MyMz

Technologie

Wie WhatsApp, nur anonym

Drei Studenten bringen in Regensburg einen neuen Messenger auf den Markt. Lime anonymisiert Sender und Empfänger.
Von Jana Wolf, MZ

‹Germanist Thomas Gilli (l.), Physik-Student Sebastian Sellmaier (M.) und der BWLer Korbinian Bachmaier (r.) wollen mit ihrem Nachrichtendienst Lime eine Alternative zu bestehenden Messengern bieten.
‹Germanist Thomas Gilli (l.), Physik-Student Sebastian Sellmaier (M.) und der BWLer Korbinian Bachmaier (r.) wollen mit ihrem Nachrichtendienst Lime eine Alternative zu bestehenden Messengern bieten. Foto: Wolf

Regensburg.Pling. „Trump ist ein Hund.“ – Pling. „Wie lange geht das hier noch?“ – Pling. „Bis die Wahl entschieden ist.“ – Pling. „Ich versteh’ kein Wort, der Kerl vor mir redet dauernd.“ – Pling. „Ja, das nervt. Wenigstens ist das Bier gut.“ Es ist die US-Wahlparty an der Uni Regensburg. Während auf der anderen Seite des Atlantiks die Stimmen der Präsidentschaftswahl ausgezählt werden, kommentieren Studenten in Regensburg im Minutentakt mit. Handys laufen heiß. Kurznachrichten flitzen über die neue App Lime quer durchs Audimax. Ein Blitzgewitter aus Meinungen, Fragen, Witzen. Nur: Keiner weiß, wer die Nachrichten verschickt. Denn: Lime anonymisiert Sender und Empfänger. Die Studenten, die hier in Echtzeit miteinander kommunizieren, sitzen in den Sitzreihen vielleicht nur wenige Plätze auseinander. Sie wissen es nur nicht.

Die App ist eine anonyme Meinungsplattform. Entwickelt haben sie Korbinian Bachmaier (21), Sebastian Sellmaier (21) und Thomas Gilli (22). Die drei Studenten haben in Regensburg das Start-Up Circle Technologies Holding gegründet. Um ein Portfolio für die junge Firma aufzubauen und zu zeigen, was das Dreierteam technisch drauf hat, hatte Sellmaier begonnen, an einer zunächst vagen Idee für eine App zu feilen.

Vier Tage bis zur fertigen App

Der 21-Jährige, der im siebten Semester Physik in Regensburg studiert, setzte sich an einem Wochenende im Oktober hin, um Lime zu programmieren. Ein Nachrichtendienst sollte es sein, der auf einen Ort begrenzt, leicht zu bedienen und anonym ist. So viel stand fest. Dass es schließlich nur vier Tage gedauert hat, bis Lime komplett funktionstüchtig war, haben Sellmaier, Bachmaier und Gilli am Anfang selbst nicht gedacht. Sie erzählten Freunden und Kommilitonen von ihrem Projekt und merkten schnell, dass ihre Idee ankommt. Am 1. November gaben sie die Alpha-Version zum Download frei. Zwei Wochen später hatten etwa 300 bis 500 Nutzer die Anwendung auf ihren Smartphones.

Alexander Bazo, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medieninformatik der Uni Regensburg, unterstützt Studenten bei der Entwicklung von Apps. Anders als beim Lime-Team entstehen die Projekte hier in einem Seminar, nicht im eigenen Firmenbüro. Häufig kommen Studenten mit eigenen Ideen. Im Seminar wird der Arbeitsablauf dann in drei Phasen gegliedert: im ersten Schritt soll die App auf dem Markt abgestimmt und nutzerfreundlich gemacht werden. Als Zweites geht es an die konkrete Planung und Programmierung. Als Drittes soll aus dem technischen Entwurf ein fertiges Produkt werden. Dann erst kann die App freigegeben werden.

Pokémons auf dem Regensburger Campus jagen

Die Projekte, an denen die Regensburger Studenten tüfteln, sind vielfältig: eine App zum musikalischen Gehör-Training, eine Vorlesungs-App, um das eigene Wissen im Studium zu testen, oder ein lokales Pendant zum beliebten Pokémon Go-Spiel – nämlich Uni-Mon, mit dem Spielfiguren auf dem Uni-Campus gefangen werden. Aus seiner Erfahrung als Dozent weiß Bazo, dass neue Anwendungen es am Anfang oft schwer haben. Das treffe gerade bei Nachrichtendiensten wie der Lime-App zu. „Erst wenn viele User den gleichen Dienst nutzen, wird es interessant“, sagt er. Schließlich lebt Lime von der Interaktion mit anderen, die den gleichen Dienst mit ihrem Handy nutzen. Einige Projekte scheitern laut Bazo an dieser Hürde.

