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Russland

„Revolution“ im Hochschulsystem

In Russland entsteht derzeit ein Zwei-Klassen-System: „Ineffiziente“ Hochschulen sollen geschlossen werden, Führende Universitäten erhalten mehr Geld.
Von Louisa Knobloch, MZ

Der Leiter der DAAD-Außenstelle Moskau, Dr. Gregor Berghorn, sprach an der Universität Regensburg über das russische Hochschulsystem. Foto: Knobloch

Regensburg.„Wir erleben hier eine Revolution“, sagt Dr. Gregor Berghorn. Der Leiter der DAAD-Außenstelle in Moskau spricht von den aktuellen Reformen im russischen Hochschulsystem. In diesem Bereich sei der größte Wandel seit 1917 im Gange: „Hochschulen und wissenschaftliche Institute werden erst jetzt von der Perestroika erreicht.“ Auf Einladung des Bayerischen Hochschulzentrums für Mittel-, Ost- und Südosteuropa (BAYHOST) stellte Berghorn an den Hochschulen Amberg-Weiden und Augsburg sowie an den Universitäten Regensburg und Passau aktuelle Entwicklungen und Kooperationsansätze vor.

Russland befinde sich auf dem Weg zu einem Zwei-Klassen-System im Hochschulbereich, so Berghorn. Dies habe mit der Ernennung von zunächst vier Hochschulen zu sogenannten Führenden Universitäten im Jahr 2005/06 begonnen. Mittlerweile gibt es 44 solcher Führenden Universitäten, die sich in zwei Autonome, neun Föderale und 33 Nationale Forschungsuniversitäten unterteilen. „Diese Universitäten haben enorme Privilegien“, sagt Berghorn. Das reiche von der Berechtigung, ausländische Dozenten oder Wissenschaftler einzustellen über mehr curriculare Freiheiten bis hin zu einer Zusatzfinanzierung von einer Milliarde Rubel pro Jahr und Universität für zunächst vier Jahre.

Zudem hätten die Führenden Universitäten eine klare Anweisung, die Internationalisierung voranzutreiben. Kooperationen mit ausländischen Universitäten seien erwünscht, mehr ausländische Studenten und Dozenten sollten nach Russland kommen. Neben bürokratischen Widerständen seien hier die zum Teil fehlenden Englischkenntnisse bei Wissenschaftlern und auf der Führungsebene sowie die wenig ausgeprägte kulturelle Akzeptanz fremder Strukturen und Arbeitskulturen hinderlich. „Mit der Verjüngung der Hochschulleitungen wird hier mehr Bewegung entstehen“, ist Berghorn überzeugt.

Derzeit sorgt in Russland die mögliche Schließung zahlreicher Hochschulen für Diskussionen. 2012 hatte Präsident Wladimir Putin gefordert, die Zahl der Hochschulen um ein Viertel zu verringern. Eine Effizienzprüfung habe daraufhin im November 2012 ergeben, dass 136 von 541 geprüften Hochschulen „nicht effizient“ seien, so Berghorn. Darunter seien besonders viele geisteswissenschaftliche, pädagogische, künstlerische oder landwirtschaftliche Hochschulen, deren Rektoren gegen die Ergebnisse der Prüfung protestierten. Dass Geisteswissenschaften in Russland traditionell nicht sehr angesehen sind, hatte Berghorn bereits in seinem Überblick zur Geschichte des russischen Hochschulsystems deutlich gemacht. Schon Zar Peter I. habe im 18. Jahrhundert gesagt: „Wissenschaft muss dem Staat und seiner Ökonomie nutzen“. Und nützlich sei nun einmal der Ingenieur, nicht der Philosoph, so Berghorn.

Die Hochschulen hätten aber auch eine siedlungspolitische Funktion, sie fungierten als Magnete, die junge Menschen in der Region hielten – und das sei in einem so großen Land wie Russland durchaus wichtig. Gerade der rohstoffreiche Osten sei dünn besiedelt. „Hier muss man Anreize schaffen“, betonte Berghorn. Seit Sommer 2013 laufe nun eine zweite Evaluierung der Hochschulen – diesmal auch unter dem Kriterium wie Absolventen auf dem Arbeitsmarkt unterkommen.

Die drei russischen Partnerhochschulen der Universität Regensburg – die Lomonossow Universität Moskau, die Staatliche Technische Universität Sankt Petersburg und die Staatliche Universität Kasan – gehören übrigens alle zur Gruppe der Führenden Universitäten. Drei bis fünf Studierende aus Regensburg gehen pro Jahr an jede dieser drei Hochschulen, sagt die Leiterin des Akademischen Auslandsamts, Marianne Sedlmeier. Bewerber müssten gute Russischkenntnisse haben, da Lehrveranstaltungen auf Englisch die Ausnahme seien. Im Gegenzug kommen auch russische Studenten an die Universität Regensburg. Die aktuell 91 Studierenden aus der Russischen Föderation stellten die größte Gruppe unter den ausländischen Studierenden an der Universität Regensburg, so Sedlmeier.

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