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Jubiläum

Von der Zuse zum Hightech-Rechner

Vor 40 Jahren startete an der Hochschule Regensburg der Studiengang Informatik. Studierende aus vier Jahrzehnten erzählen von ihren Erfahrungen.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Die Aufnahme zeigt das Grafiklabor der FH Regensburg Anfang der 1990er Jahre: Josef Koller steuert über den PC einen Roboterarm, der Gegenstände erfassen, diese drehen und wieder ablegen kann. Foto: Archiv/Uwe Moosburger
  • Klaus Stampfer gehörte 1973 zum ersten Jahrgang des Studiengangs Informatik an der FH Regensburg. Foto: Stampfer
  • Anneliese Engel studierte von 1981 bis 1986 an der FH Regensburg Informatik. Foto: Knobloch
  • Christine Zenz schrieb sich 1992 an der FH Regensburg für Informatik in der Fachrichtung Technik ein. Foto: Knobloch
  • Robert Pietsch studiert seit dem Wintersemester 2010/11 Wirtschaftsinformatik auf Bachelor. Foto: Knobloch
  • Im Labor Medical Devices Software trägt Ulli Geillersdörfer ein Neuro-Headset – dieses erfasst die Gehirnströme des Studenten der Medizinischen Informatik. Ziel ist es, einen Text zu buchstabieren. Foto: Knobloch
  • Im Labor für Digitaltechnik programmieren Thomas Volkmann und Nguyen Viet Hoan einen Lego-Mindstorm-Roboter. Foto: Knobloch
  • Im Labor ReMIC (Regensburg Medical Image Computing) arbeiten die Medizinstudentin Rebecca Wiesmüller und der Doktorand Carlos Serra an einer Simulation für das Bohren an der Hand. Ein Trackingsystem erfasst dabei die Spitze des Bohrers und überträgt die Daten an den Computer. Foto: Knobloch
  • Im Labor für Digitaltechnik spielen Patrick Sommer (l.) und Lukas Zirngibl Tischkicker gegen den Computer. Foto: Knobloch

Regensburg.An die Lochstreifen und Lochkarten kann sich Klaus Stampfer noch gut erinnern. 1973 hatte er sich an der Fachhochschule (FH) Regensburg für den neuen Studiengang Informatik eingeschrieben. Die Studierenden tippten ihre Algol-60-Programme auf Fernschreibern, die dann die Lochstreifen erzeugten. Diese wurden am Computer – einer Zuse Z23 – eingelesen. Kam eine Fehlermeldung, musste man wieder zurück an den Fernschreiber. „War nur ein Zeichen falsch, konnte man etwas darüberkleben und dann das richtige Zeichen in den Lochstreifen stanzen“, sagt Stampfer. Problematischer wurde es, wenn man ein Zeichen vergessen hatte oder eines zu viel in den Lochstreifen gestanzt hatte – dann musste man von vorne beginnen. „Die Lochkarten waren eine enorme Verbesserung, weil man bei Fehlern einzelne Lochkarten austauschen konnte und nicht den ganzen Lochstreifen neu erstellen musste“, sagt Stampfer. Aber auch hier lauerten Fallstricke: „Wenn einem der ganze Stapel Lochkarten herunterfiel, musste man sie mühsam wieder in die richtige Reihenfolge bringen.“

Kommunikations-Profis statt Nerds

23 Erstsemester hatten zum Wintersemester 1973/74 an der FH ihr Informatikstudium aufgenommen – damals noch komplett in der Prüfeninger Straße. Das Fach war noch nicht weit verbreitet, der Begriff „Informatik“ in der Gesellschaft kaum bekannt. „Ich wurde gefragt, ob ich in die Pressearbeit gehen würde“, erinnert sich Stampfer. „Meine Bekannten haben Informatik mit Informationen assoziiert, nicht mit Computern.“ Seine Begeisterung für digitale Elektronik hatte er bereits während seiner Ausbildung zum Fernmeldehandwerker entdeckt. „Ich habe 1970 mit Transistoren, Widerständen und Kondensatoren einen ,Rechner‘ gebaut, der die vier Grundrechnungsarten bis 15 beherrschte“, erzählt er. Im Studium stand dann die Software-Entwicklung im Mittelpunkt. Neben Algol 60, Fortran und Cobol lernte Stampfer die Programmiersprachen PL/1 und Assembler. Mit Assembler arbeitete er auch in den ersten Jahren beim IT-Unternehmen NCR in Augsburg, wo er Datenkommunikationsgeräte und später Software für Geldautomaten entwickelte. „Von dem, was ich im Studium gelernt habe, ist heute kaum noch etwas in Gebrauch“, sagt Stampfer. Als Informatiker müsse man sich daher ständig weiterbilden. „Die Programmiersprache C habe ich auf einem Flug zu einem Projekt in Kanada gelernt.“

In den 1980er Jahren zogen die Informatikstudenten von der Prüfeninger Straße ins Sammelgebäude der Universität. „Wir haben dort auf intelligenten Terminals programmiert“, erzählt Anneliese Engel. Diese hatten einen 8-Bit-Mikroprozessor, Z80, und als Betriebssystem nutzen sie CP/M. Der Bildschirm zeigte grüne Schrift auf schwarzem Hintergrund an. Es gab ein Diskettenlaufwerk für Acht-Zoll-Disketten, aber noch keine Festplatte. „Die Disketten hatten eine Speicherkapazität von etwa 800 Kilobyte – da passt nach heutigen Maßstäben noch nicht mal ein Foto drauf“, sagt Engel.

