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Hochschule

Psychologie-Studierende laufen Sturm

Arbeit ohne Lohn, das ist Realität für viele angehende Psychotherapeuten. Auch die Regensburger Studenten protestieren.
Von Ramona Rangott

Vollzeit-Ausbildung und Nebenjob, um über die Runden zu kommen - viele Absolventen der Psychologie-Studiengänge bringt das an ihre Grenzen. Foto: Ramona Rangott)
Vollzeit-Ausbildung und Nebenjob, um über die Runden zu kommen - viele Absolventen der Psychologie-Studiengänge bringt das an ihre Grenzen. Foto: Ramona Rangott)

Regensburg.Die meisten Studenten freuen sich darauf, nach einigen Semestern endlich das Bachelor-Zeugnis in der Hand zu halten. Nicht so viele Absolventen eines Psychologie-Studiums: Nach fünf Jahren Studienzeit fängt der schwierigste Teil ihrer Ausbildung oft erst an. Wer als Psychotherapeut Fuß fassen will, muss nach dem Studium zusätzlich eine Ausbildung an einem privaten Institut absolvieren – und die ist nicht gerade billig. Mit Ausbildungsgebühren von bis zu 17 500 Euro können angehende Psychotherapeuten rechnen. Diese horrenden Kosten müssen oft aus eigener Tasche übernommen werden.

Kein Scherz: Arbeiten für lau

Unbezahlte Arbeit ist für die meisten angehenden Psychotherapeuten gang und gäbe. Durch die belastende Ausbildungssituation laufen die Auszubildenden Gefahr, vom Therapeuten zum Patienten zu werden. Foto: Ramona Rangott
Unbezahlte Arbeit ist für die meisten angehenden Psychotherapeuten gang und gäbe. Durch die belastende Ausbildungssituation laufen die Auszubildenden Gefahr, vom Therapeuten zum Patienten zu werden. Foto: Ramona Rangott

Der praktische Teil der Ausbildung, abgeleistet in einer Klinik oder Praxis, wird oft gar nicht oder nur sehr schlecht bezahlt – die Kosten müssen die angehenden Psychotherapeuten daher zusätzlich zu ihrer Vollzeit-Ausbildung durch die Aufnahme von Minijobs kompensieren. Viele Auszubildende kommen durch diese Doppelbelastung an ihre Grenzen, was auch die Ausübung ihres Berufs beeinträchtigt. Armin Ederer, Psychologiestudent im 5. Fachsemester: „Die derzeitige Ausbildungssituation ist sozial selektiv. Man muss schon von Haus aus finanziell besser gestellt sein, um sich von der finanziellen Belastung, die durch die psychotherapeutische Ausbildung auf einen zukommt, nicht abschrecken zu lassen. Viele Studieninteressierte fangen daher mitunter gar nicht erst an, Psychologie zu studieren.“

Armin Ederer von der Regensburger Fachschaft Psychologie hat eine „riesige Gesetzeslücke“ ausgemacht: „Absolventen eines Psychologie-Studiums haben in Deutschland keinen einheitlichen Rechtsstatus, daher greifen auch die Regelungen des Arbeitsrechts nicht. Laut Gesetz gelten psychotherapeutische Auszubildende als Praktikanten. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Während die Ausbildung ursprünglich dafür gedacht war, den angehenden Psychotherapeuten die Möglichkeit zu geben, Erfahrungen im Umgang mit Patienten zu sammeln, ersetzen sie mittlerweile in vielen Kliniken fertig ausgebildete Psychotherapeuten und müssen ohne große Einarbeitung von Anfang an sehr viel Verantwortung tragen.“ Diese Verantwortung trügen die Auszubildenden letztlich für im Schnitt 1800 unbezahlte Arbeitsstunden.

