechner im Nebenraum. Die Bilder kann man entweder live streamen oder sich später den Videomitschnitt anschauen. Auf dem sechsten Kanal kann das Bild des interaktiven Whiteboards aufgezeichnet werden. Mithilfe eines Joysticks ändert Stefan Prock die Perspektive, folgt dem Lehrer durch das Klassenzimmer oder zoomt auf einzelne Arbeitsgruppen.

Besseres Feedback für Referendare

Die videogestützte Unterrichtsbeobachtung soll in erster Linie der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften dienen – im Studium, im Referendariat und später im Beruf. Für Kirchhoff steht die intensive Kooperation von Universität und Schule im Zentrum. „In der Schweiz haben sogenannte hybride Klassenzimmer schon eine längere Tradition“, sagt sie. Auch in einigen deutschen Bundesländern gebe es bereits Uni-Klassen – in der Region sei das aber ein Novum.

Für AMG-Schulleiter Sebastian Thammer ist das ein interessantes Projekt. „Als Seminarschule sind wir in der Lehrerausbildung aktiv“, sagt er. Bisher würden bei Unterrichtsbeobachtungen fünf oder sechs Personen hinten im Klassenzimmer sitzen. „Das hat schon Einfluss auf die Unterrichtssituation.“ Bei der videogestützten Unterrichtsbeobachtung wüssten die Schüler zwar auch, dass sie gefilmt werden. Wie die Testklasse der Realschule Abensberg auf Nachfrage bestätigt, vergessen die Schüler die Kameras über ihnen aber schnell. „Das, was man beobachten will, wird dadurch authentischer“, ist Thammer überzeugt. Das System solle sowohl für die Ausbildung von Referendaren als auch für die Fortbildung von Lehrkräften eingesetzt werden. „Hier wäre es denkbar, den Raum für die kollegiale Hospitation zu nutzen.“

Lehrer Martin Fritze und seine Klasse 9e aus Abensberg waren die ersten, die das neue Klassenzimmer ausprobierten.
Lehrer Martin Fritze und seine Klasse 9e aus Abensberg waren die ersten, die das neue Klassenzimmer ausprobierten. Foto: Screenshot

Kirchhoff zufolge ermöglichen die Videos einem Ausbilder, dem Referendar sehr differenziertes Feedback zu geben. „Wenn man sich selbst in der Unterrichtssituation beobachten kann, hat das einen unglaublichen Aha-Effekt. Man kann viel besser nachvollziehen, was der Ausbilder meint.“ Für die universitäre Lehre wären die Unterrichtsvideos ebenfalls eine Bereicherung, sagt Kirchhoff. In ihren Vorlesungen arbeitet sie bereits mit schon veröffentlichtem Material aus anderen Schulen. „In der Vorlesung kann ich den Studenten im zweiten oder dritten Semester sonst nur beschreiben, worauf sie achten müssen – ein Video zu zeigen, macht es konkret.“

Auch für die „UR-Klassen“ haben Kirchhoff und ihre Mitarbeiter daher einen Antrag beim Kultusministerium gestellt, die Videos in eingegrenzten Lehrsituationen an der Universität nutzen zu dürfen. „Datenschutz ist enorm wichtig“, sagt Kirchhoff. Nur, wenn eine Einverständniserklärung der Lehrer, Eltern und Schüler vorliegt, darf der Unterricht überhaupt aufgezeichnet werden. Einzelne Bereiche des Klassenzimmers werden von den Kameras nicht erfasst, so dass es möglich wäre, am Unterricht teilzunehmen, ohne im Video zu erscheinen, erklärt Prock. Der Ton werde allerdings immer aufgezeichnet.

Auch für die Forschung interessant

Neben Lehrkräften ist auch Elternbeiratsvorsitzende Dr. Barbara Lermann zur Vorstellung des Projekts gekommen. Das Vorhaben sei zukunftsträchtig, findet sie. „Wenn die Datenschutz-Fragen alle geregelt sind, werden wir das als Elternbeirat unterstützen.“

Prof. Dr. Petra Kirchhoff leitet das Projekt „UR-Klassen“.
Prof. Dr. Petra Kirchhoff leitet das Projekt „UR-Klassen“. Foto: Kirchhoff

Angestoßen wurde das Projekt zwar von der Englischdidaktik, die „UR-Klasse“ sei aber nicht fachbezogen, sondern stehe allen interessierten Lehrkräften offen, betont Kirchhoff. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Für Fächer, die eine besondere Ausstattung benötigen, wie Naturwissenschaften, Kunst oder Sport, ist der Raum nicht geeignet. „Wir planen, auch ein mobiles Aufnahmesystem einzurichten – das wird aber noch dauern“, sagt Prock.

Auch für die Forschung könnten die „UR-Klassen“ künftig genutzt werden. „Beispielsweise könnte man neue Formen, Hörverstehen zu unterrichten, ausprobieren“, sagt Kirchhoff. Zunächst konzentriert sich das Team aber auf die Lehre. Im neuen Schuljahr sollen zwei Seminare in der Fachdidaktik Englisch abwechselnd an der Universität und am AMG stattfinden. Und auch die nächste „UR-Klasse“ ist bereits in Planung: Sie wird ebenfalls im Herbst an der Grundschule Burgweinting eingerichtet. Schulleiter Thammer freut sich über das große Interesse aus dem Kollegium. An zwei Terminen erhalten die Lehrkräfte jetzt eine Einweisung und können das System auch selbst ausprobieren.

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Das Projekt KOLEG

  • Förderung

    Die Einrichtung von „UR-Klassen“ an vier öffentlichen Schulen ist Teil des Projekts „KOLEG – Kooperative Lehrerbildung Gestalten“ der Universität Regensburg. Im Rahmen der bundesweiten „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ wird KOLEG zwischen 2015 und 2018 mit rund 5,2 Millionen Euro gefördert.

  • Teilprojekte

    KOLEG gliedert sich in zehn Teilprojekte, die sich jeweils primär einem der folgenden vier Schwerpunkte widmen: Kohärenz im Studien- und Ausbildungsprogramm (Referendariat), Orientierung und Begleitung, Qualitätssicherung sowie Heterogenität und Inklusion.

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