Sie habe ein Fach gesucht, bei dem sie ihre analytische und mathematische Begabung einsetzen, Theorie und praktische Anwendung verknüpfen und nach dem Studium gut verdienen könne. „Informatik war da genau das Richtige.“ Von 1981 bis 1986 studierte Engel an der FH – im Schwerpunkt Technische Informatik war sie eine von nur vier Frauen. „Das hat mich aber nicht gestört, das war ich schon vom mathematischen Zweig am Gymnasium gewohnt.“ Dass sich so wenige Frauen für das Fach entscheiden, liegt ihrer Ansicht nach auch am Bild des Informatikers: „Viele denken da an Nerds.“ Dabei benötige ein Informatiker ausgesprochen kommunikative Fähigkeiten „Man muss teamfähig sein, mit Konflikten umgehen und auf andere Menschen eingehen können – es soll ja genau die Anwendung herauskommen, die der andere braucht.“

Für ihre Diplomarbeit 1986 kaufte sich Engel einen IBM-kompatiblen PC und einen Nadeldrucker. „Der hat damals 700 Mark gekostet und klang wie eine Kreissäge.“ An der Hochschule habe es nur einen Drucker für etwa 30 Arbeitsplätze gegeben. „Da musste man immer sehr lange warten.“ Nach ihrem Abschluss arbeitete Engel als Systemanalytikerin und Projektleiterin bei BMW in München, seit über 20 Jahren ist die 51-Jährige freiberuflich als IT-Beraterin tätig und hält Schulungen für Führungskräfte in der IT.

Faszination LAN und das Internet

Auch Christine Zenz hat an der FH Informatik in der Fachrichtung Technik studiert. „Ich war die einzige Frau in meinem Jahrgang“, erzählt sie. Aufzufallen sei zugleich ein Vorteil und ein Nachteil gewesen. „Man kann sich nicht in der Menge verstecken.“ Als sie 1992 an die Hochschule kam, hatte sie schon erste Erfahrungen mit Computern gesammelt. „Mein erster Computer war ein Commodore Amiga 500 und darauf hatte ich auch schon erste kleine Programme geschrieben.“ Die 386er im PC-Labor im Sammelgebäude an der Universität waren über LAN verknüpft. „Das war eine faszinierende Funktion – wir haben gegeneinander ,Doom‘ gespielt“, erzählt Zenz. An Programmiersprachen wurden damals Pascal, C und später C++ gelehrt. „Als studentische Hilfskraft habe ich auch erste Analysen mit Java gemacht.“

Mitte der 1990er Jahre begann der Siegeszug des Internets. Im PC-Labor standen nun Unix-Rechner, über den Server der Universität konnten die Studierenden E-Mails verschicken. Allerdings ging alles noch ziemlich langsam: „Mein erstes Modem hatte eine Übertragungsrate von einem Kilobit pro Sekunde – heute sind es 51 200 Kilobit pro Sekunde“, sagt Zenz. Ihre erste berufliche Station war 1997 die EDV-Abteilung des Faserwerks Kelheim. Heute arbeitet sie im Bereich Produktionslogistik bei Osram Opto Semiconductors. „Ich bin Mittlerin zwischen Fertigung und IT-Abteilung“, beschreibt Zenz ihre Aufgabe. Informatik würde sie jederzeit wieder studieren – „ich würde mir aber im Studium mehr betriebswirtschaftliches Wissen aneignen, weil ich das im Beruf brauche.“

Dafür hat sich auch Robert Pietsch entschieden: Der 24-Jährige studiert seit dem Wintersemester 2010/11 an der Hochschule Regensburg Wirtschaftsinformatik – nicht mehr auf Diplom, sondern auf Bachelor. Vor allem die Bereiche Projektmanagement und Prozessoptimierung interessieren ihn – im Praxissemester konnte Pietsch hier bereits Erfahrungen sammeln. Die Mehrzahl der aktuell 1300 Studierenden ist immer noch männlich. „In Fächern wie Wirtschaftsinformatik und Medizinische Informatik ist der Frauenanteil aber höher als in allgemeiner oder Technischer Informatik“, sagt Pietsch.

Er bekam seinen ersten Computer vergleichsweise spät – in der 7. Klasse, für die Textverarbeitung in der Schule. „Das erste Jahr war hart“, erinnert er sich. Später machte ihm der Umgang mit dem Computer aber richtig Spaß. Dennoch sitzt Pietsch nicht den ganzen Tag vor dem Rechner: Neben dem Studium engagiert er sich in studentischen Gremien und in zwei Kulturvereinen. Wer sich für ein Informatik-Studium interessiert, sollte Freude an Mathematik haben und ein Grundverständnis an Logik mitbringen, sagt Pietsch. „Auch die Fähigkeit, abstrahieren zu können, ist wichtig.“ Er selbst plant, noch einen Master zu machen.

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