Ein Meer aus handbeschriebenen Plakaten am Regensburger Haidplatz, wo sich die Psychologie-Studenten am Donnerstagnachmittag zum Protest eingefunden haben. Foto: Ramona Rangott
Ein Meer aus handbeschriebenen Plakaten am Regensburger Haidplatz, wo sich die Psychologie-Studenten am Donnerstagnachmittag zum Protest eingefunden haben. Foto: Ramona Rangott

Um die Qualität der Psychotherapie trotzdem zu sichern, skizzierte das Bundesministerium für Gesundheit am 23. Oktober 2016 die Kernpunkte einer Reform des Psychotherapeutengesetzes. Sie sieht vor, die psychotherapeutische Ausbildung künftig nicht mehr im Rahmen einer postgradualen Ausbildung nach dem Studienabschluss vorzunehmen, sondern einen mit der Bologna-Reform kompatiblen psychotherapeutischen Studiengang zu schaffen, welcher für die Studenten mit dem Erreichen des Doktor-Titels abschließt. Durch die Approbation wird eine Bezahlung während der darauffolgenden fachkundlichen Ausbildung möglich - die Doppelbelastung für die angehenden Psychotherapeuten fiele somit weg.

Armin Ederer sieht diesen Reformversuch wie viele seiner Kommilitonen kritisch: „Unser Bachelor-Studiengang Psychologie würde durch diese Neuregelung kaputtgemacht. Finanziert wird der neue Psychotherapie-Studiengang nämlich dann aus freiwerdenden Kapazitäten. Man kann also damit rechnen, dass die Mittel für Forschung und Lehre in den bisherigen Psychologie-Studiengängen gekürzt werden, was natürlich für die Fachwissenschaft an sich schlecht ist.“ Problematisch sei weiterhin, dass der geplante rein psychotherapeutisch ausgelegte Bachelor-Studiengang nur noch 20 ECTS-Leistungspunkte aus den psychologischen Grundlagen beinhalte. „Man lernt ja im reinen Psychologie-Studiengang die ganzen Basics, zum Beispiel über das menschliche Erleben - im neuen Studiengang würde ein Großteil davon wegfallen. Diese Kenntnisse werden den späteren Psychotherapeuten dann aber fehlen, was letztlich auch für die Behandlung der Patienten nicht optimal ist.“

Die Regensburger Psychologie-Studenten sehen sich bei der Reform des Bundesministeriums für Gesundheit außen vor. Foto: Ramona Rangott)
Die Regensburger Psychologie-Studenten sehen sich bei der Reform des Bundesministeriums für Gesundheit außen vor. Foto: Ramona Rangott)

Regensburger auf den Barrikaden

Diese Missstände in der psychotherapeutischen Ausbildung wollen nun auch die Psychologie-Studenten in Regensburg nicht mehr länger hinnehmen. Aus diesem Grund rief die Fachschaft Psychologie der Universität Regensburg am 10. November am Haidplatz zum Protest. Die Psychologie-Studenten fordern, den bisherigen Bachelor beizubehalten, um den Studierenden des Grundstudiums eine Orientierungsphase zu ermöglichen, in welcher sie sich Klarheit verschaffen können, in welchem Bereich sie nach ihrem Studium tätig werden wollen. Sollten sie dann doch den Entschluss fassen, als Psychotherapeut zu arbeiten, wäre nach Ansicht der Studenten ein aufbauender psychotherapeutischer Master-Studiengang die sinnvollste Lösung. „Ein Masterstudiengang würde es ermöglichen, sowohl eine fundierte psychologische Grundlagenausbildung, als auch - durch die damit verknüpfte Approbation - eine fair entlohnte Arbeitssituation in der darauffolgenden Weiterbildung zu vereinen. Das wäre unser Ziel“, so Armin Ederer.

Den Protest am Donnerstag bewertet er im Nachhinein als Erfolg. Vor allem von der regen Beteiligung seiner Kommilitonen zeigt er sich begeistert. Zwischen 30 und 40 Prozent der Regensburger Psychologie-Studenten kamen gegen 15.30 Uhr am Haidplatz zusammen und sammelten Unterschriften. Die Demo in Regensburg gliedert sich dabei in eine bundesweite Aktion von Psychologie-Fachschaften ein. Der nächste Protest in Regensburg ist bereits für Mai nächsten Jahres geplant.

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Im Kugelschreiber bloggen Regensburger Studenten über den Uni-Wahninn in der Stadt:

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