Sellmaier, Bachmaier und Gilli haben den ersten kniffligen Punkt nach nur knapp drei Wochen anscheinend überwunden. Allein bei der Wahlparty im Regensburger Audimax wurden 400 bis 500 Nachrichten über Lime verschickt, sagen die Macher. „Das hat unglaublich viel Spaß gemacht.“ Insgesamt seien es seit der Freigabe schon 5000 Nachrichten.

Wer Lime auf dem eigenen Smartphone ausprobieren will, findet hier im Google Play Store den Link zum Download.

Die Nachrichten prägen den Ort

Der Name der App steht für „localized messenger“, ein örtlich begrenzter Nachrichtendienst also. Nur wer im Audimax war, konnte die Nachrichten der Wahlparty lesen und mitkommentieren. Genauso funktioniert es im Uni-Seminar: Pling. „Hey, hat jemand die Aufgabe des Profs verstanden?“ – Oder auf dem Christkindlmarkt: Pling. „Brauche einen Tipp. Wo gibt’s den besten Glühwein?“ Die Nachrichten sollen auf den jeweiligen Ort abgestimmt sein.

Besonders daran ist, dass Nachrichten archiviert werden. Kommt man an den Ort des Geschehens zurück, sind die alten Textschnipsel abrufbar – und zwar auf unbegrenzte Zeit. Die Kommentare prägen ihren Schauplatz, zumindest virtuell. Die Macher sagen: Orte mit Nachrichten „volllimen“.

Weitere Apps aus der Region

  • KommGutHeim 2.0

    Die App von Regensburger Studenten will dem Nutzer ein sicheres Gefühl auf dem Heimweg geben. Der Heimgeher kann sich virtuell von anderen begleiten lassen.

  • Flüchtlings-App

    Die App Integreat bietet nützliche Tipps für Flüchtlinge im Alltag in drei unterschiedlichen Sprachen an. Sie ist für acht verschiedene Orte verfügbar, auch für Regensburg. Hilfreiche

  • Notruf-App

    Die Notruf-, Informations- und Nachrichten-App, kurz NINA , warnt vor Katastrophen wie Hochwasser oder Bränden, aber auch vor Anschlägen oder Amokläufen.

  • Amberg-App

    Wer in Amberg auf der Suche nach einem Parkplatz ist oder Infos zu historischen Gebäuden sucht, kann die Amberg-App nutzen. Sie funktioniert wie ein digitaler Stadtführer.

  • kicker-App

    Sport-Fans kommen mit der kicker-App auf ihre Kosten . Sie stammt aus der Regensburger App-Schmiede tickaroo, bietet Livescores, Spielberichte und mehr.

  • kult-App

    In Sachen Nachtleben in Regensburg ist die kult-App ein guter Berater. Der mobile Event- und Locationfinder gibt Tipps zu aktuellen Veranstaltungen in der Domstadt.

Bleibt die Frage, warum Lime Nachrichten anonymisiert. Warum soll niemand wissen, von wem ein Kommentar stammt? Das Dreierteam wollte WhatsApp, Facebook und Co. bewusst etwas entgegensetzten. „Es soll keine Plattform für die typische Selbstdarstellung sein“, sagt Bachmaier. Der 21-jährigen BWL-Student will nicht, dass jeder seine persönliche, politische Einstellung kennt. Der Fokus soll auf dem ortsbezogenen Austausch liegen, nicht auf privaten Meinungen.

Und was passiert, wenn Kommentatoren Beleidigungen oder gar Hetze verbreiten, wie man es zum Beispiel von Facebook kennt? Um das zu verhindern, arbeitet das Team an einem Mechanismus, der auf künstlicher Intelligenz basiert. Er soll Hasskommentare automatisch herausfiltern und lernfähig sein. Aus blockierten Nachrichten soll die Applikation Rückschlüsse für künftige Sperrungen ziehen. „Unsere Intention ist nicht, einen rechtsfreien Raum zur Verfügung zu stellen“, sagt Bachmaier. Sollte es soweit kommen, würden die drei Studenten Lime lieber vom Markt nehmen.

Lesen Sie mehr:

Was ist geboten am Regensburger Campus? Im Kugelschreiber bloggen Studenten auch im neuen Semester über den Uni-Wahnsinn. Zum Blog geht‘s hier!

Im MZ-Spezial @ppgecheckt lesen Sie, was in der mobilen Welt angesagt ist. Die MZ-Online-Redaktion sammelt Trends, Tests und Download-Tipps.

Mehr Hochschulnachrichten lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht