MyMz

Botanik

Wildpflanzen im Tiefkühlschlaf

In einer Genbank haben vier Botanische Gärten Samen von rund 300 Arten gesammelt, die für Landwirtschaft und Ernährung von Bedeutung sind.
Von Louisa Knobloch, MZ

  • Vakuumverschweißt werden die Wildpflanzensamen in der Kühlkammer des Botanischen Gartens der Universität Osnabrück aufbewahrt. Foto: dpa
  • Das Team des Projekts „Genbank WEL“ mit Projektleiterin Prof. Dr. Sabine Zachgo (4.v.r.) bei der Abschlusstagung in Regensburg. Foto: Knobloch
  • Spitzwegerich (Plantago lanceolata) gehört zu den gesammelten Wildpflanzen. Foto: dpa
  • Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum) gehört zu den gesammelten Wildpflanzen. Foto: dpa/gms

Regensburg. Echtes Herzgespann, Bärenschote oder Silbergras – das sind nur drei von rund 300 verschiedenen Wildpflanzenarten, deren Samen Wissenschaftler in den vergangenen fünf Jahren gesammelt und eingelagert haben. „Unser Ziel ist der nachhaltige Schutz biologischer Vielfalt“, erklärt Prof. Dr. Sabine Zachgo, Direktorin des Botanischen Gartens der Universität Osnabrück. Sie leitet das Projekt „Genbank Wildpflanzen für Ernährung und Landwirtschaft“ (WEL), an dem auch die Botanischen Gärten Regensburg, Berlin und Karlsruhe sowie die Pädagogische Hochschule Karlsruhe beteiligt sind. Bei der Abschlusstagung Ende April in Regensburg informierten die Wissenschaftler über die Ergebnisse ihrer Arbeit.

Verantwortung für die Vielfalt

Dass vier Botanische Gärten für das Projekt ein Netzwerk gebildet haben, ist Prof. Dr. Peter Poschlod zufolge bisher einmalig. Der Leiter des Botanischen Gartens der Universität Regensburg war mit seinem Team für den Beprobungsraum Südost verantwortlich, der neben Bayern auch Thüringen und Teile von Hessen umfasste. Insgesamt wurden in den vier Beprobungsräumen 4292 sogenannte Akzessionen von 262 Arten gesammelt. Das ursprüngliche Ziel hatte bei 299 Arten gelegen. Um auch die genetische Vielfalt innerhalb einer Art abzubilden, wurden Samen an verschiedenen Standorten gesammelt. Anschließend wurde das Saatgut gesäubert, getrocknet, unter Vakuum verpackt und lagert nun bei minus 18 Grad.

Bei Genbanken handelt es sich um eine Form der Ex-situ-Erhaltung, also außerhalb des eigentlichen Lebensraums der Arten. „Der In-situ-Schutz reicht oft nicht aus, um einer Pflanze das Überleben zu ermöglichen“, erläutert Poschlod. Dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Arten ausgestorben seien, gehe zu einem großen Teil auf Veränderungen in der Landwirtschaft zurück. So seien durch die Flurbereinigung viele artenreiche Grenzlinienlebensräume verloren gegangen. „Heute hat der Naturschutz die Verantwortung für die Vielfalt übernommen, obwohl die Landwirtschaft diese Vielfalt erst geschaffen hat“, so Poschlod. Seit die Menschen in Mitteleuropa begonnen hätten, Ackerbau zu betreiben, seien immer wieder neue Arten zu uns gekommen – die Römer führten etwa die Kulturform der Weinrebe und zahlreiche Gemüsearten wie Zwiebel, Knoblauch, Gurke oder Rettich ein. Aufgrund dieses Erbes sieht Poschlod die Landwirtschaft heute in der Pflicht, die Vielfalt zu erhalten.

Für die „Genbank Wildpflanzen für Ernährung und Landwirtschaft“ haben die Wissenschaftler Arten ausgewählt, die als pflanzengenetische Ressourcen (PGR) auch einen ökonomischen Wert haben – etwa als Obst und Gemüse, Futterpflanzen, Bienenweide oder Arznei- und Gewürzpflanzen. So findet sich in der Genbank unter anderem Samen von Bärlauch, Spitzwegerich, Wermut, Sanddorn, Johanniskraut oder Feld-Klee. Oftmals handelt es sich um die wildlebenden Verwandten von Kulturpflanzen – mögliche Resistenzen gegen Schädlinge machen sie für die Züchtungsforschung interessant.

Dass sich Wildpflanzen auch als nachwachsende Rohstoffe zur Biomasseproduktion nutzen lassen, zeigte Dr. Birgit Vollrath von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau anhand von zwei aktuell laufenden Projekten. Den Mais-Monokulturen setzen die Wissenschaftler Saatmischungen von mehrjährigen Wild- und Kulturpflanzenarten entgegen. „Aktuell erreichen wir rund 50 Prozent des Methanhektarertrags von Mais bei guten Siliereigenschaften“, sagt Vollrath. Im Vorteil seien die Wildpflanzen auf trockenen, steinigen oder steilen Standorten sowie bei Witterungsextremen wie Trockenheit. Zudem bieten sie Wildtieren, Vögeln, Fledermäusen und Insekten einen Lebensraum. „Die Struktur- und Artenvielfalt in der Agrarlandschaft wird durch die Nutzung von Wildpflanzen für Biogas erhöht“, so Vollrath.

„Schutz durch Nutzung“

Für Forschung und Züchtung ist es möglich, Samen aus der Wildpflanzen-Genbank zu erhalten. Dafür gibt es auf der Homepage ein eigenes Bestellformular. Von „Schutz durch Nutzung“ spricht Dr. Frank Begemann von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, die das Projekt gefördert hat. Die WEL-Genbank sei ein integraler Baustein des Genbankstruktur in Deutschland, sagt Begemann – zumal der Anteil der Wildarten an den Genbank-Sammlungen sehr klein sei. 1750 solcher Genbanken gibt es weltweit, führt Dr. Andreas Börner vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben aus. Dort wird vor allem Saatgut von wichtigen Nahrungspflanzen wie Weizen, Reis, Gerste, Mais oder Bohnen gelagert. Die Lebensfähigkeit des Saatgutes ist jedoch begrenzt, sodass in bestimmten Zeitabschnitten Pflanzen herangezogen werden müssen, um neues Saatgut zu erhalten. Bei der WEL-Genbank sind Prof. Poschlod und sein Team für Keimtests zuständig.

Die vier Botanischen Gärten und die Pädagogische Hochschule Karlsruhe arbeiten mittlerweile schon an einem neuen Projekt: Im Mittelpunkt von „Wildpflanzen-Schutz Deutschland“ stehen 15 Pflanzenarten, für die Deutschland dem Bundesamt für Naturschutz zufolge international eine besondere Verantwortung hat, „weil sie nur hier vorkommen oder weil ein hoher Anteil der Weltpopulation hier vorkommt“. Dazu gehören unter anderem Arnika, das Breitblättrige Knabenkraut und der Sumpf-Enzian. Von der Größenordnung sei das Projekt zwar kleiner als die WEL-Genbank, so Poschlod. Dafür könne man die 15 Arten viel intensiver besammeln.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht