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Hochschule
Dienstag, 22. Mai 2018 27° 2

Interview

Musik verbindet Regensburg und Kuba

Prof. Stefan Baier, alter und neuer Rektor der Musikhochschule, spricht über seine Pläne – und eine besondere Kooperation.
Von Louisa Knobloch, MZ

Prof. Stefan Baier im Innenhof der Musikhochschule: Seit Oktober läuft seine zweite Amtszeit als Rektor. Foto: Knobloch

Regensburg.Zunächst sind es nur schwarze Punkte auf weißem Papier. „Aber wenn man die Noten zum Klingen bringt, öffnet sich eine andere Welt“, sagt Prof. Stefan Baier. Musik ist die große Leidenschaft des 48-Jährigen. Im Sommer wurde er als Rektor der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg (HfKM) wiedergewählt, seit Oktober läuft seine zweite Amtszeit. Trotz der vielen Verwaltungsaufgaben gibt er weiterhin Unterricht in Orgelliteraturspiel und Cembalo. „Das möchte ich nicht missen“, sagt Baier. „Wenn jemand da sitzt und spielt, dann zeigt er etwas von seiner Seele.“

Die vergangenen vier Jahre seien in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung gewesen, sagt Baier im Rückblick auf seine erste Amtszeit. „Die Hauptaufgabe als Leiter der Hochschule sehe ich darin, für die uns anvertrauten Studierenden einen optimalen Ort zu schaffen, an dem sie sich ihrer Leidenschaft, der Musik, widmen können“, betont er. Gelingen könne dies nur dank der großen Unterstützung der Kollegen im Haus sowie der äußerst konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Stiftungsrat der Hochschule und den staatlichen Institutionen.

Zu Baiers Zielen für seine zweite Amtszeit gehört die Akkreditierung der Studiengänge, aber auch der Ausbau der Kooperationen vor Ort. „Ich hoffe, dass es mittlerweile in Regensburg angekommen ist, dass es neben Universität und OTH noch eine dritte Hochschule gibt“, sagt Baier. Gefreut hat er sich, dass seit einigen Wochen ein Schild in der Frankenstraße Autofahrer auf die Musikhochschule in Stadtamhof hinweist.

In den vergangenen vier Jahren habe sich die Zusammenarbeit mit der Stadt sehr positiv entwickelt, betont Baier. Unter anderem wurde eine Kooperation mit dem Stadttheater etabliert. Nach einem erfolgreichen Probespiel können Studenten der Hochschule im Rahmen eines Praktikums bei einer Theaterproduktion mitwirken und Erfahrungen als Instrumentalisten und Sänger sammeln. In diesem Jahr spielten sieben HfKM-Studenten beim Händel-Oratorium „Saul“ im Orchester, mit Baier am Cembalo und Verena Sommer als Konzertmeisterin waren auch zwei Dozenten vertreten. „Das ist eine ganz wunderbare Ergänzung zum Studium“, findet Baier.

Eine weitere Zusammenarbeit mit der Stadt gibt es bei der von Prof. Kunibert Schäfer geleiteten Reihe „erstmal neues“. Am 22. Januar ab 19.30 Uhr stehen im Konzertsaal der Kirchenmusikhochschule wieder zeitgenössische Werke ab dem Jahr 2000 auf dem Programm. Geplant sind auch Workshops – so wird etwa das Salzburger Ensemble „NAMES“ seine Kompositionstechniken vorstellen. In Anlehnung an die traditionsreichen „Tage Alter Musik“ in Regensburg spricht Baier hier von „Tagen Neuer Musik“. „Die Stadt sollte nicht nur mit ihren historischen Pfunden wuchern, sondern auch diesem Feld der Neuen Musik verstärkt einen Raum geben“, wünscht sich der HfKM-Rektor.

Vorbereitungskurs in Musiktheorie

Bei den Hochschulkonzerten, die während des Semesters regelmäßig stattfinden, zeigt sich die ganze Vielfalt des Studienangebots, das neben Kirchenmusik und Orgel auch Instrumental- und Gesangspädagogik oder Dirigieren/Chorleitung umfasst. In Kooperation mit der Universität Regensburg werden an der HfKM zudem Schulmusiker für das gymnasiale Lehramt ausgebildet. Dabei kombinieren die Studenten Musik entweder mit einem weiteren Fach an der Universität oder – beim Doppelfach – mit einem Bachelorstudiengang an der HfKM. „In diesem Fall müssen sie sowohl an der Universität als auch bei uns eine Aufnahmeprüfung ablegen – haben aber am Ende zwei Abschlüsse“, sagt Baier.

Die Eignungsprüfungen für alle Studiengänge finden jedes Jahr im Sommer statt. „Dabei haben wir festgestellt, dass gerade in den Theoriefächern Gehörbildung und Tonsatz Defizite herrschen“, berichtet Baier. Als Ursache sieht er nicht zuletzt das achtjährige Gymnasium, das weniger Zeit für Musikunterricht bietet. Die Hochschule hat darauf reagiert und bietet seit diesem Wintersemester einen Vorbereitungskurs für Interessenten an. Zehn Teilnehmer üben nun einmal pro Woche anderthalb Stunden Musiktheorie und Gehörbildung, um sich fit für die Prüfung zu machen. Die ist anspruchsvoll: „Für 25 Studienplätze haben wir im Schnitt 120 Bewerber.“

Ausgebaut wurde der Bereich Frühförderung: Neben den 35 Kindern und Jugendlichen, die als Jungstudierende Unterricht an Streichinstrumenten wie Geige oder Cello bekommen, werden mittlerweile auch sieben Schüler an der HfKM an Tasteninstrumenten wie Klavier und Orgel ausgebildet.

Die Geschichte der Hochschule

  • Gründung

    Am 22. November 1874 wird die Kirchenmusikschule Regensburg von Franz Xaver Haberl als weltweit erste und bis heute bestehende katholische Kirchenmusikschule gegründet. 1973 wird die staatlich anerkannte Kirchenmusikschule in die „Fachakademie für katholische Kirchenmusik und Musikerziehung“ umgewandelt.

  • Hochschule

    Im Jahr 2001 wurde aus der bisherigen Fachakademie die Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg (HfKM). Hochschulträger ist die kirchliche „Stiftung Kirchenmusikschule“, Großkanzler ist Bischof Rudolf Voderholzer.

Kernbereich der Hochschule ist und bleibt aber die Kirchenmusik. „Hier haben wir weiter regen Zulauf an Studenten“, sagt Baier. Und die Berufsaussichten seien gut: „Kirchenmusik ist ein Studium mit Jobgarantie.“ Das bisher von einem Dozenten unterrichtete Fach Gregorianik und Liturgiegesang soll ab dem Wintersemester 2016/17 mit einer eigenen Professur besetzt werden, kündigt Baier an. Auch ein Masterstudiengang in diesem Bereich soll dann starten.

Mit insgesamt knapp 200 Studenten ist die HfKM zwar eine relativ kleine Hochschule – im Bereich Kirchenmusik hat sie aber dennoch Weltrang. So verwundert es nicht, dass der Anteil ausländischer Studenten mit etwa 25 Prozent sehr hoch ist. Sie kommen aus Südtirol, Tschechien, der Slowakei, Polen, Portugal, Japan, Korea, Uganda, Mexiko – und seit kurzem sogar aus Kuba. Dass Lauren Avila Molina, Yudania Heredia Gómez und Moisés Santiesteban hier studieren können, ist das Ergebnis einer über mehrere Jahre gewachsenen Zusammenarbeit.

HfKM-Rektor Prof. Stefan Baier (r.) mit Kardinal Jaime Ortega und Prof. Dr. Gregor Pozniak in Havanna. Foto: HfKM

Im Jahr 2006 besuchte Stefan Baier zusammen mit seiner Kollegin Claudia Gerauer das „Esteban Salas“-Festival für Alte Musik in Havanna. „Wir haben dort ein Konzert gespielt und wurden dann gefragt, ob wir nicht einen Kurs geben könnten“, erinnert sich Baier. Zusammen mit einer Schweizer Musikerin gaben sie eine Woche lang Unterricht. Gerauer, die Spanisch spricht, hielt weiter den Kontakt und so folgte 2008 die nächste Einladung nach Kuba. Anlass war die Einweihung einer frisch restaurierten Orgel – der ersten seit der Revolution.

Begeisterung für Orgel geweckt

„Dass mit einer Orgel ein mit der Kirche verbundenes Instrument restauriert wird, war ein kleines Symbol für die Öffnung des Landes“, sagt Baier. Eine Woche gab es bei einem Mini-Festival Orgelmusik zu hören. „Die Iglesia de Paula war rappelvoll.“ Eine alte Dame sei mit Tränen in den Augen zu ihm gekommen und habe erzählt, dass sie zuletzt als Kind eine Orgel gehört habe. „Dass die Menschen so berührt sind, hätte ich nicht erwartet.“

Im Februar 2009 reiste er wieder nach Kuba, um ein Orgelkonzert und einen Kurs für begabte junge Pianisten zu geben. Einer von ihnen war Moisés Santiesteban. „Fortan wollte er sein Leben diesem Instrument widmen“, berichtet Baier. Bis zum nächsten Besuch 2010 hatte er bereits große Fortschritte gemacht – und äußerte den Wunsch, in Deutschland Orgel zu studieren. Das war allerdings nicht einfach, denn Kubaner durften nicht ausreisen. Dank der Vermittlung der Diözese Regensburg durfte Moisés Santiesteban in mehrwöchigen Blöcken zum Orgelunterricht nach Regensburg kommen, 2016 wird er seinen ersten Abschluss machen. In der Kathedrale von Havanna arbeitet er bereits als Domorganist.

In der Bibliothek des Instituo Felix Varela: Prof. Stefan Baier (2.v.l.) mit Kardinal Jaime Ortega, Rektor Pater Josvany, Claudia Gerauer, Orgelbauer Ferdinand Stemmer und Moises Santiesteban. Foto: HfKM

Während seiner Zeit in Regensburg erlebte Santiesteban die Vorbereitungen für den Katholikentag mit und regte an, in Havanna eine Kirchenmusikwoche zu organisieren. Im Frühjahr 2014 fand die erste „Semana de la Musica Sacra“ statt, 2016 geht sie bereits in die dritte Runde. Veranstaltet wird sie vom „Instituto superior Felix Varela“, einer neugegründeten kirchlichen Hochschule in Havanna. „Unser Ziel ist es, dort einen eigenen Kirchenmusik-Studiengang aufzubauen“, sagt Baier. Im September 2016 soll er starten. „Was wir dort brauchen, sind Noten“, sagt Baier. Als damaliger Präsident des Rotary Clubs „Porta Praetoria“ Regensburg organisierte er im Februar 2015 eine Reise nach Havanna – mit kiloweise Musikliteratur im Gepäck. Kuba wird Baier nicht so schnell wieder loslassen. „Ich fände es schön, wenn die Welterbestädte Havanna und Regensburg mittelfristig engere Beziehungen eingehen würden.“

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